Neues aus der Unterfahrt: Ben Ezra macht keine Musik – er ist Musik!

Adam Ben Ezra,  Jazzclub Unterfahrt, München, 7. Februar 2020

Jazzclub Unterfahrt, München, 7. Februar 2020
Adam Ben Ezra
Foto: © Ezra Gozo Mansur

Adam Ben Ezra: Kontrabass, Piano, Klarinette, Querflöte, Percussion, Gesang, Keyboards, Effekte.

von Petra Spelzhaus

Klick. In einem lichtdurchfluteten Wohnzimmer steht ein junger Mann mit kariertem Hemd und stylishem Hut. Er zupft und beklopft seinen Kontrabass, dass man mit geschlossenen Augen ein Trio erwarten würde. Jedoch entdeckt man statt weiterer Musiker lediglich einen tiefenentspannt auf dem Parkett liegenden Hund, der in der Musik des Bassisten badet. Allein dieses Video des Songs „Awesome Upright“ von Adam Ben Ezra wurde auf einem bekannten Musikvideoportal 2,8 Millionen Mal aufgerufen. Die Youtube-Videos des israelischen Multiinstrumentalisten haben weltweit viele Millionen Follower.

Der Münchener Jazzclub Unterfahrt hat das Potential, ebenfalls eines der Wohnzimmer Ben Ezras zu werden. Bereits zum dritten Mal tritt der Künstler in dem renommierten Musikkeller auf, um seine dritte – im März erscheinende – CD „Hide and Seek“ vorzustellen. Das Konzert ist schon seit langem restlos ausverkauft. Man hat das Gefühl, dass jeder freie Winkel der Unterfahrt genutzt wird, um die Zuschauermengen unterzubringen. Auf der Bühne entdeckt man neben Ben Ezras Hauptinstrument, dem Kontrabass, eine Klarinette, eine Querflöte, einen Flügel, Computer und jede Menge Elektronik.

Ben Ezra eröffnet das Konzert am Kontrabass. Das Stück „Balagusto“ beginnt perkussiv. Das Bassriff begleitet das Thema, die Percussion das Basssolo, beim Percussion-Solo stampft der mit Schellen umwickelte rechte Fuß des Musikers. Ben Ezra macht keine Musik, er ist Musik.

Im Laufe des Abends kommen zunehmend die digitalen bzw. elektronischen Hilfsmittel ins Spiel. Im Titelstück der CD „Hide and Seek“ wird zunächst die Percussion geloopt, dann das Bassriff. Darauf baut sich das gestrichene Basssolo auf, anschließend ein durch die Elektronik verzerrtes E-Gitarrensolo. Der Gesang wird – dank Looper – zum mehrstimmigen Chor. Ben Ezra kreiert innerhalb weniger Minuten seine eigene Band.

Mit dem Stück „Silkroad“ beginnt eine musikalische Weltreise. Der Musiker nimmt uns mit nach Afrika, um uns dann über den Orient bis nach Indien zu entführen. Im folgenden „Flamenco“ wähnen wir uns in Andalusien, der Künstler legt gar einen gelungenen Stepptanz hin. Es folgt ein orientalischer Reggae mit geloopten mehrstimmigen Gesang.

Die Gesangssprache klingt – zumindest für Nichtkundige – arabisch. Ben Ezra klärt uns darüber auf, dass er in einer Kunstsprache singt. Angelehnt an das indische System, in dem die Silbennamen gesungen werden, entwickelt der Musiker eine eigene Sprache mit orientalischem Sound.

Im Song „Prayer“ verarbeitet Ben Ezra seine israelisch-arabischen Wurzeln. Die Klarinette kommt mit ordentlich Hall zum Einsatz: Eine jiddische Melodie mit orientalischen Farbnuancen wird abgelöst von arabisch anmutender Bassmelodie und Gesang.

Nach der Pause freut sich das Jazzerohr über vertraute Klänge: Am Bass pur nimmt ein Medley von „Black Orpheus“ und „Besame mucho“ an Fahrt auf.

Die Weiterentwicklung des Musikers dokumentiert „Tumbada“, eine vor 8-9 Jahren komponierte afrikanische Ballade, auf dem Flügel dargeboten. Diese entfaltet sich zu einer Ballade des mittleren Ostens mit orientalischem Gesang.

Im zweiten Konzertteil wird es zunehmend rhythmuslastiger und elektronischer. Es dominieren Sounds von Schlagzeug, Synthesizer und E-Gitarre. Das letzte Stück des Abends beginnt mit orientalischem Gesang auf funkigem Beat, es folgt ein gestrichener Bass, ein mehrstimmiger Gesang. Immer mehr Instrumente werden elektronisch hinzugefügt. Das klingt fast schon symphonisch.

Das frenetisch applaudierende Publikum wird mit einer Zugabe belohnt.

Adam Ben Ezra ist ein Phänomen. Mit fünf Jahren begann er das Geigenspiel, mit neun Jahren entdeckte er die Gitarre. Es folgen diverse Instrumente, die der aus Tel Aviv stammende Musiker sich quasi autodidaktisch beibrachte, bis er mit 16 Jahren auf sein Hauptinstrument, den Kontrabass mit seinem satten Klang stieß. Er ist ein äußerst vielseitiger und virtuoser Multiinstrumentalist, selbst auf einem einzelnen Instrument wie dem Kontrabass. Mit Hilfe der Elektronik bzw. digitalen Technik kreiert er den Sound einer gesamten Band. Analog verschwimmt mit Digital. Der Internet-Star war und ist in unzähligen Konzerten – u. a. auch mit Snarky Puppy, Pat Metheny oder Richard Bona –  ganz real zu sehen und zu hören. Er ist präsent auf allen Kanälen. Man könnte sagen, Adam Ben Ezra ist ein meisterhafter Wandler zwischen analoger und digitaler Musikwelt.

Petra Spelzhaus, 8. Februar 2020, für
klassik-begeistert.de

 

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Jazzclub Unterfahrt, München, 7. Februar 2020“

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