Daniels Anti-Klassiker 12: Johann Pachelbel – Kanon und Gigue in D-Dur (1694)

Daniels Anti-Klassiker 12: Johann Pachelbel – Kanon und Gigue in D-Dur (1694)

Höchste Zeit, sich als Musikliebhaber neu mit der eigenen CD-Sammlung oder der Streaming-Playlist auseinanderzusetzen. Dabei begegnen einem nicht nur neue oder alte Lieblinge. Einige der sogenannten „Klassiker“ kriegt man so oft zu hören, dass sie zu nerven beginnen. Andere haben völlig zu Unrecht den Ruf eines „Meisterwerks“. Es sind natürlich nicht minderwertige Werke, von denen man so übersättigt wird. Diese sarkastische und schonungslos ehrliche Anti-Serie ist jenen Werken gewidmet, die aus Sicht unseres Autors zu viel Beachtung erhalten.

von Daniel Janz

Wer ist bitte Pachelbel? Diese Frage kommt dem einen oder anderen Klassik-Liebhaber vielleicht bekannt vor. Kaum jemand, der sich nicht darauf spezialisiert hat, dürfte mit diesem Namen irgendwelche Titel in Verbindung bringen oder gar etwas über die Hintergründe des Zeitgenossen von Johann Sebastian Bach wissen. Dabei komponierte ausgerechnet dieser heute nahezu vergessene Barockmeister eines der Werke, die weltweit so oft rezipiert werden, dass sie drohen, einem aus dem Halse herauszuhängen. Die Rede ist von seinem Kanon in D-Dur.

Der Kanon, es ließe sich auch platt sagen „die Kunst der endlosen Wiederholung“, ist eine polyphone Kompositionstechnik, die darauf aufbaut, verschiedene Stimmen nacheinander zu einer Melodie hinzuzufügen. Häufig verfolgen alle Stimmen dieselbe Melodie, sind aber zeitlich zueinander verschoben, was den Eindruck von Reichtum und Abwechslung vermitteln soll – eine Intention, die in sich selbst bereits fraglich ist, im Prinzip aber funktionieren kann, sofern sich die Melodie nicht zu oft wiederholt oder zu eintönig gestaltet ist.

Durch diesen technischen Ansatz lässt sich der Kanon auch als simpel und antiquiert bezeichnen. Denn das Problem dieser Kompositionsform ist nicht nur, dass sie sich selbst auf eine einzige Melodie beschränken muss. Die Unterlegung vieler vor allem religiös geprägter Kanons mit Text endet automatisch immer im Chaos. Wer kann denn noch ein Wort verstehen, sobald 3 oder mehr unterschiedliche Stimmen durcheinanderplärren?

Es liegt in der Natur der Sache, dass die meisten Kanons dementsprechend nur wenige Minuten lang sind. Ein und dieselbe Melodie lässt sich nun einmal nur in begrenzter Form erweitern oder variieren. Zu schnell setzt bei solch vorbestimmter musikalischer Eintönigkeit der Eindruck von Langeweile ein. Wer das nicht glaubt, darf gerne einmal im Selbstexperiment den Kanon von Pachelbel in folgender Fassung über eine Stunde anhören und berichten, ab wann die Musik zu nerven beginnt:

An Pachelbels Kanon werden all diese Schwächen sehr schnell deutlich. Das Wort „eintönig“ fasst dieses Werk sehr gut zusammen. Eigentlich lässt es sich auf 4 Takte herunterbrechen. Die bekannte Basslinie selbst ist geradezu banal strukturiert und besteht aus ganzen 5 Tönen. Im Wesentlichsten stellt sie die funktionsharmonisch einfachste musikalische Verlaufsform dar, die es gibt. Für Musiktheoretiker: Hier werden von einer (über den gesamten Kanon unveränderten) Tonart alle Hauptfunktionen trocken in gleichbleibenden Abständen abgeklappert. Dieser Verlauf ist nach ihrem Komponisten auch als das „Pachelbel-Schema“ bekannt.

Beim Verharren auf einem so geringen Tonvorrat ergibt sich automatisch auch eine starre Begrenzung für die Zusatzstimmen. Da wird einmal plump die Tonleiter abgeklappert, das Ganze um eine Terz verschoben wiederholt oder an anderer Stelle nur durch Phrasierungen ausgeschmückt. Reichtum entsteht hier zwar durch das immer neue Hinzufügen weiterer Stimmen. Aber einen Tonartenwechsel so wie Neuerung in der Musik sucht man vergeblich. Spannung? Harmoniewechsel? Aha-Erlebnisse? Fehlanzeige!

