„Les Troyens" im Haus am Ring beschert ein unvergessliches Erlebnis Oper

Hector Berlioz, Les Troyens, Brandon Jovanovich, Joyce DiDonato, Monika Bohinec,  Wiener Staatsoper

Joyce DiDonato entführt in einen Traum aus Tausend und einer Nacht

Foto: © Michael Pöhn
Wiener Staatsoper, 
14. Oktober 2018
Hector Berlioz, Les Troyens

von Jürgen Pathy

Bei der ersten Premiere, die in dieser Saison an der Wiener Staatsoper zu erleben ist, entfacht am Ende ein enthusiastischer Jubelsturm, der wie ein Tsunami durch das ehrwürdige Haus am Ring fegt und alle Gäste von deren Sitzen reißt. Mit dem Mammutprojekt „Les Troyens“, das allen Beteiligten übermenschliches abverlangt, wagt Staatsoperndirektor Dominique Meyer, 63, etwas Kolossales und erweckt diesen schlafenden Riesen nach rund vierzig Jahren wieder aus seinem Dornröschenschlaf: Zuletzt durften die Wiener Opernfans dem Untergang Trojas in den 1970er-Jahren beiwohnen – unter der Ära des damaligen Direktors Egon Seefehlner.

In der heutigen Zeit, in der ständig das Phantom der schwarzen Null durch die Opernhäuser geistert und über allen kulturellen Institutionen das Damoklesschwert der Subventionskürzungen prangert, darf sich die Wiener Staatsoper glücklich schätzen, bei einer derart aufwändigen Produktion auf ein exzellentes Ensemble zurückgreifen zu können.

Dieser Luxus ermöglicht es Dominique Meyer auch im Notfall, wie bei der Erkrankung der Italienerin Anna Caterina Antonacci, seelenruhig aus der hauseigenen Schatzkiste zu schöpfen und die tragende, große Partie der Cassandre an Ensemblemitglied Monika Bohinec, 39, zu übertragen. Auch wenn sie als Seherin, deren Prophezeiungen niemand Glauben schenken möchte, den Untergang Trojas nicht verhindern kann, rettet die slowenische Mezzosopranistin zumindest diesen denkwürdigen Abend und bereitet nach einem gelungenen Rollendebüt den alles überstrahlenden Auftritt eines Weltstars vor.

Joyce DiDonato, 49, eine der Mezzosopranistinnen unserer Zeit, erobert als Königin Didon nicht nur die Herzen der Karthager, sondern auch die der ganzen Wiener Staatsoper. Die us-amerikanische Grammygewinnerin kann in dieser Grand Opéra aus ihrem breitgefächerten Repertoire schöpfen und verwandelt das Haus am Ring in einen Traum aus Tausend und einer Nacht: Von weichen Piani, über barocke Opulenz, bis hin zu hochdramatischen Einlagen versetzt DiDonato mit ihrer beeindruckend sicher geführten Stimme und einem wohligen Timbre das Wiener Publikum in eine euphorisierende Märchenwelt.

Unterstützt durch das farbenfrohe Bühnenbild, in dem ein überdimensionales trojanisches Pferd nicht fehlen darf und Lehmbauten die nordafrikanische Stadt Karthago symbolisieren, wandelt das Publikum ergriffen auf den Spuren mythologischer Helden.

Potenziert wird dieses alle Sinne erfassende Erlebnis durch die berauschenden Klänge des Wiener Staatsopernorchesters, das an diesem Abend in Hochform durch die komplexe Partitur manövriert wird – unter den magischen Händen des Franzosen Alain Altinoglu, 43, versprühen die Zauberklänge aus dem Orchestergraben einen orientalischen Duft, dessen narkotischer Wirkung sich kein Gast entziehen kann – und wenn Joyce DiDonato wehmütig Adieu Fière Cité in den Saal haucht, muss man den Tränen unweigerlich freien Lauf lassen.

Doch bei all dem benebelten Überschwang dürfen bei einer seriösen Rezension die Makel nicht verschwiegen werden: Trotz frenetischem Szenen– und Schlussapplaus wandelt der US-amerikanische Tenor Brandon Jovanovich, 48, allzu sehr im Schatten der Königin Didon. Zwar kann der Amerikaner in der großen Heldenpartie des Enée darstellerisch überzeugen, doch sein Gesang klingt an diesem Abend alles andere als heldenhaft: In der Mittellage scheint der Fluch der Königin leider auch die Stimmbänder zu umhüllen, in der hohen Lage wirkt der vermeintliche Befreier Troyas überfordert und forciert.

