Mit ein bisschen Hollywood

Carl Millöcker, Der Bettelstudent,  Volksoper Wien

Foto: B. Pálffy (c)
Carl Millöcker, Der Bettelstudent
Volksoper Wien, 3. Mai 2017

von Mirjana Plath

Die Operette hat einen schweren Stand auf der Bühne – zu trivial für Wissenschaftler, zu kitschig für Opernliebhaber, zu altmodisch für Musicalgänger. Doch sie zieht das Publikum in ihren Bann und ist bis heute aktuell. Das beweist Anatol Preisslers Inszenierung von Carl Millöckers „Bettelstudent“ an der Volksoper Wien.

Die Ouvertüre stammt, nach Themen aus der Operette, aus der Feder des Dirigenten Wolfram-Maria Märtig. Die Musik ist grandios – mit einer kurzen Bläsereinleitung, auf die eine satte Streicherpartie folgt. Auf der Bühne erscheint eine riesige blaue Weltkugel, und aus der Vogelperspektive kommen erst Europa, dann Polen und schließlich Krakau ins Blickfeld. Mit Postkartenmotiven und Jahreszahlen wird die Zeit langsam zurückgedreht. Wunderbar fließende Melodieverläufe und schwungvolle Passagen entführen das Publikum ins Krakau von 1704. Wie das Intro einer Hollywood-Filmproduktion leitet diese Eröffnung in eine märchenhaft realitätsferne Welt ein.

Der Bezug zu Filmblockbustern zieht sich durch die gesamte Operette. Der im Original sächselnde Kerkermeister Enterich (Boris Eder) tritt hier im Piratenkostüm und mit Wiener Schmäh auf. Spätestens wenn er sich auf der Bühne als „Depp von Ottakring“ bezeichnet, wird der Fingerzeig auf die „Fluch der Karibik“-Figur Jack Sparrow überdeutlich. Wie ein Pirat aus dem meeresfernen Wien stammen kann, bleibt jedoch rätselhaft.

Stark karikiert sind auch Piffke (Otto Beckmann) und Puffke (Julian Manuel), die zwei muskelbepackten dümmlichen Anhängsel des Gefängniswärters. Als running gag schlagen sie sich immer wieder mit riesigen Holzprügeln gegenseitig den Kopf ein, untermalt vom Orchester. Das ist stark an die Ästhetik der Komödien von „Dick und Doof“ angelehnt. Auch „Die drei Musketiere“ und weitere Filmklassiker finden Erwähnung – unterhaltsam, aber stellenweise etwas plump.

Nach der mitreißenden Ouvertüre setzt der Frauenchor ein. Die Sängerinnen klingen anfangs vor allem in den hohen Tönen noch nicht sehr klar und brauchen eine Weile, bis sie als musikalische Einheit zusammenfinden. Auch das Orchester spielt jetzt verhalten und teilweise schleppend. Der Puls schlägt etwas zu träge in den ersten Nummern. Erst im Finale des ersten Aktes kehrt die Musik zu ihrer anfänglichen Frische zurück. In der Ensemblenummer „Du bist die Seine“ kurz vor der Pause laufen die Musiker und Sänger zu Höchstleistungen auf. Die Einsätze der einzelnen Stimmen kommen auf den Punkt genau zur richtigen Zeit. Zusammen ergeben sie ein feingliedriges Stimmengeflecht – eine tolle Gemeinschaftsleistung.

Oberst Ollendorf, der Gouverneur von Krakau, ist als Bösewicht dem Gespött des Publikums ausgeliefert. Er trägt eine lächerlich hoch aufgetürmte Barockfrisur und ist nur darauf bedacht, die Grafentochter Laura bloßzustellen. Weil sie ihn auf einem Ball deutlich zurückgewiesen hat, ist er in seinem Stolz gekränkt. Der Bass Andreas Mitschke trifft genau den richtigen Ton, um diese Witzfigur passend darzustellen. Er klingt besonders in den tiefen Tönen schön samtig. Das starke Vibrato passt zur aufgesetzten Selbstverliebtheit seiner Rolle.

