Mefistofele in Lyon: Viel Beifall – auch von der Jugend – für eine Aufführung mit Schwächen

Arrigo Boito, Mefistofele,  Opéra de Lyon

Foto: ©Mar Flores Flo
Opéra de Lyon
11. Oktober 2018
Arrigo Boito, Mefistofele
Musikalische Leitung: Daniele Rustioni
Regie: Àlex Ollé
Bühnenbild: Alfons Flores
Kostüme: Lluc Castells
Licht: Urs Schönebaum
Choreinstudierung: Johannes Knecht

von Kirsten Liese

An Aufnahmen mit berühmten Interpreten herrscht kein Mangel, und hier und da kommt Arrigo Boitos Opernsolitär „Mefistofele“ an großen Bühnen zu Ehren. Berühmte Tenöre wie Enrico Caruso, Mario del Monaco oder Luciano Pavarotti haben in diesem Musikdrama den Faust gesungen –  Renata Tebaldi und Mirella Freni die Margarete und der unvergessene Fjodor Schaljapin den teuflischen Titelhelden. Aber alle diese großen Namen konnten nicht bewirken, dass sich das Musikdrama  in den Spielplänen vergleichbar etablieren konnte wie Gounods „Marguerite“. Die Monumentalität der Mammut-Oper und der fragmentarische Charakter mögen das erklären.

Immerhin scheint das Interesse an Boito, der seinen festen Platz in der Operngeschichte in erster Linie seinen genialen Textbüchern für Giuseppe Verdi verdankt (Otello, Falstaff), stetig zu wachsen. Fast will es scheinen, eine regelrechte Boito-Renaissance bahnt sich an. Die viel beachtete Ausgrabung von Franco Faccios Literaturoper „Amleto“ 2016 in Bregenz, zu der Boito das Libretto schrieb, mag zu der wachsenden Beachtung ebenso beigetragen haben wie die Aufsehen erregende „Mefistofele“-Produktion in Baden-Baden im selben Jahr und die an der Bayerischen Staatsoper ein Jahr zuvor. Mit der jüngsten Produktion in Lyon setzt sich die Serie fort.

Der 1842 in Padua geborene und 1918 in Mailand verstorbene Boito komponierte seinen „Mefistofele“ im Alter von nur 25 Jahren. Das Textbuch basiert in italienischer Übersetzung auf Goethes „Faust“ und existiert in zwei Fassungen: Die wesentlich längere Erstversion, die 1868 an der Mailänder Scala zu einem Misserfolg führte, legte Boito analog zu Goethe als Diptychon an. Die Neufassung, die 1875 in Bologna wesentlich erfolgreicher aufgenommen wurde und sich seither in allen Aufführung durchsetzt, verbindet beide Teile sehr gestrafft in einem Drama, das kaum länger dauert als zwei Stunden.

Boitos Meisterschaft liegt freilich in seiner Musik, im Reichtum herrlicher Melodien und Motive. Wahrscheinlich muss man sie noch viel öfter hören, um beurteilen zu können, ob sie tatsächlich näher an Wagner dran ist als an Verdi, wie ihr oft nachgesagt wurde. Die Rezensentin erinnerte sie stilistisch doch eher an Verdi. Vor allem kann man sich in Lyon davon überzeugen, dass sich Boito auf eine geniale Instrumentation verstand!  Wenn es in die Hölle geht, mischt sich im Prolog  in die tiefen Streicher die Orgel, was entfernt auch an Monteverdi erinnert, der als erster Opernkomponist überhaupt das Regal zu den Instrumenten der Unterwelt in seinen „Orfeo“ einbezog.

Den himmlischen Engelsgesang dagegen begleiten lyrische Holzbläser- und im finalen Chorgesang liebliche Harfenklänge. In den Partien des viel beschäftigten riesigen Opern- und Kinderchors der Lyoner Oper  (Choreinstudierung: Johannes Knecht) geht es oftmals aber auch höchst dramatisch zu. Da fühlt man sich unwillkürlich an die großen Aufzüge bei Verdi erinnert, nur hat der Chor bei Boito noch weit mehr Gewicht.

Über die Umsetzung in Lyon gerät man allerdings weniger ins Schwärmen.  Die Probleme beginnen bei der Besetzung: Der amerikanische Tenor Paul Groves verfügt zwar über ein schönes, warmes Timbre in der Mittellage, stemmt sich jedoch als Faust allzu angestrengt in die Höhen seines Parts. Bei der russischen Sopranistin Evgenia Muraveva vermisse ich eine mädchenhafte Lieblichkeit in der Stimme, sie singt Margarete und Helena ohne strahlend schöne Kopftöne. Die beste Figur macht noch der Kanadier John Relyea in der Titelpartie, seitens Ausdruck und Volumen trägt er den Abgründigkeiten seiner Rolle Rechnung.

Den Tiefpunkt markiert Alex Ollés absurde Inszenierung, die jegliches Gespür für die Musik vermissen lässt. Jedenfalls harmonieren die Bilderwelten auf Alfons Flores’ Bühne ganz und gar nicht mit der Partitur, versetzen einen vielmehr abwechselnd in einen Science-Fiction-Film und eine Revue im Berliner Friedrichstadtpalast. Eine stattliche höchst überflüssige Komparserie kommt da ins Spiel, Männer in futuristischen weißen Monturen und Mundschutz, Putzkolonnen, aufreizende Damen mit Federboa im glamourösen Glitzerkostüm, umringt von kitschigen Engelsfiguren. Ein bisschen Striptease und Bier aus der Pulle darf natürlich auch nicht fehlen. Vor allem aber mit der Figur des Gretchens, das bei ihm von der Verführten zur Verführerin wird, entfernt sich Ollé himmelweit von den Urhebern dieses Werks.

Immerhin findet sich die Produktion bei dem italienischen Dirigenten Daniele Rustioni in den besten Händen. Er hält den riesigen Apparat von Orchester, Chorphalanx und Solisten zuverlässig zusammen, dynamisiert sensibel, schürt Spannung, wechselt organisch zwischen düsteren und lichten Farben, lässt es in den dramatischen Momenten ordentlich krachen und sorgt in der groß angelegten Partitur für Transparenz.

Ungeachtet der benannten Schwächen spendete das Publikum – mit einer auffallend stark vertretenen Jugend – viel Beifall.

Kirsten Liese, 13. Oktober 2018, für
klassik-begeistert.de

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