München: Die überzeugende stimmliche Präsenz aller Solisten macht Reimanns „Lear“ zum Ereignis

Lear von Aribert Reimann  Bayerische Staatsoper, München, 30. Mai 2021

Bayerische Staatsoper, München, 30. Mai 2021
Fotos: W. Hösl

„Lear“ von Aribert Reimann

von Frank Heublein

Nach der Uraufführung 1978 in der Staatsoper kehrt Aribert Reimanns Oper „Lear“ an das Münchner Opernhaus zurück. Der Rahmen der aktuellen Inszenierung von Christoph Marthaler ist ein Naturkundemuseum. Aufgespießte Insekten in einem der Kästen, sie faszinieren Lear. Weitere handelnde Protagonisten des Stücks sind ausgestellt, viele davon in weiteren Kästen. Ein Museumsführer führt eine Gruppe Besucher von Kasten zu Kasten.

Was würde ich als Museumsführer zu den Besuchern sagen? Lear hat – meint er – eine Wahnsinnsidee. Endlich die Last des Regierens abwerfen. Das Alter genießen. Es ist eine wahnsinnige Idee. Das werde ich – und Sie! – sehen und hören.

Die ersten Worte, die den Strom des Untergangs entfachen, werden ohne Musik gesprochen. Das Reich will Lear aufteilen zwischen seinen Töchtern, die Ihre Liebe zum Vater öffentlich bezeugen sollen, um einen Teil des Reiches zu erhalten. Ich werde als Zuschauer und -hörer derb hineingeworfen in den abwärts ziehenden Handlungsstrudel.

Die Szene der Reichsvergabe ist musikalisch ein ständiges In-sich-Zusammenbrechen. Die Töne stürzen aufeinander, begraben ihren Vorton unter sich. Geheuchelte Liebesbezeugungen von den Töchtern Goneril und Regan. Die dritte Tochter Cordelia dagegen ist wortkarg. Wird deshalb enterbt und vom Hof gejagt.

Goneril und Regan verbünden sich gegen den Vater, wollen alle Macht und erkennen beide zugleich in der anderen die Rivalin. Doch nur zusammen können sie die Macht dem Vater entreißen. Parfümsprühend trachten sie den Machtraum des Vaters auszuräuchern, lassen seinen Getreuen einkerkern, besprühen seine geliebten Insekten. Lear ist entsetzt und angeekelt.

Ich werde Zeuge einer weiteren Intrige, die Tenor Matthias Klink als Edmund in einer eindrucksvollen Arie aus der Empore schmettert. Er bringt den Vater Graf von Gloster gegen seinen Halbbruder Edgar auf. Auch dieser wird wie Cordelia verstoßen. Die Musik in diesem Teil ist aggressiv. Ich spüre die musikalisch erzeugte negative Gefühlswand von Gier und Machtgelüst der Töchter und dem hasszerfressendem Zurückgesetzt-Sein Edmunds als Bastard.

In der nächsten Szene zeigt sich die bittere Ambivalenz Lears, der die Machtgier zweier Töchter spürt. Verzweiflung und Enttäuschung, die Ohnmacht des Machtverlustes klingt aus Christian Gerhahers Gesang als Lear und der gesamten orchestralen Musik, wo er sich doch anfangs sehnte nach mehr Altersruhe.

In diesen ersten Szenen sind Musik und alle Stimmen im Extrembereich. Ein in der Stimmung wechselnder aber zugleich permanenter Ausnahmezustand. Alle Sänger und Sängerinnen am tonalen Ende ihrer Stimmen. Das gilt auch für das Orchester. Es ist mir, als würde ich dauerhaft unter Strom gesetzt. Dies gipfelt im physischen Ausschluss Lears durch die Töchter, die trotz eines Unwetters die Tore ver- und ihren Vater Lear dadurch ausschließen.

Meine Atemlosigkeit merke ich im Zwischenspiel und der folgenden Szene, die musikalisch geführt wird von tiefen Flötentönen, die sich dialogisch mit dunklen Streichertönen abwechseln. Damit hole ich Atem. Lear ist ausgesperrt und einem Unwetter ausgesetzt, gemeinsam mit seinem Getreuen Graf von Kent. Sie treffen auf Edgar, der sich als „armer Tom“ verkleidet hat. Trotz der äußeren Widrigkeiten ist die Stimmung anders, nicht mehr aggressiv wie zuvor. Das liegt daran, dass sich keine inneren Feinde begegnen. Erstmals an diesem Abend erlebe ich dem Anderen zugewandtes Handeln und Singen.

Dieser Bruch ist extrem, denn in den ersten Szenen ist es ein „für sich“. Jede Person, auch Lear, singt für sich und seinen Vorteil. Es gibt keine Anderen neben sich selbst. Diese Veränderung des Bezugs prägt sich mir intensiv musikalisch ein, denn die drei Sänger singen in ihrem stimmlichen mittleren Tonlagen, die sich merklich von den extremen Tonlagen der vorherigen Szenen abheben. Auch das Orchester beruhigt, besänftigt mich in diesem Moment.

Den zweiten Teil überschreibe ich für mich mit „vielfaches Entsetzen“. Der musikalische Ausdruck verändert sich. In langen Strecken des ersten Teils dominiert ein Forte des gesamten Orchesters, das die Ausnahmezustände vorstellt. Im zweiten Teil sind es eher einzelne Instrumentengruppen, die hervorgehoben werden. Etwa Trommeln, die maschinengewehrartig klingen. Streicher, die nervenzerfetzend flirren.

