Mozart hätte dieser Meisterin ein Klavierkonzert geschrieben

Mitsuko Uchida, Mahler Chamber Orchestra, Mozart, Barók,  Elbphilharmonie Hamburg

Foto: Claudia Höhne (c)
Mahler Chamber Orchestra
Mitsuko Uchida Klavier
Wolfgang Amadeus Mozart
Konzert für Klavier und Orchester G-Dur KV 453
Béla Bartók
Divertimento für Streichorchester Sz 113
Wolfgang Amadeus Mozart
Konzert für Klavier und Orchester C-Dur KV 503
Elbphilharmonie, 23. Februar 2017

von Leon Battran

Draußen peitschen Sturmböen den Regen um die Häuser und wirbeln das Wasser der Elbe im Hamburger Hafen auf. Aber Mitsuko Uchida strahlt einen Hauch von Frühling aus, wie sie da im luftig gelben Flattergewand und mit einem fröhlichen Lächeln im Gesicht an den großen Steinway-Flügel tritt, den sie höchstpersönlich für die Elbphilharmonie ausgewählt hat. Heute soll sie gemeinsam mit dem Mahler Chamber Orchestra zeitlose Musik zu künstlerischer Perfektion bringen – und Teile des Publikums? Benehmen sich daneben…

Der Autor ist ein bisschen genervt, weil er sich leider gezwungen sieht, das Verhalten der Zuschauer zu thematisieren, wo er jetzt doch viel lieber über die herrliche, hervorragend vorgetragene Musik berichten möchte. Es geht auch gar nicht um das Hustengewitter, das jedes Mal zwischen den Sätzen über die Menschheit hereinbricht, das ist nun mal so. Aber die Atmosphäre ist zum Teil einfach unruhig wie mittags im Hörsaal bei der Einführungsvorlesung Betriebswirtschaftslehre. Da wird einfach gequatscht und hinausgelaufen, während die Solistin ihre Zugabe gibt, und der Kollege von der Presse fällt den ganzen Abend über immer wieder in Sekundenschlaf und erregt mit seinem Schnarchen den Unmut aller Umhersitzenden. Das muss doch wirklich nicht sein…

Schwierige Bedingungen für die Künstler. Doch die zeigen sich enorm professionell und liefern unterm Strich ein grandioses Konzert ab. Hut ab für diese Konzentrationsleistung und Contenance!

Sogar ihre Schuhe scheinen aus demselben glänzenden Gold gefertigt wie die Füße des Flügels – nicht nur vom optischen Eindruck her wird klar: Mitsuko Uchida gehört an diesen Flügel made in Hamburg-Bahrenfeld. Mitsuko Uchida gehört in die Elbphilharmonie.

Die britische Pianistin japanischer Herkunft macht an diesem Abend ihr Tripel in der Hamburger Elbphilharmonie perfekt (klassik-begeistert.de berichtete bereits über einen glanzvollen Klavierabend und über ein intimeres, aber nicht weniger beeindruckendes Kammerkonzert zusammen mit dem Klarinettisten Jörg Widmann). Heute also gewissermaßen die Kür: Klavierkonzerte von Wolfgang Amadeus Mozart, die Mitsuko Uchida nicht nur als Solistin, sondern gleichzeitig auch als Leiterin des Orchesters bestreitet.

Uchida ist eine Meisterin ihres Fachs – keine Frage! Die 68-Jährige spielt mit einer solchen Natürlichkeit und Leichtigkeit, dass man aufhört, während des Zuhörens über die Musik nachzudenken, sondern nur noch nachempfindet und versteht. Am tollsten sind die Kadenzen, wenn Uchida so richtig Fahrt aufnimmt, brillante glasklare Triller platziert und eine Energie freisetzt, mit der sie die Orchestermusiker und die Zuhörer ansteckt und mitzieht. Der müde Kollege lässt trotzdem den Kopf hängen, erträumt sich einen Text. Aber der Rest ist hellwach und lauscht gespannt.