Die sächsischen Offiziere in seiner Entourage sind ebenfalls köstlich anzuschauen. Allesamt invalide – halb blind, halb taub, halb lahm – stehen sie dem Oberst in ihrer Lächerlichkeit in nichts nach. Gesanglich werden sie jedoch alle von Lucian Krasznec überstrahlt. Der Tenor überzeugt von seinem ersten Einsatz an als Bettelstudent Symon.

Krasznec füllt die Partie des jungen Titelhelden perfekt aus. Mit seiner wendigen Stimme verkörpert er einen gewitzten Studenten, der sich auch als falscher Fürst gebieterisch in Szene setzen kann. In seiner Arie „Ich knüpfte manche zarte Bande“ wickelt er nicht nur Laura sofort um den Finger. Das Publikum liegt ihm zu Füßen. Die jugendliche Frische schlägt in lyrische Tiefe um, wenn er seine Liebe zur Grafentochter erklärt. Im Duett „Ich setz‘ den Fall“ mit der Sopranistin Anja-Nina Bahrmann beweisen beide Sänger ihre ausdrucksstarke Stimmkraft. Die tiefen Streicher untermalen mit fließenden Aufwärtsbewegungen die Liebeserklärungen der Figuren, Geigen greifen sie nahtlos auf und setzen sie in die Höhe fort. Die Flötenstimme schmiegt sich anmutig an die Tenorstimme an. Mit einer fein ausgearbeiteten Dynamik bettet das Orchester das Paar in eine malerisch gefühlsbetonte Musikkulisse ein.

Alexander Pinderak als Jan Janicki singt ebenfalls herausragend an diesem Abend. Seine kräftige Stimme passt zu der heroischen Rolle, die am Ende erfolgreich die Sachsenherrschaft beendet. Im Liebesduett „Durch diesen Kuss sei unser Bund geweiht“ kommt seine satte, volle Tenorstimme toll zur Geltung. Seine Gesangspartnerin, die Sopranistin Anita Götz, verkörpert die zweite Grafentochter Bronislawa mit verspielter und kindlich-naiver Leichtigkeit. Zusammen sorgen sie für einige Lacher im Publikum. Sie schaffen es den Bogen zwischen komischem Paar und gefühlvoller Ernsthaftigkeit zu spannen. Wolfram-Maria Märtig dirigiert ein schwelgerisches Orchester mit perlenden Harfentönen und romantischen Streicherbewegungen.

Als habgierige Mutter ist Palmatica Gräfin Nowalska darauf bedacht, dass ihre beiden Töchter reiche Ehemänner finden. Wunderbar matronenhaft mimt die Sopranistin Elisabeth Flechl die alternde Frau. Sie trägt ein sperriges Kostüm mit einem überdimensionalen Querbalken, der ihr barockes Kleid unnatürlich aufbauscht. Den zweiten Akt eröffnet die Mutter mit ihren Töchtern in einem Schlafzimmer. Ein luftiger Baldachin, samtbezogene Polster und große Kandelaber verleihen dem Raum einen märchenhaften Schein. Die Stimmen der drei Sängerinnen verschmelzen im Terzett „Einen Mann hab‘ ich gefunden“ sehr schön miteinander. Filigrane Flöteneinwürfe und ein federleichtes Orchester untermalen anmutig den Gesang. Anja-Nina Bahrmann nimmt selbst die hohen Töne leicht und tänzerisch. An Brillanz und stimmlicher Durchsetzungskraft ist Elisabeth Flechl hier ihren Bühnentöchtern unterlegen.

Die Inszenierung des „Bettelstudenten“ an der Volksoper Wien beweist, dass die Operette Kinoqualität besitzt. Die Bühnenbilder von Karel Spanhak sind einfallsreich. Zusammen mit den phantasievollen Kostümen von Marrit van der Burgt entsteht auf der Bühne eine traumhafte Filmkulisse für die Liebesgeschichte von Laura und Symon. Die herausragenden Leistungen des Dirigenten Wolfram-Maria Märtig sowie der Tenöre Lucian Krasznec und Alexander Pinderak bringen Millöckers Musik zum Glänzen.

Mirjana Plath, 4. Mai 2017, für
klassik-begeistert.de

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