Joshua Bell – Copyright by Phillipp Knott und © Alte Oper Frankfurt/Tibor-Florestan Pluto
Kevin Puts
Earth
Johannes Brahms
Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 77
Robert Schumann
Sinfonie Nr. 1 op. 38 „Frühlingssinfonie“
Academy of St Martin in the Fields
Joshua Bell, Violine & musikalische Leitung
Gastspiel in der Alten Oper Frankfurt, 17. Januar 2026
von Dirk Schauß
Ein Konzert kann gelingen, weil alles bis ins kleinste Detail präzise geplant ist. Oder weil die Menschen auf der Bühne einander einfach blind verstehen.
Dieser Abend in der Alten Oper Frankfurt gehörte eindeutig zur zweiten Kategorie. Joshua Bell und die Academy of St Martin in the Fields musizierten nicht nebeneinander, sondern wirklich miteinander, getragen von einer Vertrautheit, die sich nicht einfach herstellen lässt, sondern über Jahre wächst.
Seit 2011 ist Bell Music Director dieses traditionsreichen Orchesters, und man spürt bei jedem Blick, jeder Geste: Hier werden keine Rollen gespielt. Bell steht nicht als großer Dirigent vor dem Ensemble, sondern bewegt sich als Primus inter Pares mitten drin. Eine hochgezogene Augenbraue, ein kleiner Impuls mit der Schulter, ein geteilter Atemzug – das reicht, um musikalische Entscheidungen zu treffen. Dieses tiefe gegenseitige Vertrauen war das eigentliche Fundament des Abends und hat drei sehr unterschiedliche Werke zu einem erstaunlich schlüssigen Ganzen verbunden.
Den Auftakt machte „Earth“ von Kevin Puts, ein Komponist, der in Europa immer noch Seltenheitswert hat. Dabei ist Puts in den USA längst ein Star unter den zeitgenössischen Komponisten – Pulitzer-Preisträger mit seiner Oper „Silent Night“, regelmäßig auf den großen Spielplänen. Er schreibt Musik, die sich nicht über Brüche, Dissonanzen oder Provokationen definiert, sondern über emotionale Klarheit, klare Strukturen und eine unglaublich feine Sensibilität für Klangfarben. Damit steht er in einer amerikanischen Tradition, die Tonalität nicht als Rückschritt sieht, sondern als echtes Werkzeug – modern, ohne dogmatisch zu sein.
„Earth“ erzählt nicht im klassischen Sinn, sondern malt Atmosphären. Das Stück arbeitet mit großen, langsamen Spannungsfeldern, die eher an geologische Prozesse erinnern als an konkrete Naturbilder – eine Hommage an den blauen Planeten in „gebetsartiger, meditativer“ Form, wie Puts es selbst fordert. Breite Streicherflächen in ostinater Bewegung legen den Grund, aus dem sich dann Holzbläserlinien lösen, unterbrochen von feinen, wiederkehrenden Harfeneinwürfen. Rhythmische Impulse gibt es, aber sie drängen nie in den Vordergrund. Stattdessen entsteht dieser Eindruck von permanenter, leiser, unaufhaltsamer Bewegung – wie die Erde selbst atmet.
Bell hat diese Musik bewusst unaufgeregt entfalten lassen. Keine dramatischen Kontraste, stattdessen Durchhörbarkeit und Geduld. In seinem Vortrag dominiert die Kantabilität, sein inniger, warmer Ton kam hier besonders intensiv zur Geltung. Die Academy spielte mit bemerkenswerter Transparenz – gerade in den leisesten Passagen hörte man, wie kunstvoll Puts die Stimmen verzahnt hat. „Earth“ wirkte so nicht wie ein zeitgenössisches Pflichtprogramm, sondern wie ein ungemein friedvoller, heilender Auftakt, der den ganzen Hörraum geöffnet hat.
