Ladas Klassikwelt 32: Digitale Chorproben – eine Übergangslösung während der Quarantäne

Digitale Chorproben – eine Übergangslösung während der Quarantäne  klassik-begeistert.de

„Würden wir es wieder machen wollen?“, stellt das Vorstandmitglied eines führenden Hamburger Chores die rhetorische Frage und beantwortet sie sofort:„ Ja, auf jeden Fall, in Corona- Zeiten muss man sich den Klang der anderen halt hinzudenken. Und wir werden weitermachen: die nächsten digitalen Probentermine sind schon angesetzt.“

Foto: Der Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor in der Laeiszhalle in Hamburg

von Jolanta Łada-Zielke

„Warum ist das Netz gegeben dem mühseligen Chorsänger…“ – so kann man den Text einer der „Zwei Motetten“ von Johannes Brahms paraphrasieren. Der Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor aus Hamburg hat geplant, im Mai und Juni drei Konzerte mit dem Stück und anderen Brahms-a-capella-Werken aufzuführen. Aufgrund der Pandemie soll er nur einmal im September mit diesem Repertoire auftreten. Proben sind wegen Ansteckungsgefahr verboten, aber das Programm muss irgendwann geübt werden. Deswegen ist der Chorvorstand auf die Idee gekommen, Online-Proben zu organisieren.

„Ein Chor der nicht singt, ist wie ein ausgetrockneter Bach“, sagt ein Vorstandmitglied des Chores. „Um das Wasser wieder fließen zu lassen, machte sich der Chorvorstand Gedanken, wie man den doch länger anhaltenden Zustand des Nichtsingens zumindest ein wenig unterbrechen könnte. In einer Zeit, in der für viele Videokonferenzen zum Alltag mit dazugehören, müsste es doch möglich sein, auch digitale Chorproben durchzuführen. Gesagt, getan: Schnell waren einige Chormitglieder gefunden, mit denen die unterschiedlichen technischen Systeme getestet werden konnten. Der Teufel steckt hier im Detail, da stabile Systeme für eine größere Anzahl von Chormitgliedern zu finden waren. Nachdem die ersten Tests positiv verlaufen waren, waren wir gespannt, wie die erste digitale Probe für den Chor verlaufen würde. Wie würde es wirken, wenn der Dirigent ein Stück dirigiert und begleitet, wenn man die anderen Stimmen aber nicht hören kann? Der digitale Vorhang tat sich auf und zunächst war die Wiedersehensfreude unter den Chormitgliedern groß. Und vor dem Singen kam zunächst erst einmal der persönliche Austausch mit Ton und Bild – ein schönes Gefühl nach all den Wochen ohne Proben. Dann wurde es ernst: die anderen stellten ihre Übertragungen ab und die Aufmerksamkeit galt ganz dem Dirigenten. Eine Probe eins zu eins mit dem Dirigenten, ganz konzentriert auf das Stück, immer mit dem Blick auf die wirklich herausfordernden Passagen.“

Am ersten Tag probte jede Stimmgruppe nacheinander; die erste halbe Stunde die Sopranistinnen gefolgt von Alt-, Bass- und Tenorstimmen. Der zweite Abend gehörte den Damen. In der ersten Stunde haben Sopranistinnen geprobt, in der nächsten die Altistinnen. Die Männerstimmen haben separat eine Woche danach geübt. Nachdem alle einander fröhlich begrüßten, haben wir die Mikrofons und Kameras ausgeschaltet um die Systembelastung zu vermeiden. Nur der Dirigent hat über die Bild- und Tonfunktionen verfügt.

Zunächst wurden die „Zwei Motetten“ Brahms‘ „Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen“ einstudiert. Bei der nächsten, einstündigen Probe hat der Chor das gleiche geübt, und es ist noch Zeit geblieben, um die  „Fest- und Gedenksprüche“ Op. 109 zu singen.

Der Dirigent hat die Melodie jeder Stimme an der Orgel gespielt und mitgesungen. Jeder Chorsänger ist vor dem Bildschirm mit den Noten vor der Nase gesessen und hat dem Dirigenten  gefolgt. Der Chorleiter konnte niemanden sehen und hören, wusste jedoch genau, wo „die Stolperstellen“ sind, und hat sie mit den Sängern extra durchstudiert, als ob er einen wirklich bei einem falschen Ton ertappt hätte. „Ich hatte auch mal das Gefühl, dass er mich gehört hat, und mich dann schnell versichert, dass mein Mikrofon wirklich off war“, erzählt eine Altistin.

Jolanta Lada-Zielke in Bayreuth

Die Technik spielte nicht immer mit. Einige Chorsänger hatten bereits zu Beginn Schwierigkeiten, sich bei der Plattform anzumelden und das Mikro oder die Kamera einzuschalten. Irgendwann verschwand der Ton, was der Dirigent zunächst nicht mitbekommen hat, obwohl einige Leute versucht haben, ihn darauf aufmerksam zu machen. Zum Glück hat diese Pause nicht lange gedauert. Jeder, der an Telefonkonferenzen teilnimmt, ist bereits auf das gleiche Problem gestoßen; wenn bei einem Teilnehmer etwas nicht stimmt, bricht die ganze Übertragung ab. Glücklicherweise haben die für die technische Seite zuständigen Mitsänger den Verlauf der Probe überwacht, und man konnte sie jederzeit um Hilfe bitten.