Dass Pachelbels Werk trotzdem im kulturellen Gedächtnis geblieben ist, grenzt bei dessen Einfachheit einerseits fast an ein Wunder, lässt sich aber andererseits mit der Festigung durch endlose Wiederholung begründen. Gerade deshalb scheint es irgendetwas an sich zu haben, was Künstler zu einer ständig neuen Kopie desselben verführt. So ist dieser Kanon unter anderem zu einem jener Klischeewerke der klassischen Kammermusik geworden, die bis zum Erbrechen im Film aufgegriffen werden, weil sie jeder kennt. Der Eindruck von kultureller Bildung (oder ist es Überheblichkeit?) lässt sich so offenbar vermitteln, ohne der Musik Signifikanz eingestehen zu müssen.

Darüber hinaus finden sich auch noch etliche, teilweise schamlose Repliken von dieser Musik, wenn man einmal den Blick auf die moderne Pop-Kultur wagt. Denn Maroon 5 sind nicht die ersten, die einfallslos bei Pachelbel geklaut haben und damit Millionen verdienen. Ähnliche Referenzen lassen sich über die Village People und David Bowie bis hin zu den Bee Gees finden. Wäre Pachelbel heute noch am Leben, er wäre ein dankbarer Kunde für jeden Abmahn-Anwalt.

Es lässt sich also fragen, warum man es nicht endlich mal gut sein lassen kann mit den endlosen Referenzen. Brauchen wir wirklich diese musikalische Simplizität? Ist sowas nicht mit schuld daran, dass klassische Musik den Ruf hat, langweilig und spießig zu sein? Ich würde jedenfalls lieber einmal Ausschnitte aus Brahms, Wagner, Strauss oder Mahler in einem Film hören können anstelle Pachelbels inzwischen doch x-fach ausgelutschter Schlichtheit.

Daniel Janz, 14. Mai 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Daniel Janz, Jahrgang 1987, Autor, Musikkritiker und Komponist, studiert Musikwissenschaft im Master. Klassische Musik war schon früh wichtig für den Sohn eines Berliner Organisten und einer niederländischen Pianistin. Trotz Klavierunterricht inklusive Eigenkompositionen entschied er sich gegen eine Musikerkarriere und begann ein Studium der Nanotechnologie, später Chemie, bis es ihn schließlich zur Musikwissenschaft zog. Begleitet von privatem Kompositionsunterricht schrieb er 2020 seinen Bachelor über Heldenfiguren bei Richard Strauss. Seitdem forscht er zum Thema Musik und Emotionen und setzt sich als Studienganggutachter aktiv für Lehrangebot und -qualität ein. Seine erste Musikkritik verfasste er 2017 für Klassik-begeistert. Mit Fokus auf Köln kann er inzwischen auch auf musikjournalistische Arbeit in Österreich, Russland und den Niederlanden sowie Studienarbeiten und Orchesteraufenthalte in Belgien zurückblicken. Seinen Vorbildern Strauss und Mahler folgend fragt er am liebsten, wann Musik ihre angestrebte Wirkung und einen klaren Ausdruck erzielt.

Daniels Anti-Klassiker 11: Johannes Brahms – Sinfonie Nr. 1 (1876)

3 Gedanken zu „Daniels Anti-Klassiker 12: Johann Pachelbel – Kanon und Gigue in D-Dur (1694)“

  1. Wieder schön zerlegt. Auch ich wusste bis vor einigen Jahren nicht, wer Pachelbel war. Ich nahm diese Endlosmelodie erstmals in einer kalten Münchner Winternacht wahr, als ein Quartett diese unter den Bögen der Stadtsparkasse nahe dem Marienplatz spielte. Man mag es schönste klassische Folklore oder auch Kitsch nennen; es wärmte aber das Herz in der kalten Nacht.

    Weiter so, lieber Daniel Janz,

    Ihr
    Ralf Wegner

    1. Lieber Herr Wegner,

      ich danke Ihnen für das erfreuliche Feedback. Nicht nur für diesen Beitrag, sondern auch unter alle anderen, die Sie bereits kommentiert hatten.
      Es ist immer ermutigend zu sehen, dass meine Produkte auch Anklang finden! Ob man meine Kolumne nun mag oder nicht, ob man meine Kritikpunkte nachvollziehen oder ihnen Gegenargumente vorhält – das Wichtigste ist ja stets, dass es zum Nachdenken anregt und über die Musik zu neuer Inspiration führt! Also schlicht: Dass ich dadurch eine Bereicherung erreichen kann. Wenn das gelingt, dann hat sich die Arbeit auch gelohnt.

      In dem Sinne: Bis nächsten Freitag 😉

      Daniel Janz

  2. Ich habe ein Blechbläserquintett als Hausmusikkreis und habe dafür auch ein Arrangement des Canons gemacht. Ich finde, dass er in dieser Besetzung sehr schön feierlich klingt. Nur dem Tubisten hängt es natürlich sehr schnell zum Hals heraus. Ein knapp gehaltenes „Ricercare Quinto Tono“ von Palestrina, das wir auch im Repertoire haben, ist demgegenüber ein unvergleiches Meisterwerk.

    Lorenz Kerscher

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