Weniger ist mehr: Beethovens „Leonore“ als Kammeroper

DVD-Rezension: Ludwig van Beethoven, „Leonore“,  Opera Lafayette

DVD-Rezension: Ludwig van Beethoven, „Leonore“
NAXOS DVD 2.110674

Opera Lafayette

Ryan Brown Dirigent
Oriol Tomas Regisseur

von Peter Sommeregger

Beethovens einzige Oper „Fidelio“ hat bekanntlich erst im dritten Anlauf jene Form erhalten, in der sie heute erfolgreich über die Bühnen der Welt geht. Die erste Fassung von 1805, noch unter dem Namen „Leonore“, wird von Zeit zu Zeit auch aufgeführt, musikalisch weicht diese Version in nicht unwesentlichen Passagen von der Endfassung ab.

Das Beethoven-Jahr 2020 erlebte mehrere Versuche, auch die frühe Version zur Diskussion zu stellen. Eine sehens-und hörenswerte Aufführung der Opera Lafayette, einer privatfinanzierten Operntruppe die in Washington und New York verortet ist, wurde im März 2020 für das Label Naxos auf DVD eingespielt.

Was vom ersten Augenblick an für alle Beteiligten einnimmt, ist die kompromisslose Hingabe an die Musik und die zu bewältigende Aufgabe. Die Orchesterbesetzung ist klein gehalten, auf Bühnenbild und Requisiten wurde praktisch vollkommen verzichtet. Es ist erstaunlich zu erleben, wie diese Reduktion dem Werk mehr nützt als schadet. Der Dirigent Ryan Brown spornt das kleine, überschaubare Orchester zu höchster Präzision an, jeder gibt sein Bestes, und das ist in diesem Fall nicht wenig.

Ähnliches gilt für die Sängerbesetzung. Es sind keine großen Stimmen, die hier eingesetzt werden, aber sie werden ihren Rollen ausnahmslos gerecht, füllen sie auch durch engagiertes Spiel mit Leben. Die Marzelline von Pascale Beaudin beginnt ein wenig soubrettenhaft, ihre Stimme erweist sich im weiteren Verlauf aber als durchaus tragfähig. Der Vater Rocco in Gestalt von Stephen Hegedus wirkt ein wenig jung für die Rolle, singt aber ausgezeichnet und agiert glaubwürdig.

Der unfreiwillig komische Part des Schließers Jaquino fällt Keven Geddes zu, der mit seinem Buffo-Tenor genau den richtigen Ton für die Rolle trifft. Matthew Scollin mit höhensicherem Bariton gibt dem Bösewicht Pizzaro genau die schneidende Schärfe die man in dieser Rolle erwartet. Den unglücklichen Gefangenen Florestan stattet Jean-Michel Richer mit dem Leidenston aus, der in dieser Musik angelegt ist. Sein schöner, eher lyrischer Tenor kann voll überzeugen.

Beethoven hat in dieser ersten Fassung die große Arie noch etwas schwieriger gesetzt, als im späteren „Fidelio“. Gleiches gilt für die Partie der Leonore, in der Nathalie Paulin mit ihrem warmen, fraulichen Timbre überzeugt und berührt. Das mörderische Duett Florestan/Leonore im dritten Akt ist der Höhepunkt der Aufführung und gelingt den beiden Sängern hervorragend.

Geschickt geht die Company mit den naturgemäß geringen Ressourcen um, der Gefangenenchor wird so von nur acht Sängern vorgetragen, verliert aber trotzdem nichts von seiner Wirkung.

Ein wenig problematisch gestaltet sich das Finale der Oper. Man lässt die Schluss-Szene im Kerker spielen, da herrscht dann auf einmal etwas Gedränge mit dem nun verstärkten gemischten Chor und dem sonor singenden, aber etwas ungelenk agierenden Minister von Alexandre Sylvestre. Insgesamt ist dem Regisseur Oriol Tomas aber mit wirklich einfachsten Mitteln eine glaubwürdige, authentische Aufführung gelungen. Als Alternative zum „Fidelio“ eine empfehlenswerte, selten gehörte Version!

Peter Sommeregger, 3. Januar 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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