Minutenlange Ovationen für Brittens War Requiem in der Kölner Philharmonie

Kölner Philharmonie, 6. April 2018
Benjamin Britten,
War Requiem op. 66 (1961–62)

Von Daniel Janz

Das Bundesjugendorchester hat in Zusammenarbeit mit zahlreichen Partnern im ausverkauften Saal der Kölner Philharmonie musikalische Bestform geboten. Auf dem Programm stand Benjamin Brittens War Requiem – ein Werk, das mit seiner Tragweite und Schwere einen phänomenalen Kontrast zu Lockerheit und Frohsinn bildet.

Der bekennende Pazifist Benjamin Britten komponierte dieses bizarre, teilweise gar grotesk wirkende Werk zu Beginn der 1960er Jahre im Eindruck der beiden Weltkriege. In ihm setzte er seinem im Ersten Weltkrieg verstorbenen Jugendfreund Wilfried Owen ein musikalisches Denkmal. Insgesamt neun Kriegsgedichte finden Einzug in die von Britten vertonte lateinische Totenmesse und setzen deren Inhalt so in einen neuen Kontext. Obwohl dieser Inhalt religiös aufgeladen ist, liegt dessen Fokus auf dem „Leid des Krieges“, vor dem der britische Komponist warnen wollte.

So komplex der Inhalt ist, so hoch sind auch die Anforderungen an die beteiligten Künstler. Ursprünglich hatte der Komponist vorgesehen, dass Vertreter aller fünf bewohnten Kontinente bei einer Aufführung beteiligt sein sollen. Diesem Anspruch wird die Aufführung nicht gerecht.

Bis auf einen Aussetzer in der Trompete ist die Aufführung tadellos. Momente großen Chor- und Orchestereinsatzes fließen geradezu natürlich in das Flimmern eines räumlich getrennten Kammerorchesters über. Der Gesang der Solisten trägt dieses textlastige Epos. Beide Dirigenten kitzeln aus ihren jeweiligen Ensembles die Nuancen bis zur Perfektion heraus. Die gemischten Chöre verzücken bis auf den letzten Ton durch eine herausragende Intonation und Klarheit der Worte.

Der große Fokus auf den Text stellt sich musikalisch jedoch auch als Nachteil heraus. Dem Komponisten selber gelang es nicht, die einzelnen Stimmungen bis zur letzten Konsequenz durch die ausufernde Instrumentation einzufangen. Einen roten Faden stellen maximal Kriegssignale und das Läuten der Totenglocke dar.

Damit überwiegen leise, intime Momente und Effekthascherei durch exzessiven Schlagzeugeinsatz. Ob der 1976 in Aldeburgh verstorbene Brite damit dem Textinhalt seines Werkes gerecht wird, kann durchaus infrage gestellt werden. Momente des Schreckens und der Kritik sind beispielsweise bei Schostakowitsch deutlicher präsent, das Moment der Erlösung findet sich klarer bei Brahms, Mahler oder Bach. In der Einführung zum Werk war sogar von Einflüssen Mozarts die Rede – diese werden im Stück selber nicht deutlich.

Gerade deshalb muss man klar zwischen der Komposition selbst und der Leistung aller Künstler differenzieren. So sind beispielsweise alle Instrumentalisten, egal ob im Kammerensemble oder im Symphonieorchester lobend zu erwähnen. Während die Melodien und Signale des Bundesjugendorchesters vor allem den Gesang der Chöre und der Sopranistin tragen, finden die beiden männlichen Solosänger fast ausschließlich Begleitung in dem präzise eingespielten Kammerorchester.

