Bruckners Achte: Der "Mount Everest" unter den Symphonien

Bach, Messiaen, Bruckner, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Nagano,  Elbphilharmonie Hamburg

Foto: Rätzke (c)
Johann Sebastian Bach
, Fantasie und Fuge g-moll BWV 542
Olivier Messiaen, Offrande et Alléluia final aus „Livre du Saint Sacrement“
Anton Bruckner, Symphonie Nr. 8 c-moll
I. Allegro moderato
II. Scherzo. Allegro moderato
III. Adagio. Feierlich langsam, doch nicht schleppend
IV. Finale. Feierlich, nicht schnell
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg,
Kent Nagano
Elphilharmonie Hamburg

von Ricarda Ott

Das Konzert am Sonntagvormittag stand nicht nur im Zeichen des Lux Aeterna Festivals, sondern war – und so wurde es auch betitelt – das 6. Philharmonische Konzert, eine beliebte und fest etablierte Konzertreihe des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg, die sonst üblicherweise in der alt ehrwürdigen Laeiszhalle zelebriert worden ist.

Nun, das war für so manchen langjährigen Abonnementen ein gehöriger Einschnitt in die jahrelange Konzertroutine. Bereits in den Fluren erzählte man sich von der aufregenden Anreise zum „Kaiserkai“, monierte, wie man denn die Aufzüge so habe verstecken können und vor allem wie beengt es sich doch darin stehen ließe, wenn noch Gehhilfen, Krücken und Rollatoren dazu kämen.

Pünktlich um 11 Uhr hatten alle Konzertbesucher die vielen Treppenstufen erklommen, ihre Plätze gefunden und in freudiger Erwartung eingenommen. Es konnte losgehen.

Das Konzertprogramm verband in knapp 130 Minuten Kompositionen aus drei verschiedenen Jahrhunderten: virtuose Singularität vor der Pause und sinfonische Monumentalität danach. Ja, wenn Bruckners 8. Sinfonie erklingt, ist ein programmatisches Gegengewicht auch wirklich nötig. Mit der imposanten Orgel der Elbphilharmonie geht es also zunächst in die Welt der sakralen Barockmusik des Meisters Johann Sebastian Bach und dann in die moderne Orgelliteratur von Olivier Messiaen, der selbst für mehrere Jahrzehnte als Organist an der Pariser Kirche La Trinité wirkte.

Der ECHO-Preisträger (2013) und weltweit auftretende Organist Christian Schmitt (*1976) spielte beide Stücke am mobilen Spieltisch der imposanten 4.765 Pfeifen umfassenden Orgel beeindruckend sicher, leichthändig und -füßig. Seine Hände flogen über die Tasten der Manuale, seine Füße über die Pedale wie die Töne durch die Register der Orgel. Dieses tönende Farbspektakel, diese üppige Fülle einer großen Orgel!

Immer wieder beeindruckte Bachs Musik: virtuose Impulsivität in der Fantasie, dann schematische Struktur in der sich anschließenden Fuge mit der so typischen motorischen Kraft, der wie Zahnräder ineinandergreifenden Kontrapunkte. Als dann auch noch das im Deckenreflektor versteckte Fernwerk der Orgel von Schmitt bedient wurde, war es einem im Großen Saal, als kämen die Klänge direkt aus dem Himmel, als würde Bach dort persönlich für die Zuhörer spielen. Ein toller Effekt.

Olivier Messiaens Offrande et Alléluia final ist ein kurzer Satz aus dem insgesamt 18-sätzigen Orgelwerk „Livre du Saint Sacrement“, das der französische Komponist 1984 als sein letztes, großes Werk für die Orgel geschrieben hatte. Es ist Musik als andächtiges Gebet: kontrastreich und wenig greifbar, so persönlich, dass man nicht stören möchte und doch ganz expressiv.

Nach nur knapp 20 Minuten und begeistertem Beifall für den Solisten Schmitt war dann schon Pause. Zeit, sich und seine Ohren auf den zweiten Teil des Konzertes umzupolen: Anton Bruckner, der „Symphoniker“. Die 8. Symphonie, der “Mount Everest“ unter den Symphonien.

Viel ist über dieses Werk geforscht und gesagt worden. Allein fünf kleinbedruckte Seiten kann sich der Konzertbesucher im Programmheft über Bruckner durchlesen; über die spannende und zunächst wenig erfolgreiche Entstehungsgeschichte der Symphonie, über Bruckners Kompositionsstil, über die einzelnen vier Sätze und ihr musikalisches Material.

Zugegeben – es fällt schwer, diese „8.“ zu in Worte zu fassen. Da gibt es so viel und doch nichts, was die Musik adäquat beschreiben könnte.

Das Staatsorchester in Großbesetzung spielte gut, war an diesem Vormittag wach und agil. Die Einsätze passten und so auch die Kommunikation. Kent Nagano strahlte Ruhe aus und Konzentration. Der satte symphonische Sound war da, genauso wie der individualistische Klang der Holzbläser und der Harfe(n). Überzeugend spielte auch die achtköpfige Hörnergruppe, von der jeweils vier auch noch eine „Wagnertuba“ neben sich stehen hatten, ein zur Gruppe der Waldhörner zählendes Instrument, das Wagner extra für seinen Ring des Nibelungen hatte bauen lassen.

Doch auch abgesehen von der Instrumentation war die Affinität zu Richard Wagners Musik unüberhörbar und rückte das zentrale Spannungsfeld der Symphonie, ein Spannungsfeld zwischen Archaik und Moderne in den Fokus des Hör- und Erlebbaren. In Bruckners Musik birgt sich ein reichhaltiger Schatz, eine so vielfältige Beschäftigung des Österreichers mit der Musik vergangener Tage, die weit über seine Beschäftigung mit Wagner hinausreicht.

Bruckner nahm all diese Inspirationen in sich auf und ließ sie durch seine eigene kompositorische Hand fließen – das Resultat ist ein Meisterwerk, das man hören und erleben muss.

Viel Applaus gibt es vom Klassik-erprobten Publikum für Kent Nagano und sein Philharmonisches Staatsorchester. Hörte man anfangs noch viele skeptische Stimmen zur „neuen Heimat“ der Philharmonischen Konzerte, so überwogen nach der Vorstellung die beeindruckten, aufgeregten und zufriedenen Stimmen – da freut man sich jetzt schon auf das 7. Philharmonische Konzert.

Ricarda Ott, 20. Februar 2017
für klassik-begeistert.de

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