Jonas Kaufmann in einer von Temperament berstenden „Toten Stadt“

DVD-Rezension: Erich Wolfgang Korngold, „Die tote Stadt“, Jonas Kaufmann, Marlis Petersen, Kirill Petrenko

Jonas Kaufmann (Paul), Marlis Petersen (Marietta). Foto: © Wilfried Hösl

„Das Ergebnis übertrifft alle Erwartungen“

DVD-Rezension: Erich Wolfgang Korngold, „Die tote Stadt“

Kirill Petrenko

Bayerische Staatsoper

LC 96744

von Peter Sommeregger

Korngolds Oper, ein ursprünglich ganz großer Erfolg, wurde nach dem Verbot durch die Nationalsozialisten wie alle anderen Werke des jüdischen Komponisten für lange Zeit beinahe vergessen. Erst ab den 1970 Jahren kehrte „Die tote Stadt“ allmählich wieder auf die Opernspielpläne zurück, inzwischen kann man durchaus von einer Korngold-Renaissance sprechen, die auch andere Werke wieder in den Fokus rückt.

Die nun vom neuen Label der Bayerischen Staatsoper veröffentlichte DVD ist eine Aufzeichnung der Münchner Produktion von 2019, für die ein höchst prominentes Team verpflichtet wurde. Die Hauptrolle des schwermütigen Witwers Paul ist mit Jonas Kaufmann luxuriös besetzt, die Marietta mit Marlis Petersen nicht weniger prominent. Stardirigent Kirill Petrenko, damals noch Generalmusikdirektor in München, leitete die Aufführung musikalisch, für die Regie hatte man den nicht unumstrittenen Regisseur Simon Stone verpflichtet.

Das Ergebnis übertrifft tatsächlich alle Erwartungen: Petrenko entlockt der spätromantisch aufrauschenden Musik ungeahnte Farben und verblüffende Wendungen. In dieser Interpretation wird wieder nachvollziehbar, warum diese Oper ursprünglich einen internationalen Siegeszug erlebte. Das Bayerische Staatsorchester brilliert mit satten Klangfarben aber auch dissonanten Wendungen, wo gefordert. Petrenko gelingt nicht weniger als eine Art Wiedergeburt dieser Partitur, so aufregend und bestürzend modern hatte man das Werk nicht in Erinnerung.

Mit Kaufmann und Petersen stehen Petrenko aber auch zwei Sänger zur Verfügung, die bereit sind, sich völlig ihren Rollen hinzugeben, die anspruchsvoll und fordernd sind. Von dem Ohrwurm „Glück, das mir verblieb“ darf man sich nicht täuschen lassen, da gibt es auch viel Dissonantes und Sprödes. Petersens eher zarte, flirrende Sopranstimme kann auf ungeahnte Kraftreserven zurückgreifen, kommt nie ernsthaft an ihre Grenzen. Kaufmann trumpft heldisch auf, wobei er leider stellenweise ziemlich verbissen presst. Aber insgesamt liefert er ein starkes, authentisches Porträt dieses bizarren Charakters.

Auch die Nebenrollen sind adäquat besetzt. Andrzej Filończyk macht in der Doppelrolle Frank/Fritz stimmlich wie darstellerisch eine gute Figur. Die Haushälterin Brigitta findet in Jennifer Johnston eine stimmige Interpretin mit sonorem Mezzosopran. Auch die kleinen Nebenrollen sind gut besetzt.

Ein großes, entscheidendes Plus der Aufführung ist die Inszenierung Simon Stones. Das Haus von Fritz ist mit offenen Wänden auf der Drehbühne fixiert, die handelnden Personen bewegen sich durch die sich drehenden Räume, so ist eine Vielzahl von Aktionen möglich, die auf einer konventionellen Bühne so nicht möglich wären. So bleiben die Protagonisten ständig in Bewegung, was ihrem Spiel eine besondere Dynamik verleiht.

Die Aufführung entfaltet eine beinahe schon schmerzhafte Intensität, ist aber frei von Effekthascherei. Nach dieser Produktion ist man geneigt, „Die tote Stadt“ nicht nur für eine gute, sondern für eine große Oper zu halten.

Peter Sommeregger, 26. Juli 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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