Geschickt werden die Protagonisten in diesem zweiten Teil in großen Holzkisten erst versteckt, dann für ihren Auftritt mit der Öffnung hin zum Publikum gedreht. Die Kisten verstehe ich als neue Lieferungen fürs Naturkundemuseum. Der zweite Teil ist die Präparierung der handelnden Personen fürs Museum. Nicht mehr Insekten, Menschen werden aufgespießt und vorbereitet für die Ausstellung „Wie Gier und Machtlust den Untergang eines Geschlechts markiert“.

Wie schon im ersten Teil werde ich auch zu Beginn des zweiten Teils hineingeworfen in eine Szene, die mich fassungslos zusehen und -hören lässt. Gloster werden beide Augen herausgerissen! Zuerst wütet Regans Mann, der Herzog von Cornwall. Er wird von einem Bediensteten niedergeworfen. Seine Frau, die Tochter Lears Regan reißt ihm das zweite aus. Hämisch lachend eröffnet Regan dem nun blinden Gloster den Betrug Edmunds und singt „Werft ihn hinaus! […] Soll er den Weg nach Dover riechen!“. Aušrinė Stundytė singt diese Passage Regans zwingend.

In der nächsten Szene verbündet sich Goneril mit Edmund gegen den Ehemann Herzog von Albany. Brutale gewissenlose Machtgier platzt aus hier heraus. Angela Denoke singt die an Wahn grenzende dominante Machtgier mit großer Intensität.

Ein weiteres Entsetzen rüttelt mich an durch Gonerils Vergiftung ihrer Schwester Regan: „mir ist so elend“ – „Wenn nicht, so trau ich keinem Gift!“. Dem Strudel des Verderbens entgeht keiner der Protagonisten. Lear erkennt den Tod der Tochter Cordelia, die zu ihm hielt. Christian Gerhahers Gesang offenbart mir die Verzweiflung, was er angerichtet hat. Die Unumkehrbarkeit des Untergangs seines Geschlechts zeigt sich auch in den präparierten aber eben gleichfalls toten Insekten, die er liebevoll und zugleich vollkommen abwesend im Präsentierkasten platziert.

Das letzte Bild ist dem ersten gleich und schließt die Rahmenhandlung: Museumsbesucher beäugen, vom Führer hereingebeten, die in Kästen präsentierten nun toten museal präparierten Protagonisten. Vorhang.

Hochkonzentriert und sicher leitet Jukka-Pekka Saraste das Bayerische Staatsorchester durch die mich über weite Strecken elektrisierende und beinahe atemlos machende Musik. Schockwellen aus mich zermürbender Dramatik. Egal ob ganzheitlicher Orchesterklang im ersten oder die hervortretenden Instrumentengruppen im zweiten Teil: die Musik ist eine zusätzliche Ebene, die auf mich emotional wie ein starker Sog wirkt, ein Resonanzraum ist für die grausamen und vernichtenden Handlungsakte auf der Bühne.

Das Orchester unterstützt die Singstimmen nicht. Es ist ein kompositorisch gewolltes atonales Nebeneinander. Einige Male zieht das Orchester den Stimmen gar den musikalischen Boden mit einer Generalpause gänzlich weg. Ein fantastischer dramatischer Effekt. In die plötzliche Stille, so kurz sie ist, so intensiv ist sie, ertönt die Stimme hinein mit handelnder Dramatik. Die stimmliche Präsenz, sich gegen das Orchester durchzusetzen, gelingt ausnahmslos allen Sängerinnen und Sängern beeindruckend. Welch immense Leistung!

Beim Applaus wirkt die Gelöstheit bei den Künstlern auf der Bühne so, als ob das Stück für einen Moment alle dunklen und bösen Gefühle mit dem letzten Ton abgesaugt hätte. So absolut, so zwingend fühlt es sich für mich an.

Frank Heublein, 31. Mai 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

 

„Lear“ von Aribert Reimann, Oper in zwei Teilen nach William Shakespeare
eingerichtet von Claus H. Henneberg (1978).

Musikalische Leitung    Jukka-Pekka Saraste

Inszenierung        Christoph Marthaler

Mitarbeit Inszenierung    Joachim Rathke

Bühne                    Anna Viebrock

Kostüme              Dorothee Curio

Licht                     Michael Bauer

Chor                    Stellario Fagone

Dramaturgie     Benedikt Stampfli, Malte Ubenauf

König Lear        Christian Gerhaher

König von Frankreich    Edwin Crossley-Mercer

Herzog von Albany       Ivan Ludlow

Herzog von Cornwall    Jamez McCorkle

Graf von Kent     Brenden Gunnell

Graf von Gloster           Georg Nigl

Edgar        Andrew Watts

Edmund         Matthias Klink

Goneril, Tochter König Lears     Angela Denoke

Regan, Tochter König Lears       Aušrinė Stundytė

Cordelia, Tochter König Lears    Hanna-Elisabeth Müller

Narr         Graham Valentine

Bedienter         Dean Power

Ritter       Marc Bodnar

Bayerisches Staatsorchester

Chor der Bayerischen Staatsoper

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