Fülle des Wohllauts: Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle mit einem Strauss-Programm

Christian Thielemann, Erin Morley, Sächsische Staatskapelle Dresden,  Semperoper Dresden

Foto: © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden, Livestream

Christian Thielemann

Erin Morley, Sopran

Sächsische Staatskapelle Dresden

von Kirsten Liese

Mit vitalen, juvenilen Aufschwüngen kommt es in den ersten Takten gleich groß in Fahrt –  Strauss’ Heldenleben. Wer jedoch daraus ableitet, es handle sich um ein wuchtiges Werk schamloser Selbstverherrlichung, wie dem Komponisten so manche Kritiker unterstellten, kennt die sinfonische Dichtung schlecht, wird sie doch im weiteren Verlauf über größere Strecken kammermusikalisch filigran.

Christian Thielemann, der mit dem Strauss’schen Oeuvre en detail so vertraut ist wie derzeit wohl kein Zweiter, wird nicht müde, mit seinen entsprechenden Interpretationen dieses Missverständnis immer wieder aufzuklären. Das gelingt freilich mit einem Orchester in langer Strauss-Tradition, das erst kürzlich das intime Konversationsstück Capriccio unter seiner Leitung trefflich einstudierte und die ebenso von herrlich intimen Momenten durchflutete Arabella in seinem Repertoire hat, besonders gut.

Während Orchester andernorts in Wien, München oder Hamburg wieder vergönnt ist, vor Publikum zu spielen, musste sich die Sächsische Staatskapelle Dresden zwar bei ihrem 10. Sinfoniekonzert mit einem Livestream bescheiden, aber so wie Christian Thielemann noch vor wenigen Monaten in einem öffentlich gewordenen Disput mit dem Semperoper-Intendanten Peter Theiler zu diesem Stück ausgebremst worden war, ist man schon froh, wenn sich die Strauss-Pflege an diesem Haus überhaupt wieder fortsetzen lässt.

Thielemanns Zähigkeit, das Werk doch noch in Corona-Zeiten auf den Plan zu bringen, hat sich jedenfalls ausgezahlt, denn – und das vermittelte sich bei allen Unzulänglichkeiten einer Stream- oder Fernsehübertragung – so grandios musiziert derzeit auf der ganzen Welt kein anderes Orchester Ein Heldenleben.

Die strahlende Vorfreude allerdings, die sich in der jüngsten Capriccio-Aufzeichnung beim ersten Einsatz kaum übersehen ließ, war diesmal – wer wollte es Christian Thielemann verdenken – einem ernsten Gesichtsausdruck gewichen. Der Laufpass, den ihm die sächsische Kulturministerin unlängst gab, indem sie seinen  Vertrag nicht verlängerte, und das befremdende Ausbleiben eines lautstarken Protests seitens des Orchesters erklären das mehr als genug.

Die Musik aber blieb von etwaigen Missstimmungen völlig unbelastet. So geht Professionalität!

Was für ein Moment in der sinfonischen Dichtung, wenn sich auf einmal aus dem großen Orchesterapparat die Solo-Violine herauslöst mit einer Kadenz, die bei aller Virtuosität wie das  zarte, feine Gewebe einer Spitzenklöpplerin anmutet.

Konzertmeister Matthias Wollong spielt diese Girlanden ungemein feinnervig, sensitiv und mit gebotener Zartheit und – direkt unter den Augen des anspruchsvollen Dirigenten – bis aufs I –Tüpfelchen perfekt!

Eine passgenaue Dramaturgie hinsichtlich der assoziierten musikalischen Tableaus vom mal ruhmreichen, mal friedvollen oder verzagten Helden war freilich das Werk des Klangmagiers Thielemann, der farblich wie dynamisch aufs Subtilste nuancierte und einen verzauberte mit einem wahren Füllhorn an Wohllaut.

Einen großen Teil daran hatten natürlich auch die stark geforderten Bläsersolisten, allen voran Flöte, Fagott und Englischhorn. Brillant und makellos intonierten Trompeten und Hörner, die ihren größten Auftritt in jenem Moment hatten, als sie aus räumlich weiter Distanz ganz leise wie aus der Ferne tönten. Von wegen  Egomanie und Selbstdarstellung: Wer diese Einstudierung gehört hat, mag wohl eher dem Komponisten zustimmen, der von sich selbst sagte, er sei nicht für die Schlacht gemacht, sondern dazu, Ruhe und Frieden zu genießen.

Der Tondichtung voran gingen ausgewählte Orchesterlieder von Strauss, vorgetragen von der Sopranistin Erin Morley. Durchaus kultiviert und mit schöner Tongebung gestaltete die Amerikanerin Titel wie Muttertändelei oder Ich wollt ein Sträußlein binden, auch wenn der Sänger-Olymp so unvergesslicher grandioser Strauss-Interpretinnen wie Schwarzkopf, Janowitz oder Della Casa unerreicht bleibt. Das liegt an einem Timbre, das nicht ganz so kristallin und silbrig tönt wie das der Genannten sowie an einer etwas eindimensionalen farblichen Gestaltung.

Nun zählt der Amor aus den Brentano-Liedern,  der mit seinen schwindelerregenden Koloraturen an die Zerbinetta-Arie aus der Ariadne erinnert, meines Erachtens zu den schwierigsten überhaupt. Nicht nur bei Morley geraten die Spitzen da etwas eng. Ich habe dieses Lied eigentlich nur ein einziges Mal live in einer herausragenden Darbietung mit frei schwingender Kopfstimme gehört, und das war vor vielen Jahren mit einer noch jüngeren Edita Gruberová.

Als eine hübsche Idee erwies es sich, zwischen die Lieder und die Tondichtung eine kurze weitere Komposition für Sopran und Orchester zu schieben. Schlicht Nacht  lautet der Titel dieses Stücks von Thomas Hennig, das hier seine Uraufführung erlebte und mit dem ersten Strauss-Lied  An die Nacht korrespondiert.

Ich ahne es, manch einer, der wie einst ein Michael Gielen schon an Werken von Strauss selbst Anstoß nimmt, weil dieser sich seinerzeit nicht der Neuen Wiener Schule eines Arnold Schönberg und Alban Berg anschloss, wird Hennigs Stück wohl als epigonal abtun. Aber damit wird man ihm nicht gerecht, zumal es ausdrücklich von Strauss’schen Klavierskizzen inspiriert ist und auf sehr reizvolle Weise Anklänge und Zitate etwa aus den Vier letzten Liedern mit neuen Motiven im spätromantischen Stil verbindet.

Im Zuschauersaal der Semperoper durfte bedauerlicherweise noch niemand Platz nehmen. Aber man könnte dieses wunderbare Konzert auch als eine Art Generalprobe erachten: Am 6. Juni wird das gesamte Programm noch einmal im Wiener Musikverein dargeboten. Diesmal mit Publikum. Schade nur, dass die Reiserestriktionen noch immer bestehen, sonst wäre ich bestimmt dabei.

Kirsten Liese, 31. Mai 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Richard Strauss:

»An die Nacht«

»Ich wollt ein Sträußlein binden«

»Säusle, liebe Myrthe!«  aus op. 68

»Muttertändelei« op. 43/2

»Als mir dein Lied erklang«

»Amor« aus op. 68

 

Thomas Hennig

»Nacht« (inspiriert durch Klavierskizzen von Richard Strauss)

 

Richard Strauss

»Ein Heldenleben« op. 40

Christian Thielemann, Kommentar, klassik-begeistert.de

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