Benjamin Hewat-Craw: "Ich kann mir gut vorstellen, dass ich in fünf Jahren dankbar sein werde für die aktuelle Situation"

Der Bariton Benjamin Hewat-Craw im Interview,  klassik-begeistert.de

Der junge Bariton Benjamin Hewat-Craw im Interview

Wer kennt sie nicht, die Geschichte des hoffnungslosen Wanderers. Kaum ein anderer Liederzyklus wurde so oft eingespielt wie Schuberts Winterreise. Benjamin Hewat-Craw und sein Kompagnon am Klavier, Yuhao Guo, haben die 24 Lieder nun ebenfalls aufgenommen. Weshalb und was es dazu benötigt, das erzählt der junge Bariton im Gespräch mit Klassik begeistert.

von Jürgen Pathy

Klassik-begeistert: Herr Hewat-Craw, Sie haben Schuberts Winterreise vor kurzem eingespielt? Was waren ihre Beweggründe?

Benjamin Hewat-Craw: Wir wollten unsere Ankunft in der internationalen Liedszene mit einem Knall ankündigen. Deshalb haben wir uns für die Winterreise entschieden. Einerseits glaube ich nicht, dass es einen ikonischeren Liederzyklus gibt als die Winterreise. Anderseits wollten wir unsere jugendliche Energie in die Interpretation des Stücks einbringen. Wir fanden es sehr spannend zu zeigen, wie anders unser Blickwinkel auf das Werk vielleicht ist.

Die Aufnahmen sind vor dem ersten Lockdown entstanden. Yuhao Guo und ich hatten schon seit drei Jahren zusammen als Lied-Duo musiziert und uns insbesondere intensiv mit der Winterreise beschäftigt. Wir haben uns schon relativ früh vorgenommen, dass wir davon eine Aufnahme machen wollen. Ich kann zwar nur für mich sprechen, aber ich konnte mich mit diesem Zyklus immer stark identifizieren. Die musikalische Ergründung der dünkleren Seiten des Menschen haben mich fasziniert, seit ich die Winterreise vor zehn Jahren zum ersten Mal gehört habe.

Klassik-begeistert: Falls Sie ein Lieblingsstück aus der Winterreise haben sollten: Welches ist es und warum?

Benjamin Hewat-Craw: Das ist immer eine sehr schwierige Frage. Der Zyklus fließt aus einem Guss, und es ist schwer ein Stück auszusuchen, weil sie alle ihre Funktion und ihren Platz haben. Wenn ich dennoch eines auswählen müsste, wäre es „Das Wirtshaus“. Nach diesem Lied bin ich emotional immer aufgewühlt.

Am Anfang höre ich einen tiefen Posaunenchor, der den Wanderer zum Grab begleitet. Der Wanderer singt seine mühevollen, langen Phrasen in einem herzzerreißenden hohen pianissimo – und was passiert dann? Selbst der Tod lehnt ihn ab. Er muss einfach weiter, er hat keine Wahl. Der Posaunenchor kehrt zurück. Jetzt aber anders, wie ein spottender Siegeszug.

Dieses Lied hat einfach alles drin: die Melancholie, die Ablehnung und den Mut weiterzugehen. In schwierigen Momenten meines Lebens denke ich oft an dieses Lied.

Klassik-begeistert: Was kann man aus der Winterreise, deren Sujet derart düster und pessimistisch angelegt wurde, aber gleichzeitig so erhaben klingt, für diese schwierigen Zeiten mitnehmen?

Benjamin Hewat-Craw: Für mich ist die Winterreise eine Untersuchung der Einsamkeit. Innerhalb von drei Tagen trifft der Wanderer nur auf einen Menschen. Deshalb glaube ich, dass dieser Zyklus für viele eine tröstende Wirkung haben kann. Gerade in diesen schwierigen Zeiten. Denn der Zyklus kann als ein Spiegelbild funktionieren und den Zuhörer erinnern, dass er nicht allein ist in seiner Einsamkeit.

Klassik-begeistert: Was benötigt es, um sich an diesen Liederzyklus zu wagen? Welche Voraussetzung sollte man mitbringen?

Benjamin Hewat-Craw: Damit man die Winterreise als junger Künstler überhaupt aufnimmt, muss man ein gewisses Selbstbewusstsein haben. Es gibt so viele grandiose Aufnahmen davon. Da muss man auf jeden Fall eine große Portion Mut haben, weil die Aufnahme natürlich mit den größten Namen verglichen wird.

Außerdem sollte man schon seine Erfahrung mit der dunklen Seite des Menschseins gemacht haben, bevor man diesen Zyklus aufnimmt. Er soll aus einem emotional schmerzvollen Ort entstehen. Manche Künstler haben einen leichteren Zugang dazu, andere weniger.

