"Lulu" in Leipzig: Tut nicht weh, berührt nicht – schade um diese verschenkte Chance

Alban Berg, Lulu,  Oper Leipzig

Foto: Tom Schulze, Oper Leipzig (c)
Oper Leipzig
, 1. Juli 2018
Alban Berg, Lulu
Ulf Schirmer, Dirigent

von Guido Müller

Zum Ende der Jubiläumsspielzeit setzt der Intendant und Generalmusikdirektor der Oper Leipzig mutig ein Werk an, das ihm seit über 30 Jahren und seinem Einspringen für Lorin Maazel in Wien emotional besonders am Herzen liegt: die unvollendete 12-Ton-Oper „Lulu“ von Alban Berg. Allerdings gibt es nur drei Vorstellungen der Leipziger Erstaufführung dieser Oper. Das klingt nach Risikominimierung. So wirkt auch das sparsame Bühnenbild (Alex Brok). Ersetzt wird es durch ständige Videofilmeinblendungen der oft wechselnden Spielorte, der Fantasien wie Erinnerungen im Kopfe der Kindfrau Lulu.

Leider erfüllt die Produktion der Regisseurin Lotte de Beers in keiner Weise hochgestellte Erwartungen. Es handelt sich eher um Videoinstallationen auf teilweise bis zu acht oft flackernden Leinwänden (bewährt: Momme Hinrichs und Torge Möller von FettFilm) mit begleitendem Orchester (immerhin das Gewandhausorchester unter Ulf Schirmer, dem Wagner- und Strauss-Spezialisten) und mit Gesang statt um eine spannende Schauspieloper. Es gefallen die schönen Kostüme Jorine van Beeks. Die Inszenierung ist leider langatmig, in großen Teilen ist vom Text nichts zu verstehen, mit einem Wort: überflüssig.

Es wird die von Friedrich Cerha vollendete dreiaktige Fassung gespielt. Es gibt keine Übertitel, sondern etwa jeder zehnte gesungene Satz wird in Stummfilmmanier auf Leinwänden eingeblendet. Aber kaum je synchron, sondern mal früher, mal später. Das nervt zunehmend. Dazu singt das in weiten Teilen nicht deutschsprachige Solistenensemble größtenteils textunverständlich, ja brüllt im Laufe des Abends immer stärker gegen das Orchester an. In Verbindung mit der nun nicht gerade eingängigen, komplizierten 12-Ton-Komposition stellt sich zunächst das Gefühl des Chaos und dann immer stärker ermüdender Langeweile ein.

Die Inszenierung geht davon aus, dass Lulu sich als Mädchen prostituiert habe, um in den Zirkus zu kommen. Dann habe sie sich sozusagen nach der ersten Vergewaltigung (die im Film gezeigt wird) daran gewöhnt ihren Körper als Ware einzusetzen. Selbst als Beitrag zur MeToo-Debatte ist das fade und peinlich – eine Verhöhnung der wahren Opfer. Zudem ohne psychologische Raffinesse als Rampentheater gespielt. Männer lassen die Hosen nicht runter, sondern tun so und spielen sexuellen Akt oder Vergewaltigung oder Sterben oder eben irgendwas Skandalöses. Ist ja schließlich der Skandalautor Frank Wedekind. Das haben aber weder Wedekind noch gar der große Alban Berg verdient.

Rebecca Nelsen singt und spielt die Titelpartie als eine Art Wiener Lolita-Volksopern-Soubrette. Das kann man machen, sollte dann aber konsequent durchgehalten werden, auch von der Regie begleitet, ohne Ausbrüche ins Hochdramatische und Laute.

Von den Sängern gefallen nicht zuletzt durch Textverständlichkeit Patrick Vogel als junger Maler, Simon Neal als Dr. Schön wie Jack the Ripper und Kathrin Göring als Gräfin Geschwitz. Yves Saelens gefällt stimmlich als Alwa.

Das Gewandhausorchester zeigt seine gewohnten Klangqualitäten und Präzision in den zarten Passagen ebenso wie in den eruptiven Ausbrüchen des zweiten und dritten Aktes.

Das Leipziger Publikum reagiert erstaunlich freundlich bis dankbar nach fast vier Stunden. An die Nerven geht diese Produktion ja auch nicht wirklich. Tut nicht weh. Berührt nicht. Schade um diese verschenkte Chance.

Guido Müller, 2. Juli 2018, für
klassik-begeistert.de

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