Fehlschuss in vermintes Gelände

Buch-Rezension: Anno Mungen, „Hier gilt’s der Kunst. Wieland Wagner 1941-1945“

Buch-Rezension: Anno Mungen, „Hier gilt’s der Kunst. Wieland Wagner 1941-1945“

Westend

von Peter Sommeregger

Der Bildausschnitt, der sich auf dem Schutzumschlag befindet, steht symbolisch für den höchst zweifelhaften Ansatz dieser Publikation. Das Foto, das im Original Adolf Hitler mit den beiden Wagner-Enkeln Wieland und Wolfgang zeigt, die sich bei ihm unterhaken, wurde beschnitten. Wolfgang, als der publizistisch weniger Ergiebige, bleibt außen vor.

Spätestens seit Brigitte Hamanns Buch „Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth“ im Jahr 2002 erschien, ist die Verstrickung der Familie Wagner mit dem Dritten Reich und der Person Adolf Hitlers Allgemeinwissen. Ein wenig ratlos hält man nun den schmalen Band Anno Mungens in der Hand, und weiß auch nach der streckenweise mühsamen Lektüre der 150 Seiten nicht wirklich, was den Autor zu diesem Buch bewogen hat.

Vorab gesagt: neue Fakten oder Erkenntnisse über Wieland Wagner sucht man darin vergeblich. Der Grundton ist vorwurfsvoll, WWs frühe Versuche, sich als Bühnenbildner und Regisseur zu profilieren, werden mit jeweils zeitnahen Kriegsereignissen in Verbindung gebracht. Tausende zerstörte Häuser und getötete Menschen, und WW gibt Unsummen für Theatermaterial aus. Deutschland taumelt dem Kriegsende entgegen, und WW sorgt sich um die Bayreuther Festspielleitung. Mungen ergeht sich vielfach in verschwörerisch-raunenden Andeutungen, Konkretes hat er nicht wirklich zu bieten.

Dazu kommt ein Stil, der manchmal unfreiwillig komisch wirkt. „Das Ästhetische aber in der Weise zu bewerkstelligen, dass es gut passt, ist nicht ohne weiteres zu bekommen.“ (S. 42) oder „Wagners Raumbühne, die auf Hitler zurückgeht, stattet das Finale aus, und das, was auf den Untergang folgt“ (S. 109). Vielfach greift der Autor auf die noch nicht edierten Tagebuchnotizen von Gertrud Strobel, der langjährigen Archivarin von Haus Wahnfried zurück, versäumt es aber, Strobel als Person entsprechend einzuführen. Deren Haltung und Bedeutung für WW und seine Familie bleiben vage.

Es ist grundsätzlich fragwürdig, eine biographische Arbeit auf einen so engen Zeitraum zu begrenzen. Das würde zumindest erfordern, WWs Leben vor 1941 und nach 1945 etwas ausführlicher zu behandeln, das enge Zeitfenster bildet zwar entscheidende Jahre ab, bleibt aber erschreckend eindimensional. Was Mungen mit diesem Buch eigentlich will, bleibt offen. Es taugt weder zur ernsthaften Biographie, noch enthält es Erhellendes über diese dunklen Jahre der Bayreuther Festspiele. Und, anders als es der Werbetext des Verlags nahelegt, ist es keineswegs „ein wichtiger Beitrag zum 70. Jahrestag der ’Neubayreuther‘ Wagner-Festspiele 2021.“ Man wird den Verdacht nicht los, dass hier auf das unerschöpfliche, aber verkaufsträchtige Thema Adolf Hitler gesetzt wird. Wieland Wagner hätte Besseres verdient, eine umfassende, seriöse Biographie lässt nach wie vor auf sich warten.

Peter Sommeregger, 10. Juni 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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