Eine felsensichere Bank wiederum zwei Ensemblemitglieder: der koreanische Bass Jongmin Park, 31, als Narbal und der tschechische Bariton Adam Plachetka, 33, als Chorèbe. Besonders hervorgehoben werden sollte auch der junge Bass Anthony Schneider, der bei seinem Hausdebüt in der kleinen, aber feinen Partie des Schattens des Hector mächtigen Eindruck hinterlassen kann. Atemberaubend schön singt auch die ungarische Mezzo-Sopranistin Szilvia Vörös.

Summa summarum können kleine stimmliche Unzulänglichkeiten das geniale Gesamterlebnis dieser Koproduktion des Londoner Royal Opera House, der Mailänder Scala, der San Francisco Opera und der Wiener Staatsoper auf keinen Fall schmälern. Voller Inbrunst und Stolz darf sich jeder Besucher dieser Inszenierung (David McVicar) als glücklich und auserwählt wähnen, bei diesem monumentalen Projekt dabei gewesen zu sein: 158 Protagonisten auf der Bühne – auch das anmutige Wiener Staatsballett, der grandiose Staatsopernchor, ein Kinderchor – und ein voll besetzter Orchestergraben, der Wagner‘ sche Dimensionen erreicht, bescheren ein unvergessliches Erlebnis Oper!

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 15. Oktober 2018, für klassik-begeistert.at und klassik-begeistert.de

Alain Altinoglu, Dirigent
David McVicar, Regie
Es Devlin, Bühne
Moritz Junge, Kostüme
Wolfgang Goebbel, Pia Virolainen,Licht
LynnePage, Choreographie
LeahHausman, Regiemitarbeit
GemmaPayne, Choreographische Einstudierung
MarieLambert, Regieassistenz

Brandon Jovanovich, Énée
Joyce DiDonato, Didon
Monika Bohinec, Cassandre
Adam Plachetka,Chorèbe
Peter Kellner,Panthée
Jongmin Park, Narbal
Paolo Fanale, Iopas
Rachel Frenkel,Ascagne
Szilvia Vörös, Anna
Benjamin Bruns, Hylas
Alexandru Moisiuc, Priam
Orhan Yildiz, griechischer Heerführer
Anthony Schneider, Schatten des Hector
Wolfram Igor Derntl, Hélénus
Marcus Pelz, erster trojanischer Soldat
Ferdinand Pfeiffer, zweiter trojanischer Soldat
Igor Onishchenko, Soldat/Mercure
Tamara Dornelas, Polyxene
Donna Ellen, Hécube
Dominika Kovacs-Galavics, Andromaque
Lauridis Seidel, Astyanax

3 Gedanken zu „Hector Berlioz, Les Troyens, Brandon Jovanovich, Joyce DiDonato, Monika Bohinec,
Wiener Staatsoper“

  1. Sehr geehrter Herr Pathy,
    zum Glück gibt es ja immer andere Wahrnehmungen und Sichtweisen: mit ihrer „klugen“ und nicht nachvollziehbaren Meinung über Brandon Jovanovic stehen sie bestimmt so ziemlich alleine da! Er war ein großartiger Held Enée und wurde zu Recht genau so bejubelt wie die wunderbare, geliebte Joyce DiDonato und das ganze Ensemble.
    Peter

  2. Les Troyens = Kraftakt? Mir nicht verständlich. Im Oktober 2017 gab es Inszenierungen in Nürnberg, sehr verstümmelt durch Calixto Beito und in Dresden.
    In Dresden mit geringfügigen Strichen, die dem Werk nicht schaden, denn viele Aktionen in Wien sind bedeutungslos. Vor allem die chasse royal und die zwei „Geisterbeschwörungs-Szenen“.
    Die Oper sollte mit dem Tod der Dido enden! Der in Wien dem Tod folgende Müllberg ist Müll. So gut ist auch die Musik dazu nicht.
    Fred Keller

    1. Seien Sie gegrüßt Herr Keller!

      Ich muss Ihnen vehement widersprechen! Weshalb? Als großer Liebhaber des feinen Orchesterklangs kann diese Oper überhaupt nicht zu lange dauern. Ich könnte Ewigkeiten in der Musik schwelgen, baden und mitfiebern.

      All zu oft legen Opernbesucher ihren Fokus auf die Handlung, die Inszenierung, dabei sind es doch die göttliche Musik und der himmlische Gesang, die das Erlebnis Oper primär prägen sollten. Die Sänger, das Orchester und der Drigent dominieren das farbenfreiche Kunstwerk – die Handlung und Inszenierung sind schmückendes Beiwerk, der Rahmen des Bildes. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Doch hier spalten sich die Geister.

      Herzliche Grüße aus dem sonnigen Wien
      Jürgen Pathy

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