Dann rückte Bell selbst ins Zentrum: das Violinkonzert D-Dur op. 77 von Johannes Brahms. Dieses Werk ist ein Meilenstein – Brahms denkt hier nicht mehr in der alten Trennung von Solist und Begleitung, sondern sinfonisch. Das Orchester trägt echtes thematisches Gewicht, kommentiert, widerspricht, treibt voran. Der Solist ist Teil eines größeren Ganzen. Dass Bell dieses „Monster für Geiger“ ohne separaten Dirigenten spielte, war eine bewusste, mutige – und ja, auch riskante – Entscheidung. Es setzt voraus, dass Orchester und Solist dieselbe Vorstellung von Form, von Atem, von Spannung teilen.
Der lange orchestrale Beginn des ersten Satzes wurde sorgfältig aufgebaut, wenn auch in allzu gediegener Gestaltung. Bell griff erst ein, als das thematische Material wirklich stand – sein Einstieg fühlte sich nicht wie ein Auftritt an, sondern wie die natürliche Fortsetzung eines Gedankens. Technisch war sein Spiel nahezu makellos, aber nie selbstzweckhaft virtuos; in den schnellen Passagen nicht immer kristallklar artikuliert. Stattdessen standen Klangkultur und Linienführung im Vordergrund. Bell modellierte die großen Bögen mit Ruhe, ließ Übergänge bewusst offen und schuf so eine betont introvertierte Interpretation – weniger dramatisch-explosiv, mehr innere Logik und Tiefe. Das Orchester reagierte flexibel auf kleine Tempoveränderungen, nahm Spannungen auf und gab sie zurück.
Im Adagio erreichte diese Lesart ihren emotionalen Höhepunkt. Der Satz lebt von Reduktion, von innerer Konzentration. Die berühmte Oboenmelodie wurde intensiv, sehr kammermusikalisch gespielt – Pathos hatte hier keinen Platz. Ein großer Moment war, wie die Holzbläser mit dem fein intonierenden Horn mit solcher Klangschönheit musizierten – das war atemberaubend. Bell antwortete mit einem Ton von großer Wärme, aber kontrolliertem Ausdruck. Sein Vibrato blieb sparsam, die Phrasen klar gezeichnet. Hier zeigte sich Brahms als Komponist tiefer Empfindung, ohne je sentimental zu werden.

Der Finalsatz brachte dann Bewegung und Erdung. Bell betonte den tänzerischen Charakter, ohne ihn zu sehr folkloristisch zu färben. Das Zusammenspiel wirkte organisch, getragen von gemeinsamem Puls und echter Freude am Dialog. Trotzdem gab es hörbare Beeinträchtigungen: die sehr kleine Streicherbesetzung mit nur zwei Kontrabässen und vier Celli ließ den Klang manchmal etwas dünn wirken, obwohl die Academy beherzt spielte. Bell war verständlicherweise voll mit seinem Solopart beschäftigt, konnte das Orchester kaum aktiv steuern – da sprang oft der Konzertmeister resolut ein. Interpretatorisch blieb der Orchestervortrag stellenweise eher akademisch-routiniert. Joshua Bell stand als Solist im Vordergrund, dem es zuweilen an voller Kraft fehlte, während das Orchester zurückhaltend blieb und im Rhythmus, vor allem im dritten Satz, etwas vage agierte. Trotzdem: Großer, herzlicher Jubel im Publikum.
Nach der Pause dann Robert Schumanns erste Sinfonie B-Dur op. 38, die „Frühlingssinfonie“. Entstanden 1841 in einer Phase euphorischer Kreativität, gilt sie oft als heiteres Gegenstück zu Schumanns späteren, dunkleren Werken. Aber diese Heiterkeit ist vielschichtig – Schumann denkt weniger in klar abgegrenzten Formen als in Stimmungsräumen, die rasch wechseln, sich überlagern. Optimismus und Zweifel liegen hier ganz nah beieinander.
