SKD Gatti, G. Capuçon © Jörg Simanowski
Das Wort „Sternstunde“ wird heutzutage „inflationär“ verwendet; da muss man sich selbst auch bei der Nase nehmen. In diesem Fall jedoch bei beiden Konzerten ist diese Bezeichnung mehr als gerechtfertigt. Mit dem Dresdner Meisterorchester und seinem Dirigenten demonstrieren die Musiker, dass sie bei den französischen Werken Spitzenklasse sind; bei Wagner schon fast einzigartig. Und mit Verdis Totenmesse wird noch eins draufgesetzt.
Musikverein Wien, 24. Mai 2026
Richard Wagner: Ouvertüre zu „Die Meistersinger von Nürnberg“
Camille Saint-Saëns: Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 1 a-moll, op. 33
Richard Wagner: Vorspiel zum dritten Akt und „Karfreitagszauber“ aus „Parsifal“
Claude Debussy: La Mer (drei symphonische Skizzen für Orchester)
Solist: Gautier Capuçon, Violoncello
Sächsische Staatskapelle Dresden
Dirigent: Daniele Gatti
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Musikverein Wien, 25. Mai 2026
Giuseppe Verdi: Messa da Requiem
Solisten: Eleonora Buratto, Elīna Garanča, Benjamin Bernheim, Riccardo Zanellato
Wiener Singverein
Sächsische Staatskapelle Dresden
Dirigent: Daniele Gatti
von Herbert Hiess
Der Italiener Daniele Gatti dirigierte im ersten Konzert am Sonntag, 24. Mai 2026, eine spezielle Mischung von Wagner-Werken und besondere französische Kompositionen – zu Wagner aber später.
Im ersten Teil spielten die Sachsen gemeinsam mit dem weltbesten Solocellisten Gautier Capuçon Saint-Saëns Cellokonzert. Ein dreisätziges Werk und eine ganz besondere Komposition.
Beginnt das Meisterwerk eher unüblich mit einem kurzen Akkord, zieht sich das mit kurzen Akkorden und einer permanenten Kantilene durch diesen Satz, der dann in den zweiten Satz übergeht; eine menuett- und barockartige Phantasie. Der dritte Satz hingegen ist eine Rekapitulation der wichtigsten Themen des ersten Satzes (ganz, ganz selten hört man leicht Akkorde und Melodien aus der berühmten „Orgelsymphonie“ des Komponisten).

Wenn man das Glück hat, dass der heute weltbeste Cellist Gautier Capuçon sich diesem Werk annimmt, kann man sich auf ein extrem eindrucksvolles Erlebnis freuen. Immer wieder einzigartig zu hören, wie der Solist jede Melodie und jeden Bogen auskostet.
Capuçon liebt für Zugaben Bearbeitungen für Cellogruppe; hier kam dieses Mal das Blumenduett aus Léo Delibes Oper „Lakmé“ zum Erklingen – hochgradig erfreulich zum Hören.
Dem Schluss des offiziellen Programmes war Claude Debussys Tondichtung „La Mer“ gewidmet. Da zeigten Gatti und die Dresdner ihr ganzes Können. Unglaublich, was da für Melodien und (angebliche) Seitenstimmen zu hören waren.

Daniele Gatti als Verfechter und Könner der extremen Transparenz ließ in seiner bescheidenen Art das Werk auch so erklingen, dass man tatsächlich glaubt, jede Note zu hören. Niemals verliert der Maestro „das Ganze“ aus den Augen und den Ohren.
Ähnlich bei Richard Wagner. Das Orchester wurde durch seinen langjährigen Chefdirigenten Christian Thielemann (zwischen 2012 und 2024) vor allem im deutschen Repertoire extrem trainiert. Das Ergebnis kann sich hier hören lassen.
Daniele Gatti ist einer der seriösesten Maestri. Immer auswendig dirigierend, lieferten die Musiker schon bei der „Meistersinger“-Ouvertüre ein wunderschönes Erlebnis. Gerade in diesem Werk gibt es ständige Wechsel zwischen kammermusikalischen und bombastischen Sequenzen.

Auch das Vorspiel zum dritten Akt Parsifal und dem „Karfreitagszauber“ war eine erfreuliche Begegnung mit einem der schönsten Werke der Musikgeschichte. Das Vorspiel zum dritten Akt war mehr als eindrucksvoll; getoppt wurde es nur durch den „Karfreitagszauber“, der sogar orchestral mit der überleitenden Sequenz vor diesem Werk (Gurnemanz „Gesegnet seist du Reiner…“) begann; letztlich endete dieser Teil in einer klanglichen und unvergesslichen Orgie.
Erwartete man sich irgendeinen „Orchesterreißer“ als Zugabe, belehrte Gatti die Zuhörer eines Besseren mit dem Vorspiel und Liebestod aus „Tristan und Isolde“ als selten grandiose Demonstration des Könnens von Orchester und Dirigenten.
Christian Thielemann hat durch sein Chefdirigenten-Amt vor allem in Sachen deutschem Repertoire einen unverzichtbaren Grundstein für das Orchester gelegt; Daniele Gatti baut das noch weiter aus.
Am Tag darauf, Montag, 25. Mai 2026, muss man die „Sternstunden“-Metapher fortsetzen; da führte das großartige Orchester mit hervorragenden Solisten Verdis opernhaftes Requiem beispielgebend auf.

Die Solisten sangen hervorragend. Frau Buratto verfügt über einen wunderschön strahlenden Sopran, man hätte sich vielleicht manchmal ein „echtes“ Pianissimo gewünscht. Und Frau Garančas Stimme ist bekanntermaßen raumfüllend und tragend, gelegentlich etwas fahl in der Mittellage.
Der Bassist Zanellato war ebenso beeindruckend; das Ereignis des Abends war der Tenor Benjamin Bernheim. Ereignishaft sein „Ingemisco“ und das „Hostias“ im dritten Teil (Offertorium).

Daniele Gatti ließ die gesamte Palette des Klangspektrums hören – vom zartesten Pianissimo bis zum enormen Fortissimo. Mit diesem Traumorchester ist sowas leicht umsetzbar. Hier muss man vor allem die Holz- und Blechbläser hervorheben und natürlich standen die Streicher und das Schlagwerk in nichts nach.
Gatti dirigierte mit seinen bekannt sparsamen, dafür aber umso wirkungsvolleren Gesten. Wunderbar wie er das gemeinsam mit dem Orchester umsetzte. Und er scheute sich auch nicht, manchmal kräftig zuzulangen. Vor allem im zweiten Teil (Dies irae) konnte man sich über das Orchester erfreuen. Ein Beispiel war in diesem Teil der Bass-Part „Confutatis“, wo endlich die Pauken ein tatsächliches Forte spielten und nicht ein verwaschenes Geklopfe wie bei den meisten anderen Aufführungen.

Bleibt abschließend nur zu sagen: Zwei phantastische Konzertabende und auf ein baldiges Wiedersehen und -hören wird gehofft!
Herbert Hiess, 26. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
10. Sinfoniekonzert Sächsische Staatskapelle Dresden, Gautier Capuçon Semperoper, 15. Mai 2026
6. Sinfoniekonzert Sächsische Staatskapelle Dresden, Daniele Gatti Semperoper, 14. Februar 2026