Für diejenigen, die täglich am Computer arbeiten, ist solche Lösung eine zusätzliche Belastung.

„Abgesehen von den technischen Problemen habe ich für mich festgestellt, dass mir diese Art der Probe gar nichts bringt“, sagt die Sopranistin Shirley-Anne Grüneisen: „Natürlich ist es gut gleich Anmerkungen des Dirigenten eintragen zu können; diese könnte man aber auch schriftlich kommunizieren. Möglicherweise bin ich aber auch nur völlig bildschirmüberdrüssig. Ich skype täglich Stunden mit Schülern aus der Schule und gebe ebenfalls Flötenunterricht per Bildschirm. Ich habe abends Kopfschmerzen und bin sehr müde. Und jetzt soll ich auch noch für den Chor, der sonst für mich Entspannung bedeutet, vor den Bildschirm?“

Eberhard Junge, der Stimmsprecher der Bassstimmen, hat die Meinungen seiner Schützlinge gesammelt und zusammengefasst:

„Ich war sehr beeindruckt davon, wie gut es für den ersten Versuch bereits geklappt hat. Für Notenproben ist das Medium in jedem Fall geeignet und es war beeindruckend, wie professionell die Sache geleitet wurde. Natürlich gab es auch noch einige technische Angelegenheiten, wo man sich eine Verbesserung wünschen könnte – mancher empfand den Bildausschnitt etwas unglücklich, wodurch oft nur der Arm vom Dirigenten zu sehen war. Ich selbst habe oft nur Standbilder gesehen, offensichtlich stockte die Kameraübertragung ein wenig. Die Tonübertragung wurde überwiegend positiv wahrgenommen, der Dirigent war jederzeit gut zu verstehen, lediglich gab es Beeinträchtigungen durch Nebengeräusche seines Laptops und die Zweistimmigkeit in der Bassstimme war beim Vorspielen nicht gut nachzuvollziehen. Es wurde der Wunsch geäußert, dass der Dirigent vielleicht eine Extra-Kamera und ein Extra-Mikro erhalten könnte.“

Online-Chorproben sind eine Übergangslösung, die bei a-cappella-Stücken wie Brahms‘ Motetten gut zu funktionieren scheint. Ich kann mir jedoch nicht vorstellen, dass man auf diese Weise zum Beispiel das Verdi Requiem üben könnte. Allerdings konnte der CPE -Bach-Chor nach zwei Monaten Pause einen Teil seines Repertoires erfrischen und den Zusammenhalt, zumindest innerhalb von Stimmgruppen, stärken. Wenn jemand aber das Einstudieren der Gesangswerke als Teil seiner Arbeit behandelt, sind virtuelle Proben für ihn wenig effizient. Natürlich können sie die normalen Proben nicht ersetzen. Während der Übergangszeit geben sie Chormitgliedern zumindest das Gefühl, dass sie am Laufenden bleiben.

„Würden wir es wieder machen wollen?“, stellt das Vorstandmitglied die rhetorische Frage und beantwortet sie sofort:„ Ja, auf jeden Fall, in Corona- Zeiten muss man sich den Klang der anderen halt hinzudenken. Und wir werden weitermachen: die nächsten digitalen Probentermine sind schon angesetzt.“

Jolanta Łada-Zielke, 17. Mai 2020, für
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© Jolanta Lada-Zielke

Jolanta Lada-Zielke, 48, kam in Krakau zur Welt, hat an der Jagiellonen-Universität Polnische Sprache und Literatur studiert und danach das Journalistik-Studium an der Päpstlichen Universität Krakau abgeschlossen. Gleichzeitig absolvierte sie ein Gesangsdiplom in der Musikoberschule Władysław Żeleński in Krakau. Als Journalistin war Jolanta zehn Jahre beim Akademischen Radiorundfunksender Krakau angestellt, arbeitete auch mit Radio RMF Classic, und Radio ART anlässlich der Bayreuther Festspiele zusammen. 2003 bekam sie ein Stipendium vom Goethe-Institut Krakau. Für ihre  journalistische Arbeit wurde sie 2007 mit der Jubiläumsmedaille von 25 Jahren der Päpstlichen Universität ausgezeichnet. 2009 ist sie der Liebe wegen nach Deutschland gezogen, zunächst nach München, seit 2013 lebt sie in Hamburg, wo sie als freiberufliche Journalistin tätig ist. Ihre Artikel erscheinen in der polnischen Musikfachzeitschrift „Ruch Muzyczny“, in der Theaterzeitung „Didaskalia“, in der kulturellen Zeitschrift für Polen in Bayern und Baden-Württemberg „Moje Miasto“ sowie auf dem Online-Portal „Culture Avenue“ in den USA.  Jolanta ist eine leidenschaftliche Chor-und Solo-Sängerin. Zu ihrem Repertoire gehören vor allem geistliche und künstlerische Lieder sowie Schlager aus den Zwanzigern und Dreißigern. Sie ist seit 2019 Autorin für klassik-beigeistert.de.

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