Zum ersten Mal gemeinsam im Konzert: Anne-Sophie Mutter, Martha Argerich und Mischa Maisky erschaffen eine unvergessliche Sternstunde

Anne-Sophie Mutter, Mischa Maisky, Martha Argerich  Laeiszhalle Hamburg, 21. Juni 2021

Martha Argerich, Foto:©  Daniel Dittus

Martha Argerich Festival, Konzert #3
Laeiszhalle, Hamburg, 21. Juni 2021

Anne-Sophie Mutter, Violine
Mischa Maisky,Violoncello
Martha Argerich, Klavier

von Dr. Holger Voigt

Was für ein denkwürdiger Konzertabend!  Man sollte es kaum glauben können, aber es ist tatsächlich so, dass sich Anne-Sophie Mutter, Martha Argerich und Mischa Maisky über Jahrzehnte noch nie begegnet sind und noch nie zusammen auf dem Konzertsaalpodium standen. Heute nun gab es die spät erfolgende Premiere, die der Laeiszhalle in Hamburg und Ihren Besuchern eine wahre Sternstunde bescherte. Zum Schluss gabe es tosenden Applaus und Standing Ovations für einen magischen Konzertabend, der den Besuchern in der unter Corona-Bedingungen ausverkauften Laeiszhalle bleibende Erinnerungen beschert haben dürfte.

Am Beginn des Programms stand nicht die ursprünglich ausgewählte Violinsonate e-Moll KV 304 von Wolfgang Amadeus Mozart, sondern die Komposition „Sieben Variationen über „Bei Männern, welche Liebe fühlen““ für Klavier und Violoncello WoO 46 von Ludwig van Beethoven.

Diese auf Mozarts „Zauberflöte“ (Duett Pamina, Papageno) zurückverweisende Komposition zeigt bereits tief romantische Züge und wurde mit grandioser Virtuosität von Mischa Maisky und Martha Argerich vorgetragen, die in nahezu „blindem“ Bezug aufeinander zu erkennen gaben, wie sehr sie Musik in gleichem Sinne zu „atmen“ verstehen. Großer Beifall für beide.

César Francks Violinsonate A-Dur FWV 8, 1886 entstanden, erwies sich als der absolute Höhepunkt dieses unvergesslichen Konzertabends.

Der am 10. Dezember 1822 in Liège, Belgien, geborene und am 8. November 1890 in Paris verstorbene Komponist, seines Zeichens ausgebildeter Organist, war Franzose mit belgischen und deutschen Vorfahren. Noch heute wird er in seinem Schaffen und seinem nachhaltigen Einfluss auf die Entwicklung der klassischen Musik oft unterschätzt. Rein kalendarisch gehört er der Zeitepoche der Romantik an, ist aber musikalisch ein Wegbereiter des postromantischen Expressionismus und verweist dabei bereits eindeutig auf die Moderne (man meint im 3. Satz sogar Anlehnungen an Arvo Pärt heraushören zu können!).

Anne-Sophie Mutter. Foto: (c) The Japan Art Association

Seine Violinsonate A-Dur bringt unmissverständlich moderne Elemente zum Erklingen. Wie aus einem recht schlichten, fast einfach zu nennenden Grundmotiv eine vollständige Seelenwanderung durch alle Register menschlichen Empfindens wird, wurde von Anne-Sophie Mutter beispiellos und unnachahmlich zu Gehör gebracht. Nicht Virtuosität allein, sondern Ausdruck und Dynamik waren so packend, dass das Publikum wie gebannt diesem Ereignis lauschte. So etwas ist nur ganz selten einmal zu hören, und Anne-Sophie Mutter ließ sich auch nicht durch einen in einer Satzpause vernehmbaren Klingelton aus der Konzentration bringen.

Die etwa 28-minütige, viersätzige Sonate beginnt mit einem Kopfsatz (Allegretto ben moderato), in welchem das Grundmotiv eingeführt und nahezu in einer Endlosschleife ständig wiederholt wird. Der Piano-Part ist hierbei auf reine Begleitung zurückgenommen.

Im zweiten Satz (Allegro) drängt sich das Klavier kurzfristig in den Vordergrund, bis dann das Grundmotiv wieder durchscheint, dabei aber verzerrt klingt – fast wie eine musikalische Karikatur. Kurzfristig klingt das Klavier fast getragen, bis die Violine sich in schnellen Variationen des Grundthemas wieder in den Vordergrund schiebt.

Im dritten Satz (Recitativo-Fantasia. Ben moderato – Largamente con fantasia) meint man stellenweise den Minimalismus eines Arvo Pärt wahrnehmen zu können, bevor dann im Schlusssatz (Allegretto poco mosso) das Grundmotiv in pianistisch warm temperierter Umgebung wie ein alter Bekannter auftaucht. Kaum ist es als solches erkennbar, kommt es zu einer abrupten Temposteigerung, in die sich das Klavier in geradezu furioser Artikulation einbringt – wie immer kongenial gespielt von Martha Argerich. Nach einem Ruhemoment kommt die Sonate befriedet zum Abschluss.

Tosender Beifall und Standing Ovations für diese exzeptionelle Darbietung – die Laeiszhalle kurz vor dem Abheben!

Mischa Maisky. Foto: (c) Hideki Shiozawa

Eindeutig wieder in den Gefilden der Romantik beschloss das Klaviertrio Nr. 1 d-Moll op. 49 von Felix Mendelssohn Bartholdy das Programm des heutigen Abends. Nun wieder mit Cellist Mischa Maisky konnten hier alle drei Solisten aus dem Vollen schöpfen und jeder in seinem Part strahlenden Schönklang zum Scheinen bringen. Nach dem großartigen Finalsatz (Allegro assai appassionato) kannte die Begeisterung keine Grenzen mehr. Erneut Standing Ovations für die drei elegant in schwarz gekleideten KünstlerInnen, die sich schließlich zu einem Schumann-Encore bewegen ließen.

Das war mit Sicherheit einer der Höhepunkte des diesjährigen Martha-Argerich-Festivals und wird in dauerhafter Erinnerung bleiben. Wer es verpasst hat, sollte sich das ganze Konzert am besten in der LiveStream-Mediathek der Symphoniker Hamburg anschauen, sofern es noch abrufbar sein sollte.

Dr. Holger  Voigt,  28. Juni 2021,  für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

 

PROGRAMM

Ludwig van Beethoven

Sieben Variationen über „Männer, welche Liebe fühlen“ für Klavier und Violoncello WoO 46

 

Thema. Andante

Variation I

Variation II

Variation III

Variation IV

Variation V   Si prenda il tempo un poco più vivace

Variation VI   Adagio

Variation VII   Allegro ma non troppo

César Franck

Sonate für Violine und Klavier A-Dur M 8

 

Allegretto ben moderato

Allegro

Recitativo-Fantasia. Ben moderato – Largamente con fantasia

Allegretto poco mosso

Felix Mendelssohn Bartholdy

Klaviertrio d-Moll op. 49

 

Molto allegro agitato

Andante con moto tranquillo

Scherzo: Leggero e vivace

Finale: Allegro assai appassionato

 

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