Es fließt Musik durch die Adern von Mitsuko Uchida. Das wird auch klar,wenn die Solistin vom Klavier aus das Mahler Chamber Orchestra dirigiert und musikalische Empfindung in körperliche Gesten übersetzt, natürlich und geschmeidig, sensibel und beseelt. Man hätte wohl auch eine Musik im Kopf, wenn man der Meisterin einfach nur zusehen würde. Ein bisschen wirkt es so, als würde Uchida gar nicht wirklich dirigieren, sondern einfach im Sitzen zur Musik tanzen, wie eine Butterblume, die sich im Wind wiegt und am Sonnenlicht erfreut.

Die Kommunikation mit dem 35 Mann und Frau starken Mahler Chamber Orchestra ist unmittelbar und hautnah. Man hört jede Einzelstimme heraus. Die Mitglieder des Orchesters stammen aus 20 verschiedenen Ländern. Der Altersdurchschnitt dürfte irgendwo zwischen 30 und 40 Jahren liegen. Uchida ist nicht die einzige Solistin; aus dem Orchester melden sich auch die Flöte, die Oboe und das Fagott zu Wort und treten mit dem Klavier in Dialog. Alle strahlen große Spielfreude, Elan und Sympathie aus.

Und das Mahler Chamber Orchestra ist nicht gerade schüchtern! Mit Béla Bartóks „Divertimento“ stellten die Streicher des Ensembles unter Beweis, wie innovativ und mutig Orchesterliteratur klingen kann – klingen sollte! – und legten damit einen ordentlichen Brocken vor, der im krassen Gegensatz zum leichten Genuss der glänzenden Virtuosität von Mozarts Klavierkonzerten steht.

Wirklich belustigend ist dieses „Divertimento“ nämlich nicht. Besonders das unheilschwangere Molto Adagio lässt erschaudern und führt die Gattung ad absurdum. Sehr fordernd, aber sensationell interpretiert: Der Satz beginnt kaum hörbar im äußersten Pianissimo. Kleinste musikalische Bausteine werden im Verlauf des Satzes miteinander verwoben, bei gleichzeitigem Verlust eines tonalen Bezugspunktes. Die Musiker haben Crescendi drauf, die von 0 auf 100 gehen. Unvorstellbar, diese Musik, wie es für ein Divertimento zu Mozarts Zeiten üblich war, als muntere Freiluft- oder Tafelmusik aufzuführen.

Mozarts Klavierkonzert in C-Dur kommt dafür wieder so herrlich frisch und luftig wie Uchidas Konzertgarderobe daher, dass man trotz fortgeschrittener Stunde gut aufgelegt und beflügelt das Konzerthaus verlässt.

Das möchte man am liebsten jeden Tag erleben. Das ging runter wie Öl! Die italienische Flötistin Chiara Tonelli bezaubert mit fantastischen Melodiebögen. Neben Uchida am Klavier ist sie die einzige Solobesetzung im Orchester. Auch Oboen, Fagotte und Streicher können mit schönen Soli auftrumpfen und überzeugen mit viel Feingefühl.

Und Mitsuko Uchida lässt den Steinway erstrahlen. Insbesondere in den etwas seltener bespielten mittleren bis tiefen Lagen entfaltet dieser ein köstliches Klangaroma. Am Ende des ersten Satzes vergönnt Mozart der Solistin eine ausgedehnte Solokadenz, in der sich alle Themen und Emotionen dieses Satzes wie in einem Brennpunkt sammeln.

Die Interpretation des Andante ist berührend weich, das tänzerisch-schmissige Schlussrondo entfaltet einen mitreißenden Drive. Uchida ist eine Meisterin des Anschlags: sie spielt mit genau dem richtigen Gewicht. Impulse setzt sie zielsicher, zaubert blitzsaubere Läufe federleicht über die Tastatur und schwelgt mit der Musik, wann immer es geht. Das alles ohne Noten; die Vollblutmusikerin scheint die Musik direkt aus ihrem Herzen zu holen.

Wenn auch kein Klavierkonzert Mitsuko Uchidas Namen trug, schien es an diesem Abend so, als wären sie allein für sie geschrieben worden. Hätte Mozart Uchida gekannt, hätte er ihr bestimmt ein Klavierkonzert gewidmet.

Leon Battran, 24. Feburar 2017,
für klassik-begeistert.de

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