Man kann diese dunklen und tiefen Emotionen nur effektiv verinnerlichen, wenn man bestimmte Erlebnisse irgendwie aufrufen kann – schmerzvolle Ablehnung in einer Beziehung, Depression oder Einsamkeit. Das sind keine leichten Themen. Sie werden in unserer Gesellschaft heutzutage immer noch oft ignoriert.

Klassik-begeistert: Kann man zu alt beziehungsweise zu jung sein, um die Winterreise aufzunehmen?

Benjamin Hewat-Craw: Beides. Ich glaube einerseits, man kann zu alt sein, um den Zyklus aufzunehmen. Vor allem wegen des Inhalts der Texte. Die Entscheidung, drei Tage nacheinander weiterzulaufen, braucht eine Energie, die ein alter Mann nicht mehr haben würde. Wenn ich also eine Stimme höre, die zu alt ist, finde ich die Geschichte eher unglaubwürdig. Andererseits kann man zu jung sein, wenn man die notwendige Lebenserfahrung noch nicht gesammelt hat.

Klassik-begeistert: Wie haben Sie und Yuhao Guo, der Sie am Klavier begleitet, zueinander gefunden? Haben Sie bereits weitere Projekte geplant?

Benjamin Hewat-Craw: Wir haben uns vor drei Jahren an der HfMT Köln kennengelernt. Es war ein Übungsraum. Als ich ihn betrat, fragte er, ob er meine Stimme hören könnte. Ich habe ihm „Es ist genug“ aus Mendelssohns Elias vorgesungen – und das hat ihm nicht gereicht! Seitdem spielen wir zusammen.

Benjamin Hewat-Craw und sein Kompagnon am Klavier, Yuhao Guo (c) Sebastian Herzog-Geddes/Liedwelt Rheinland

Als Nächstes haben wir Konzerte mit der Winterreise in Berlin, Hamburg und Luxemburg geplant, treten im Februar als Duo beim Wettbewerb DAS LIED an und haben zwei weitere CDs mit ARS Produktion geplant. Die nächste CD wird eine mit englischen Liedern. Sie wird drei Zyklen von Vaughan Williams, Butterworth und Gurney enthalten, die alle in den zehn Jahren vor dem Ersten Weltkrieg geschrieben wurden. Der Titel der CD wird „Never such innocence again“ sein, was auf Deutsch soviel heißt wie „Niemals wieder solche Unschuld“. Erscheinen wird sie im März 2022.

Klassik-begeistert: Weshalb sollten die Leute gerade ihre Einspielung hören? Worin sehen Sie Ihre Stärken?

Benjamin Hewat-Craw: Obwohl es manchmal schwer ist, die eigenen Stärken zu erkennen, sehe ich diese in unserer jugendlichen Energie. Außerdem glaube ich, dass wir eine dramatische, intensive Version der Winterreise geschaffen haben. Aber: Viel lieber ist es mir, wenn das die Zuhörer selbst entscheiden.

Klassik-begeistert: Wie bereiten Sie sich auf die Werke vor? Egal, ob Oper, Oratorium oder Lied – gibt es da Unterschiede? 

Benjamin Hewat-Craw: Es fängt immer mit dem Text an, egal was für ein Genre es ist. Diesen lese ich vielleicht zwanzigmal. Solange bis ich wirklich jeden Satz verstanden habe. Etwas wirklich verstehen, das bedeutet für mich: Ich hinterfrage den Text und suche unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten. Ich frage nach dem warum – entweder aus dem Blickwinkel des Autors oder des Protagonisten. Warum schreibt der Autor diesen Text so, warum formuliert er es so? Erst dann, wenn ich genügend Zeit mit dem Text verbracht habe, kommen die Noten ins Spiel. Aufnahmen versuche ich erstmal keine zu hören, weil ich sonst eine andere Interpretation leicht übernehmen kann.

Die Unterschiede kommen danach. Im Lied bleibt der Text am wichtigsten, und der Vorbereitungsprozess danach gibt dem Text immer den Vorrang. Nichts soll den Text komprimieren. Um andere Aufführungsebenen früher ins Spiel kommen zu lassen und besser daran arbeiten zu können, lerne ich die Lieder so bald wie möglich auswendig. Beim Oratorium hingegen bin ich sehr Stil-orientiert. Obwohl in deren Rezitativen der Schwerpunkt immer noch auf dem Text liegt, sind die rein musikalischen Faktoren eher wichtiger – zum Beispiel lange Koloraturen oder bestimmte Artikulationen, die die freie Präsentation des Textes nicht unbedingt leichter machen.

