Applaus und Bravos für Petrenko – fast wie im voll besetzten Haus

Applaus und Bravos für Petrenko – fast wie im voll besetzten Haus  Philharmonie Berlin

Foto: © Monika Rittershaus

„So hat man Brahms wahrhaftig noch nie gehört! Kirill Petrenko lässt einen an seiner Entdeckungsreise durch die Partitur teilhaben und ermöglicht so einen neuen Blick darauf. Betreutes Hören, sozusagen.“

Philharmonie Berlin, 2. September 2020

Berliner Philharmoniker
Kirill Petrenko Dirigent

Arnold Schönberg: Verklärte Nacht op.4
Johannes Brahms: Symphonie Nr.4 e-Moll op.98

von Peter Sommeregger

Das Hygiene-Konzept der Philharmonie Berlin ist geradezu akribisch ausgefeilt. Hier hat man sich wirklich Gedanken gemacht, um das Ansteckungs-Risiko der Besucher zu minimieren. Dies ist natürlich nicht ganz ohne Eigennutz, so will man in diesem Haus wenigstens in reduzierter Form wieder musizieren dürfen, und das vor Publikum.

Folgt man den freundlichen und höflichen Anweisungen des in großer Zahl vorhandenen Personals, so fühlt man sich tatsächlich in Sicherheit und gut betreut. Was durch die strenge Sitzordnung leider zum Erliegen kommt, ist die Kommunikation der Zuhörer untereinander. Gegenwärtig muss man sich auf die Augensprache der Menschen konzentrieren, der bedeckte Mund lässt keine Rückschlüsse zu, ob eher gelächelt oder grimmig dreingesehen wird. Aber der Mensch gewöhnt sich schnell auch an Unangenehmes. Beim dritten Konzertbesuch im Zeichen von Covid 19 findet man es eigentlich schon normal, ein Kontaktformular auszufüllen, es in eine Wahlurne zu werfen und persönlich zu seinem Platz geleitet zu werden. An- und Ablegen der Maske ist bereits zur reflexartigen Handlung geworden. Wie sollen wir das eines Tages wieder aus unserem System bekommen?

Bei der Wiederholung des Saison-Eröffnungskonzerts steht als erstes Schönbergs „Verklärte Nacht“ auf dem Programm. Dieses Stück, ein Schlüsselwerk der Moderne, erklingt in der Fassung für Streichorchester von 1916, die der Komponist 1943 noch einmal bearbeitete. Petrenko hatte es erst im Mai dieses Jahres am selben Ort als „Geisterkonzert“ ohne Publikum aufgeführt. Es ist ein Stück Programm-Musik, inspiriert vom gleichnamigen Gedicht Richard Dehmels, einem zur Entstehungszeit viel gelesenen Dichter. Hätte nicht Schönberg und andere Komponisten, vor allem Richard Strauss seine Texte komponiert, wäre er heute völlig vergessen.

Kirill Petrenko entlockt der über vierzigköpfigen Streicherformation geradezu Sphärenklänge, ihr Spiel ist von nobler Delikatesse. In seiner filigranen Lesart gelingt es Petrenko wunderbar, die polyphonen Strukturen des Werkes deutlich zu machen. Die Schwüle, die den literarischen Text auszeichnet, wird hier kongenial umgesetzt. In immer neuen Aufschwüngen werden anschaulich die Gefühle, die im Gedicht beschrieben werden, verarbeitet. Immer wieder kommt es zu rauschhaften Aufschwüngen, ehe die Musik schwebend verebbt. Das Werk entstand noch, bevor Schönberg sich der Zwölftonmusik zuwandte. Es kommt einem die Anekdote in den Sinn, Richard Strauss hätte Schönberg einmal gefragt: „Warum komponieren’s denn atonal? Sie haben doch Talent!“

Johannes Brahms‘ vierte und letzte Symphonie ist ein Kernstück des klassischen Repertoires. Wer bei Petrenko eine konventionelle Wiedergabe erwartet, erlebt eine große und wunderbare Überraschung. Schon der erste Einsatz der Hörner lässt aufhorchen, hier wird analytisch und kleinteilig vorgegangen, man hört auf einmal Details, die sonst oft nicht wahrgenommen werden.

Die fließenden Streicherfiguren werden wohl nicht zu Unrecht als Reminiszenz an den Sommerwind am Ufer des Wörthersees, wo die Symphonie skizziert wurde, gedeutet. Im zweiten Satz schwingen die musikalischen Bögen weit aus, wogegen der dritte Satz, der diesen Schwung aufnimmt, schon fast martialisch bestimmt ist. Starke Kontraste der Tempi bestimmen diesen Satz, ehe der Finalsatz einer sehr strengen Struktur folgt, die Brahms als Anleihe bei Bach verstanden haben wollte.

So hat man Brahms wahrhaftig noch nie gehört! Immer deutlicher wird Petrenkos Gabe, die Strukturen von Musik erkennbar zu machen, offenbar. Man fühlt sich gleichsam an die Hand genommen, mitgenommen. Er lässt einen an seiner Entdeckungsreise durch die Partitur teilhaben und ermöglicht so einen neuen Blick darauf. Betreutes Hören, sozusagen.

Am Ende große Begeisterung. Applaus und Bravo-Rufe erreichen fast die Lautstärke eines voll besetzten Hauses. Musica vincit omnia!

Peter Sommeregger, 3. September 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Charisma schlägt Pandemie, Kirill Petrenko, Daniil Trifnonov, Philharmonie Berlin

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