Fäden als Sinnbild der gesprochenen Gedanken

Dance On Ensemble, Ivana Müller,  Münchner Kammerspiele, 25. November 2021

Foto: Jubal Battisti

Münchner Kammerspiele, 25. November 2021

von Frank Heublein

In der Therese-Giese-Halle der Münchner Kammerspiele gastiert an diesem Donnerstagabend das besondere Dance On Ensemble, welches gemeinsam mit Schauspielern und Schauspielerinnen der Münchner Kammerspiele das Stück Fäden verkörpern. Fäden bewegen und sich von diesen bewegen lassen. Ivana Müller steuert Konzept, Text und Choreografie bei. Die heutige Premiere findet vor kleinem Publikum mit zugelassenen 30 Personen statt.

Das ist kein Tanz, den ich heute sehe, oder doch? Die meisten Bewegungen der acht Personen werden durch Fäden organisiert. Fingerdicke vielmeterlange Wollfäden unterschiedlicher Farben, die aufgerollt, abgerollt, geworfen, verwirrt, entwirrt werden. Auf, über, vor und neben einem quaderförmigen dreistufigen Aufbau. Langsam. Gemessen. Balletttänzerische Bewegungen erkenne ich nur in wenigen Momenten.Diese Fäden also sind es, die die physische Bewegung der Künstler und Künstlerinnen auf der Bühne organisieren. Das tänzerischste Moment des Stücks fast am Ende des Abends sind die überkreuz übereinanderliegenden Fäden, unentwirrbar, in denen Performer und Performerinnen Spannungen erzeugen. Kräfte, die durch Bewegung in die Fäden hinein bei den anderen Personen Bewegung auslösen. Langsam. Gemächlich. Gebändigte Kraft, die ich erspüre, wahrnehme, die auf mich einwirkt.

Foto: Jubal Battisti

In meinem Aufmerksamkeitsfokus ist der Text. Acht Personen sinnieren über die Zeit. Es sind Monologe, Gedanken, Geständnisse. Was machen wir mit unserer Zeit? Was sammeln wir? Was verlieren wir? An was erinnern wir uns? Was vergessen wir? Wie verändern wir uns im Laufe der Zeit? Verändern wir uns? Die Wirkung des Worts ist stärker als die der Bewegung, als die Fäden, die doch mein visuelles Zentrum für sich beanspruchen. Fäden rollen, fliegen, werden ab- und aufgewickelt. Ein Sinnbild der gesprochenen Gedanken.

Foto: Jubal Battisti

Der eindrucksvollste Moment für mich ist der „Jetzt“ Moment. Das Stück ist in Englisch, also der „Now“ Moment. Hier ist die Truppe zueinander geneigt im Jetzt. Was passiert jetzt? Was sollte passieren? Was kann passieren? Was lieber nicht? Fantastisch empfinde ich, dass das gesprochene Jetzt sich bricht mit dem von mir gesehenen Moment, dem Augenblick auf der Bühne. Die Personen neigen sich zueinander, wogen hin und her. Beständig durch das nächste Now! angestoßen und die wogende Richtung ändernd.

Meine Reflektion: verändere ich mich? Jetzt gerade? Das Paradoxon ist, dass ich eine Veränderung im Moment des Erlebens für mich nicht feststellen kann. Nur der Rückblick lässt mich Veränderung erkennen. Ich gerate ins Denken über mich, was eine spürbare Distanz und eine gleichzeitige Nähe, eine sehr besondere Aufmerksamkeit zum Geschehen auf der Bühne in mir entwickelt. So bindet das Stück mein Inneres an sich. Ein Gedankenfaden, über sein Ende hinaus.

Frank Heublein, 28. November 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Programm

Fäden – Choreografische Stückentwicklung von Ivana Müller
Doppelpass-Kooperation der Münchner Kammerspiele mit dem Dance On Ensemble

Besetzung

Von und mit

Javier Arozena, André Benndorff, Walter Hess, Jelena Kuljić, Anna Gesa-Raija Lappe, Emma Lewis, Jone San Martin, Omagbitse Omagbemi

Konzept, Text & Choreographie Ivana Müller

Mitarbeit Bühne- & Kostümbild Alix Boillot

Lichtdesign Martin Kaffarnik

Künstlerische Mitarbeit & Dramaturgie Jonas Rutgeerts

Dramaturgie Olivia Ebert

Künstlerischer Leiter Dance On Ensemble Ty Boomershine

Heinrich Isaac und der Choralis Constantinus, Die Hl. Ursula und die 11.000 Jungfrauen St. Johannes-Kirche München, 21. November 2021

Gian Carlo Menotti, Das Medium, Staatstheater am Gärtnerplatz, München, 02. November 2021

 

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