CD-Besprechung: Giuseppe Verdi, Attila – eine sehr ausgewogene Produktion

CD-Besprechung, Giuseppe Verdi, Attila,  klassik-begeistert.de

Giuseppe Verdi, Attila
Chor des Bayerischen Rundfunks

Münchner Rundfunkorchester
Ivan Repusic Dirigent

von Peter Sommeregger

Die frühen Opern Verdis weisen gegenüber seinen späteren Meisterwerken doch einige Defizite auf. Einen Mangel an melodischen Einfällen kann man zwar nicht erkennen, aber die Dramaturgie jener frühen Werke lässt die Stücke oft spröder geraten, als es nötig wäre.

So ist auch Verdis neunte Oper Attila von ihrem Ablauf eher unglücklich konstruiert. Die weibliche Hauptperson Odabella verschießt ihr Pulver, sprich ihre große Arie bereits in den ersten Minuten des relativ langen Prologs, dem dann drei kurze Akte folgen. In gut hundert Minuten ist das Drama um den Hunnenkönig Attila, das weit von der historischen Fakten abweicht, auch schon zu Ende.

Nördlich der Alpen ist das Werk in szenischer Form selten zu erleben, auch der vorliegende CD-Mitschnitt dokumentiert eine nur konzertante Aufführung im Münchner Prinzregententheater vom Oktober 2019.

Ivan Repusic holt aus dem höchst motiviert aufspielenden Münchner Rundfunkorchester und dem bewährten Chor des Bayerischen Rundfunks ein Optimum an Italianita heraus. Auch an der Sängerbesetzung wurde nicht gespart. Für den Hunnenkönig Attila konnte man Ildebrando D’Arcangelo gewinnen, der dem Titelhelden mit seinem reifen Bass das gebührende vokale Gewicht verleiht. Mit George Petean als Ezio und Gabriel Rollinson als Leone sind zwei weitere dunkle Stimmen zu hören, was die Unterscheidung im etwas wirren Handlungsablauf erheblich erschwert. Eine schöne Tenorstimme mit sehr individuellem Timbre steht Stefano La Colla als Foresto zur Verfügung, er setzt sie ebenso wie sein Fachkollege Stefan Sbonnik in der kleinen Rolle des Uldino wirkungsvoll ein.

Die große Enttäuschung der Aufnahme ist Ludmyla Monastyrska als Odabella, bei der es sich eigentlich um eine Partie handelt,die man fast dem Belkanto zurechnen kann. Monastyrska macht daraus mindestens eine Abigail, wenn nicht gar eine Lady Macbeth. Ihr großer Auftritt im Prolog gerät ihr unschön scharf, zu laut und mit flackernden Höhen. Offenbar verfügt die Sopranistin über ein dramatisches Naturell, auf der Bühne mag der Überdruck ihrer Interpretation vielleicht beeindrucken, auf Tonträgern schmeichelt er nicht unbedingt dem Ohr.

Insgesamt aber eine sehr ausgewogene Produktion, Ivan Repusic scheint sich in seiner neuen Funktion als Chef des Münchner Rundfunkorchesters wohl zu fühlen, man kann von ihm sicher noch schöne Verdi-Ausgrabungen und andere Raritäten erwarten.

BR Klassik 900330

Peter Sommeregger, 17. Mai 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Ein Gedanke zu „CD-Besprechung, Giuseppe Verdi, Attila,
klassik-begeistert.de“

  1. Ja, wenn man das „Pech“ hatte, Giuseppe Sinopolis Produktion 1980 in Wien live zu erleben, weiß man, welchen Maßstab man da anzulegen hat. Auch wenn es irgendwie ungerecht ist.

    Stimmlich ist es recht gut; wobei über gediegenes Mittelmaß kommt da leider niemand raus. D’Arcangelo und Petean sind sehr gut; Frau Monastyrska ist recht ordentlich – aber der Tenor la Colla eine regelrechte Zumutung.
    Wie er sich durch die Arie und Cabaletta quält, ist fast eine Beleidigung fürs Ohr. Da hätte man sich keinesfalls das hohe C erwartet und war froh, dass es auch so „unfallfrei“ zu Ende ging.
    Das war auch der Grund, warum ich dann gar nicht viel weiterspielte und mir nur ein paar wichtige Stellen anhörte.
    Dafür griff ich wieder zum Mitschnitt mit Sinopoli, wo man tatsächlich einen Attila (Ghiaurov) und Ezio (Cappuccilli) hören konnte. Und Piero Visconti und natürlich Mara Zampieri als Odabella waren hier das Tüpfelchen auf dem I.
    Leider brachte der Dirigent Repusic auch nicht wirklich die große Erleuchtung.
    Schade darum; wenigstens konnte ich mir mit Sinopoli quasi wieder die Ohren putzen.

    Tut leid, wenn ich hier quasi eine „Gegenrezension“ liefern musste; aber für mich ist diese Produktion wahrlich nicht mehr als Durchschnitt – wobei der Tenor da kräftig Minuspunkte lieferte.

    Herbert Hiess

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