Lebendiges Musizieren für Gojim und anderes Getier

Daniel Kahn, Christian David, „Im Konzert“  Deutschlandradio Kultur, 6. Dezember 2021, 20.03 Uhr

“Im Konzert”, Deutschlandradio Kultur, 6. Dezember 2021, 20.03 Uhr

Daniel Kahn: Gesang, Akkordeon, Klavier sowie Transkription und Übersetzung ins Jiddische
Christian David: Blasinstrumente

Foto: Daniel Kahn 2013 in Luxemburg (wikipedia.de)

von Teresa Grodzinska

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,

heute gebe ich Ihnen was auf die Ohren. Es ist kein live-Konzert im üblichen Sinn; es ist auch keine Besprechung eines Video-Gigs zweier junger jüdisch-amerikanischer Musiker.

Es ist ein ausschließlich übers Funk übertragenes Konzert aus dem Funkhaus Dresden. Und wie lebendig es dort zuging an diesem Abend!

Warum verzichtet ein junger Musiker auf Videoaufnahmen? Ich hab mir während der anderthalbstündigen Sendung diese Frage gar nicht gestellt. Eindeutig frei gesprochene Kommentare Kahns, seine virtuose Beherrschung des Klaviers und Akkordeons (teilweise beide Instrumente gleichzeitig) plus Gesang waren so selbstverständlich, so rund. Da fehlte nix. Kein Bild. Ein Ohrenschmaus.

Das würde eigentlich für ein gelungenen Hörabend im Dezember in Deutschland reichen, wäre da nicht das Sujet.

Kahn ist ein amerikanischer Jude, Jahrgang 1978. Er singt, erzählt mal mit jüdischem Augenzwinkern, mal mit von Entsetzen gepresster Stimme, mal klagt er an und beklagt er – Sie ahnen es schon –  die Shoah. Das Schicksal seiner Ahnen, unserer Nachbarn, unserer Halbverwandten aus der … ja wie nennt man das immer noch in Deutschland? “Aus der “schlimmen Zeit”. Lassen wir es so stehen, obwohl ich mich schon immer über diesen Euphemismus geärgert habe: für wen schlimm? Inwieweit ist “schlimm” auf Shoah anwendbar? Inwieweit kann man darüber reden, schreiben, singen?

Die Juden dürfen es. Sie können es, sie dürfen es können. Wir: Deutsche, Polen, Russen, Österreicher, Ukrainer und andere an Pogromen über Jahrhunderte beteiligte Vertreter der europäischen “Wertefamilie” dürfen es zwar auch, sind aber leider, leider, wenig glaubwürdig.

Daniel Kahn… sein bisheriges Berufsleben ist beängstigend vielseitig.  Als ob er nachholen, stellvertretend für die Generationen seiner Menschen, die in schlimmen Zeiten nur sterben durften, zeigen möchte: “hättet Ihr es gelassen, uns auszurotten”…

https://de.wikipedia.org/wiki/Daniel_Kahn. In Amerika, in Europa, in Israel also nirgends schrieb, übersetzte, sang und sprach er; unermüdlich, charmant, nicht mal bissig, aber eindringlich, und er tut es immer noch. Getrieben von Dankbarkeit gegenüber den Menschen, deren Lieder, Verse, Gedanken er “wegklaut”, wie seine Ehefrau es bezeichnet.

Das neue Album, das uns präsentiert wurde, speist sich aus mehreren Quellen, die Daniel vor jedem Lied nennt: meistens sind das Juden, auch wenn sie sich vielleicht nicht so bezeichnen wurden (Kurt Tucholsky zum Beispiel), jüdische und nichtjüdische PoetInnen und Sammler jüdischer Lieder, TroubadourInnen. Die Liste ist lang.

Anderthalb Stunden nehmen wir an einem Geistergesang, Toten- und Untotentanz teil. Seltsam heiter geht es zu, nur manchmal bricht Daniel die Stimme, wenn er nach einem Lied zu sprechen, zu erklären anfängt. Oder wenn er die Reihenfolge auf einmal verändert und sich darüber freut, dass “das hier noch besser passt“.

Vieles hat er vertont, vieles aus dem Englischen ins Jiddische übersetzt und umgekehrt. Ein veritabler Mischmasch, wie es sich gehört, wenn man den Gojims Judentum zu erklären bemüht ist. Wenn man die versunkenen, für immer verloren geglaubten Schätze jüdischen und jiddischen Liedgutes zutage fordert. Oder er beschreibt ein Lied, das von Nichtjuden für uns alle geschrieben, als jüdisch und übernimmt es  in seinen Kanon. Das ist Kunst, Schwindel und tiefe Wahrheit zugleich.

Den Cohen hab ich verpasst. Der heilige Leonhard C. segnet Daniel aus dem Jenseits: sein kanadischer Gesang auf jiddisch… Ajajajaj ajajaj ajajaaaj… :).

Und alles unaufgeregt, selbstverständlich, unpathetisch, musikalisch superb. Tadellos. Klezmer at its best.

Geborgte Lieder weggeklaut. Daniel Kahn – “word beggar”, 2021 Oriente Musik, erschien am 16. Dezember 2021. als CD. Vinyl folgt im Januar.

Teresa Grodzinska im Dezember 2021 für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

CD-Rezension, Jonas Kaufmann, It’s Christmas (extended version) klassik-begeistert.de, 20. Dezember 2021

Silvesterkonzert der Wiener Philharmoniker, Daniel Barenboim Musikverein Wien, Großer Saal, 31. Dezember 2021

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.