Genau so soll ein Konzertabend enden: wenn das Gehörte im Kopf weiterarbeitet

Paavo Järvi und Hayato Sumino   Kurhaus Wiesbaden, aus, 3. September 2026

Fotos: Copyright by Ansgar Klostermann

Orchesterfest aus Zürich

Sergej Prokofjew
Klavierkonzert Nr. 3 C-Dur op. 26

Pjotr Tschaikowsky
Sinfonie Nr. 5 e-moll op.64

Hayato Sumino, KLAVIER

Tonhalle-Orchester Zürich
Paavo Järvi, musikalische Leitung

Kurhaus Wiesbaden, 3. September 2026

von Dirk Schauß

Ein sommerliches Kurhaus ist kein Ort für flüchtige Gefälligkeiten. Wer hier antritt, muss Haltung zeigen – und Paavo Järvi dachte an diesem Septemberabend gar nicht daran, Geschenke zu verteilen. Dass der japanische Pianist Hayato Sumino mit Sergei Prokofjews drittem Klavierkonzert den Schlusspunkt seiner Rheingau-Residenz setzte, las sich auf dem Papier als bravouröses Solistenfest. Auf dem Podium des Friedrich-von-Thiersch-Saals entwickelte sich jedoch eine völlig andere Dynamik. Järvi nahm das Werk kurzerhand in den Schwitzkasten seines Gestaltungswillens. Er begriff dieses schillernde Stück nicht als Zirkusarena für Tastenlöwen, sondern als eine messerscharf konstruierte sinfonische Partitur mit obligatem Klavier. Das Tonhalle-Orchester Zürich folgte ihm dabei mit einer Präzision, die stellenweise an sportliche Höchstleistungen grenzte.

Prokofjews Musik verzeiht keine Nachlässigkeiten. Sie fordert klangliche Transparenz, ohne trocken zu wirken, und verlangt Biss bei absoluter Formkontrolle. Was die Zürcher Holzbläser bereits in den ersten Takten an intonierten Farben anboten, glich einem Lehrstück raffinierter Registermischung. Wenn die Streicher mit einer stoischen Eleganz dazwischenfuhren, wurde klar: Hier agiert ein Spitzenklangkörper. Selbst volkstümliche Beigaben wie Schlagwerk, Tamburin und Kastagnetten fügten sich ohne klamaukhafte Schärfe in den Gesamtapparat ein. Der Solist passte sich dieser kühlen, meisterhaften Architektur verblüffend nahtlos an.

Hayato Sumino, Klavier, Tonhalle-Orchester Zürich Paavo Järvi, (c) Ansgar-Klostermann

Hayato Sumino verzichtete auf jede Form virtuosen Pathos. Keine ausladenden Gesten, kein künstliches Verharren über der Tastatur, keine dramatisch zuckenden Schultern. Er saß am Flügel wie ein Mathematiker, der hochkomplexe Gleichungen im Kopfrechnen löst, während um ihn herum das Orchester brauste. Technisch stand er völlig unangefochten über den brutal steilen Klippen dieser Notenströme. Er formulierte die vertrackten Passagen mit einer unaufgeregten, beinahe beiläufigen Klarheit. Faszinierend war zu beobachten, wie dosiert seine Kraft blieb und wie haargenau jede Artikulation saß. Er überließ das Spielfeld weitgehend der Orchesterregie und ließ sich vom Sog der Zürcher getrost mitreißen. Das Publikum quittierte diesen Husarenstreich mit stürmischem Beifall, den Sumino mit zwei kabinettstückartigen Zugaben bedankte: erst wogte Broadway-Flair durch eine eigene Improvisation, dann folgte eine schelmische Variation über Mozarts Bekanntes aus dem Kinderzimmer.

Hayato Sumino, Klavier, Tonhalle-Orchester Zürich Paavo Järvi, (c) Ansgar-Klostermann

Nach der Pause verwandelte sich der Saal für Pjotr Tschaikowskys fünfte Sinfonie in eine hochexplosive Klanglandschaft. Wer fürchten musste, nach dem spritzigen Prokofjew nun in russischem Tränenschmalz zu ertrinken, sah sich rasch eines Besseren belehrt. Järvi sezierte die e-Moll-Sinfonie mit unnachgiebiger Strenge und entzog ihr jede billige Rührseligkeit. Das Akustikprofil des Saals kam dieser Lesart entgegen: Der Klang blieb straff, konturiert und knochentrocken. Das war kein dunkles Wälzen im Schicksalssumpf, sondern eine unerbittliche dramatische Dramaturgie.

Järvi hielt die Lyrismen an kurzer Leine. Wo andere Dirigenten ins Schwelgen geraten und das Tempo verschleppen, trieb er die Phrasen mit feiner Agogik voran. Die Steigerungen wirkten dadurch nicht gewollt, sondern zwangsläufig. Selbst der Walzer des dritten Satzes wirkte unter seinen Händen alles andere als gefällig: zwielichtig, lauernd, mit einem untergründigen Unbehagen, das dem scheinbar eleganten Dreivierteltakt die Unschuld raubte. Wenn das Blech schließlich zusammen mit der Pauke zu den großen Ausbrüchen ansetzte, entfesselte sich eine Wucht, die physisch greifbar war. Das Orchester agierte in allen Gruppen auf internationalem Spitzenniveau. Ein Extralob gebührt den Soloinstrumenten: Die Dialoge von Klarinette und Fagott im ersten Satz waren von unaufdringlicher Schönheit. Und was das Solo-Horn im langsamen zweiten Satz an samtener Tongebung und absoluter Makellosigkeit ablieferte, darf ohne Weiteres als Sternstunde der Bläserkultur verbucht werden.

Hayato Sumino, Klavier, Tonhalle-Orchester Zürich Paavo Järvi, (c) Ansgar-Klostermann

Als der schmetternde E-Dur-Jubel des Finales verhallt war und die Zuhörer nach der emotionalen Achterbahnfahrt nach Atem rangen, verweigerte der Dirigent die gewohnte Zugabe zur allgemeinen Aufheiterung. Kein flotter Slawischer Tanz, kein schwungvoller Walzer zum Abgewöhnen. Stattdessen schickte Paavo Järvi das stehend applaudierende Publikum mit Arvo Pärts leisen, schwermütigen Streicherklängen nach Hause. Dieser radikale Stimmungswechsel wirkte wie eine kalte Dusche auf die erhitzten Gemüter. Die elegischen, ja statischen Töne legten sich wie ein Schattenschleier über den zuvor gefeierten Triumph – ein Klagegesang, der keineswegs als süßes Trösterchen taugte, sondern als eindringliche Mahnung im Raum stehen blieb.

Man verließ das Kurhaus an diesem späten Abend nicht mit dem Gefühl platter Sättigung, sondern mit einer unruhigen, nachdenklichen Schärfe im Ohr.

Genau so sollte ein Konzertabend enden: wenn das Gehörte im Kopf weiterarbeitet.

Dirk Schauß, 4. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Bernstein, Gershwin, Ravel, Mahler 1 6. August 2026, Kurhaus Wiesbaden, Friedrich-von-Thiersch-Saal

Mahler und Beethoven, Hessisches Staatsorchester Wiesbaden, Jonathan Nott Kurhaus Wiesbaden, 20. Mai 2026

Auf den Punkt 57: Paavo Järvi /Janine Jansen Elbphilharmonie, 11. Mai 2025

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