Große Anerkennung muss auch den drei Solisten selber zuteil werden. Sie machen den Unterschied zwischen Mittelmaß und Vollkommenheit aus. Der Tenor James Gilchrist interpretiert die Kriegsgedichte so eindrucksvoll und energisch, dass später im Publikum von Gänsehautgefühl die Rede ist. Der deutsche Bariton Erik Sohn tröstet mit dem warmen Timbre seiner Stimme über die Schrecken grausamer Textpassagen hinweg. Erschütternd bleibt besonders der Satz in Erinnerung, den er ohne jegliche musikalische Begleitung vorträgt: „Ich bin der Feind, den du getötet hast, mein Freund.“

Obwohl seine Aussprache weniger klar ist als die seines britischen Kollegen, beweisen sie im Duett wahren Kunstgeist. Sei es im Dialog zweier Soldaten, im Duett als Engel, der den Willen Gottes verkündet oder im Zwiegespräch zwischen Abraham und Isaak, der in letzter Konsequenz seinen Sohn ermordet und damit die halbe Jugend Europas „one by one“ abschlachtet.

Bewusst schrill wirkt der erste Einsatz der deutsch-türkischen Sopranistin Banu Böke im „Dies irae“, die damit die Drohung vor dem jüngsten Gericht noch eindringlicher hervorhebt. Dieser Moment ist der einzige, in dem ihre Stimme schreiend auffällt. Den Rest des Abends über erhellt sie mit Sanftmut und Klarheit die solistischen Stellen im „Lacrimosa“ oder „Benedictus“. Im „Libera me“ kann sie sich gegen Chor und Orchester kraftvoll im Tutti durchsetzen und diese Momente gesanglich noch vergolden.

Nicht zu vergessen ist auch die tadellose Leistung der beiden Dirigenten. Thomas Neuhoff, der Leiter des Bachvereines Köln und Dirigent des großen Orchesterensembles, strahlt den ganzen Abend über eine Ruhe aus, die sich merklich auf Chöre und Musiker überträgt. Wie der 61 Jahre alte Bonner selber verlauten ließ, erfülle er sich mit dieser Aufführung einen Jugendtraum. Das merkt man ihm auch an – obwohl er mit immenser Leidenschaft dabei ist, überzeugt er vor allem durch Konzentration und Präzision am Dirigentenpult.

Gleiches lässt sich auch von Daniel Spaw berichten. Der in Nashville/Tennessee aufgewachsene Dirigent überzeugt mit einem sehr ausdrucksstarken Dirigat bei der Leitung des Kammerorchesters. Mit gelegentlich wild anmutenden Gesten kitzelt er dabei aus der kleinen Besetzung noch schärfere Kontraste heraus. So gelingt beispielsweise der Eindruck des Wahnsinns bei einer Gruppe Soldaten, die ihren soeben gefallenen Kameraden in die Sonne tragen, noch nachhaltiger.

Spätestens beim Schlussgesang wird deutlich, dass sich alle Beteiligten auf höchstem Niveau präsentieren. Alle Gruppen vereinen sich hier im wundersamen Einklang zum „in paradisum deducant the Angeli“ – „Mögen die Engel dich ins Paradies geleiten“. Unterbrochen wird dieses Streben jedoch vom wiederholten Läuten der Totenglocke. Nach dreimaligem Anlauf schweigt das Orchester schließlich. Einzig der Chor beendet mit einem „requiescant in pace“ – „mögen sie in Frieden ruhen“.

Der Stille folgen minutenlang Standing Ovations. Erleichterung ist nicht nur den Dirigenten, sondern auch den Solisten und den einzelnen Chorleitern anzusehen. Den vielen Beteiligten ist hier ein beeindruckendes Mammutprojekt geglückt.

Benjamin Brittens War Requiem wird auch noch am 10. September 2018 um 20 Uhr in Berlin aufgeführt. Diese Aufführung wird ebenfalls live im Internet übertragen.

Daniel Janz, 7. April 2018, für
klassik-begeistert.de

Banu Böke Sopran 
James Gilchrist Tenor 
Erik Sohn Bariton 

Girls‘ Choir der Kathedrale von Coventry
Kerry Beaumont Einstudierung

Polnischer Nationaljugendchor
Agnieszka Franków-Zelazny Einstudierung

Les Pastoureaux 
Phillippe Favette Einstudierung

Jugendchor der Lukaskirche Bonn

Chor des Bach-Vereins Köln

Mitglieder des Orchestre Français des Jeunes

Bundesjugendorchester 
Daniel Spaw Dirigent Kammerorchester
Thomas Neuhoff Dirigent

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