Mit Nationalstolz und kindischer Freude

Berliner Philharmoniker, Daniel Barenboim,  Philharmonie Berlin, 22. Oktober 2020

Daniel Barenboim dirigiert Smetanas „Ma Vlást“. Foto: Monika Rittershaus

Philharmonie Berlin, 22. Oktober 2020

Berliner Philharmoniker
Leitung: Daniel Barenboim

Bedrich Smetana: Má vlast (Mein Vaterland)

von Kirsten Liese

Als kompletter Zyklus wird Mein Vaterland von Smetana selten aufgeführt. Nur einen berühmten Titel daraus hört man sehr oft: Die Moldau. Insofern war man dankbar, dass sich Daniel Barenboim und die Berliner Philharmoniker in ihrer jüngsten Konzertserie einmal des gesamten Zyklus annahmen.

Wie sich unschwer feststellen ließ, sind auch alle übrigen Sätze durchzogen von kraftvollen markanten Rhythmen und einprägsamen Melodien. Nur der letzte Satz Blaník, der mit Hörnern, Fagotten und Pauke düster beginnt, erinnert – so wie er sich in dramatische Gefilde begibt – seitens der Tonsprache an Verdi.

Seitens der Gestaltung im Feinstofflichen blieb am ersten Abend allerdings allerhand Luft nach oben.

Das konnte ich vor allem  an der mir sehr vertrauten Moldau festmachen, die ich vor allem noch in der legendären Probenaufzeichnung mit dem Radiosinfonieorchester des Süddeutschen Rundfunks von 1963 unter Ferenc Fricsay im Ohr habe. Das Gemurmel des Flusses, mit dem das Stück beginnt, setzte zwar exakt und präzise ein, aber nicht so geheimnisvoll und leise wie in der erwähnten Referenzaufnahme.

Daniel Barenboim dirigiert Smetanas „Ma Vlást“. Foto: Monika Rittershaus

Besser gelang das wonnigliche Hauptthema, das Barenboim schwärmerisch in den Streichern aufblühen ließ. Die „Bauernhochzeit“ in dieser Programmmusik aber ließ den tänzerischen Charakter etwas vermissen. Bei Fricsay hatte sie einen ganz anderen Drive. Mit markanten Akzentuierungen brachte er die böhmische Polka zum Leben, unterstrich das Spritzige auch damit, dass er die Streicher jeweils nach der betonten ersten Note in den beginnenden Takten einer Phrase dynamisch wieder sehr zurücknahm.

Elemente der böhmischen Volksmusik lassen sich auch in anderen Sätzen heraushören, insbesondere aus den Melodien der Bläsersolisten, und insbesondere auch aus dem mit den Soli zweier Harfen beginnenden Eröffnungssatz „Vysehrad“, der außer der Moldau noch zu den bekanntesten des Zyklus zählt.

Daniel Barenboim dirigiert Smetanas „Ma Vlást“. Foto: Monika Rittershaus

Sehr zugute halte ich Barenboim, dass er keine Scheu davor hat, dem patriotischen böhmischen Nationalgefühl Raum zu geben, das sich unüberhörbar in allen Sätzen artikuliert. Es ließe sich sogar der Eindruck gewinnen, dass er an diesen Stellen, an denen Smetana diesen Empfindungen mit schwelgerischer Emphase Ausdruck gibt, mit fast kindischer Freude aufblüht. Jedenfalls ist Barenboim in seinem Element, wenn eine Phrase in eines jener – nennen wir es mal – Jubelmotive crescendiert. In diesen Momenten waren starke Emotionalität und Atmosphäre greifbar.

Zwischen diesen dynamischen Höhepunkten finden sich allerlei Passagen, die durchaus spröde tönen, wenn man sie wie ich zum ersten Mal hört. Sie hätten eine differenziertere Gestaltung und mehr Liebe zum Detail vertragen können. Freundlicher Beifall.

Kirsten Liese, 24. Oktober 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Noah Bendix-Balgley, Marek Janowski, Berliner Philharmoniker Philharmonie Berlin, 2. Oktober 2020

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