Joshua Bell, an der Seite des Konzertmeisters sitzend, nahm diese Ambivalenz ernst. Der Beginn des ersten Satzes klang frisch, aufbrausend – die berühmte Fanfare wie ein Aufruf, nicht wie ein fertiges Siegeszeichen. Im Verlauf arbeitete er die motivischen Verflechtungen sorgfältig heraus. Übergänge wurden nicht geglättet, sondern bewusst hörbar gemacht. Schumanns musikalischer Charakter – Sturm und Drang – wurde im flotten Tempo punktgenau getroffen.
Der zweite Satz bekam ein nachdenkliches, introvertiertes Gepräge: ruhige Tempi, atmende Phrasierung. Besonders die Streicher überzeugten mit warmem, nuanciertem Klang, der die innere Spannung dieser Musik wirklich trug.
Der dritte Satz ertönte in geschärften Kontrasten. Bell hielt das Orchester eng zusammen, achtete auf ausgewogene Balance und Transparenz. Holzbläser und Streicher kommunizierten auf Augenhöhe, ohne sich zu überdecken. Trompeten und Pauke sorgten für zusätzliche Spannungsmomente.
Im Finale bündelte sich dann die ganze Energie: Der Frühling leuchtete in hellen Farben, im Überschwang. Bell setzte auf Klarheit und Beweglichkeit, ließ die Musik strahlen, ohne sie zu beschweren. Die Academy bewies hier einmal mehr ihre besondere Qualität: ein Klangkörper, der trotz reduzierter sinfonischer Größe sonor und extrem dialogfähig war, im bestechenden Zusammenspiel. Gerade in der zweiten Konzerthälfte klang das Orchester kompakter, kontrastreicher. Ein feiner, berührender Vortrag, der heftig akklamiert wurde.
Am Ende blieb mehr zurück als der Eindruck eines „nur“ musikalisch gelungenen Abends. In einem Jahr, das mit Krieg, Terroranschlägen, wachsender Einschränkung von Meinungsfreiheit und tiefer gesellschaftlicher Spaltung begonnen hat, wirkt so ein Konzert nicht wie Eskapismus, sondern wie eine notwendige Zumutung. Diese Musik verweigert einfache Antworten und schnelle Erregung. Sie verlangt Aufmerksamkeit, echtes Zuhören, das Aushalten von Ambivalenz – genau das, was in der öffentlichen Debatte zunehmend fehlt.
Was Joshua Bell und die Academy of St Martin in the Fields an diesem Abend vorführten, war kein idealisiertes Bild von Harmonie, sondern ein lebendiges Modell des Umgangs miteinander: Führung ohne Autoritarismus, Gemeinschaft ohne Gleichschaltung, Individualität ohne Rücksichtslosigkeit. In Brahms’ Violinkonzert ringen Solist und Orchester miteinander, ohne dass einer den anderen dominiert. In Schumanns „Frühlingssinfonie“ steht jeder Aufbruch im Schatten innerer Unruhe. Und selbst Kevin Puts’ „Earth“ erinnert eindringlich daran, wie fragil die Grundlagen sind, auf denen alles ruht.
Der Frühling, der am Ende von Schumanns Sinfonie aufleuchtet, ist kein ungebrochener Jubel. Er ist errungen, tastend, verletzlich. Gerade deshalb wirkt er so glaubwürdig. Dieses Konzert hat nicht behauptet, dass Musik die Welt reparieren kann. Aber es hat gezeigt, dass Denken, Differenz und gegenseitige Verantwortung hörbar gemacht werden können. In Zeiten der Zuspitzung ist das kein kleiner Beitrag.
Dirk Schauß, 18. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
NDR ELBPHILHARMONIE ORCHESTER / JOSHUA BELL / RYAN BANCROFT Elbphilharmonie, 18. Januar 2024
NDR Elbphilharmonie Orchester/Joshua Bell und Alan Gilbert Elbphilharmonie, 3. November 2023