In der Oper wiederum kommt ein sehr körperliches Element dazu. Damit ich nichts „Falsches“ einstudiere, bevor der Regisseur mit seiner Arbeit anfängt, bereite ich im Vorfeld die Rolle relativ neutral vor. Der Text ist wichtig, aber noch wichtiger ist es, klanglich über das Orchester zu kommen. Manchmal hat der Text wegen Geschehnissen auf der Bühne jedoch eine untergeordnete Rolle. Deswegen liebe ich das Kunstlied am meisten. Der Text bleibt immer der König.

Klassik-begeistert: Wie haben Sie sich speziell auf die Aufnahme der Winterreise vorbereitet?

Benjamin Hewat-Craw: Um uns auf diese Aufnahmen vorzubereiten, haben wir dieses Stück in Konzerten vorher oft aufgeführt. Es war eher eine Erfrischungsarbeit. Ich will Stücke auch nicht zu sehr proben. Ich glaube, die Musik entsteht manchmal besser aus einem Moment und mit einem gewissen Grad an Spontaneität.

Klassik-begeistert: Sie haben an Meisterklassen teilgenommen – unter anderen bei Alfred Brendel, der nicht nur als Solist zu Weltruhm gelangte, sondern sich auch als Liedbegleiter einen Namen machen konnte. Was konnten Sie von ihm mitnehmen? Vor allem, da er mit Dietrich Fischer Dieskau, dem wohl bedeutendsten Liedsänger des 20. Jahrhunderts, auch die Winterreise eingespielt hatte.

Benjamin Hewat-Craw: Leider wurde der Meisterkurs bei Alfred Brendel wegen Corona verschoben. Aber ich habe einen Meisterkurs bei Helmut Deutsch besucht, der im September in den Gebäuden der neuen Wolfgang Sawallisch Stiftung stattgefunden hatte. Es war ein wunderbares Erlebnis, bei dem ich viel von ihm bekommen habe. Am Meisten, wie er mit der deutschen Sprache umgeht, und was für einen hohen Wert er darauf legt. Außerdem hat es mich schwer beeindruckt, dass er sozial so „normal“ geblieben ist, überhaupt nicht abgehoben.

Klassik-begeistert: Wegen Corona wurden einige Ihrer Konzerte abgesagt. Wie sehen Sie die aktuelle – vorsichtig ausgedrückt –, schwierige Situation? Hat sie nur Nachteile oder kann man ihr vielleicht auch etwas Positives abgewinnen?

Benjamin Hewat-Craw: Einerseits hat man natürlich viele Nachteile. Wie Sie gesagt haben, wurden viele Konzerte abgesagt.  Finanziell ist es daher eher eine schwierige Zeit und die Vorbereitungsarbeit wurde manchmal verschwendet. Andererseits hatte ich aber viel mehr Zeit, um an technischen Herausforderungen zu arbeiten – ohne dabei gleichzeitig immer am nächsten Konzert zu arbeiten, wie es normalerweise der Fall ist.

Ich kann mir gut vorstellen, dass ich in fünf Jahren dankbar sein werde für diese Situation. Sowas wird in meinem Leben wahrscheinlich nicht nochmal passieren.

Klassik-begeistert: Angenommen, es erscheint eine gute Fee. Diese erfüllt Ihnen drei Wünsche. Welche wären das?

Benjamin Hewat-Craw: Erstens würde ich mir wünschen, nochmal vor einem Live-Publikum zu singen. Ein Livestream in einem leeren Saal oder vor einer Wand ist einfach nicht das Gleiche. Mein Publikum fehlt mir sehr. Es gibt mir immer so viel Inspiration.

Als zweiten Wunsch würde ich darum bitten, dass die COVID-Situation sich so verbessert, dass wir den Geburtstag meiner Großmutter nachfeiern können. Im Juni ist sie 90 geworden. Die ganze Familie wäre dafür in England zusammengekommen. Aus allen Ecken dieser Welt. Aus Australien, Südafrika, Taiwan, aus der Karibik und aus England. Das nachzuholen, würde mich sehr fröhlich machen.

Als letztes würde ich mir wünschen, sollten die Konzerte nochmal einigermaßen normal laufen, dass das Publikum die Arbeit der Musiker und Live-Performer höher schätzen würde. Dass es erkennen würde, was für ein Wunder eine Live-Aufführung wirklich ist. Damit können wir bessere Arbeitsbedingungen schaffen und auch mehr Leute ins Publikum locken. Sowas würde mich sehr freuen.

Klassik-begeistert: Herr Hewat-Craw, wir wünschen Ihnen alles Gute und danken Ihnen herzlich für das Interview.

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 22. Dezember 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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