Longborough zeigt die „Die tote Stadt“ -  mit einer grandiosen Ersatz-Sopranistin und einem Tenor, der an seine Grenzen gerät

Erich Wolfgang Korngold, Die tote Stadt  Longborough Festival Opera, 27. Juni 2022

Vor drei Jahrzehnten aus einfachsten Ursprüngen in einer Scheune entstanden, hat sich das Longborough Festival Opera neben namhaften Sommer-Opernfestivals wie Glyndebourne, Garsington und den beiden Grange Festivals mit ihren eleganten Picnics in Smoking oder Black Tie inmitten der weitläufigen englischen Parkanlagen in der prolongierten großen Pause als qualitativ hochstehender Aufführungsort etabliert. Ambitiös konzipiert als das „englische Bayreuth“ und spezialisiert auf Wagner-Opern hat Longborough längst sein Repertoire erweitert und glänzt mit einem breit gefächerten Spektrum von Werken, das allein dieses Jahr von Wagners „Siegfried“ zu „Carmen“ reicht. So ziemlich in der Mitte liegt Korngolds „Tote Stadt“.

Die Tenorrolle des Paul ist zugegebenermaßen teuflisch schwierig und Peter Auty stieß denn auch mehrfach – leider auch in dem vom Tenor abschließend gesungenen, so berührenden „Marietta-Lied“ – in den höheren Tonlagen geradezu schmerzhaft an seine Grenzen. „Glück, das mir verblieb“, vom unsterblichen Marcel Prawy einst nicht ganz zu Unrecht als „der letzte Ohrwurm der Operngeschichte“ apostrophiert, geriet hier leider zum etwas verunglückten Ausklang dieser sonst sehr guten Aufführung. Doch zur großen Überraschung, wenn nicht gar zur eigentlichen Sensation des Abends geriet Rachel Nicholls, eine extrem vielversprechende junge Sopranistin, welche kurzfristig von der verhinderten Noa Danon die ebenfalls sehr anspruchsvolle Doppelrolle der Marie/Marietta übernommen hatte.

Longborough Festival Opera, 27. Juni 2022

Erich Wolfgang Korngold, Die tote Stadt, gesungen in deutscher Sprache

von Dr. Charles E. Ritterband (Text und Fotos)

Angekündigt war diese Aufführung als „halbszenisch“, doch das auf der Bühne (Nate Gibson) unter der Regie von Carmen Jacobi Gezeigte war zwar konventionell, aber durchaus so berührend, wie diese Oper nur sein kann: Die Bühne war verhangen mit teils leeren, teils mit Fotos der verstorbenen Marie gefüllten Bilderrahmen, unzähligen Kerzen als Schrein für die Lebend-Tote sowie dem obligaten Bilderrahmen, aus dem die tote Marie herauskommt und Marietta hineinschreitet. Die karnevalesken Figuren in ihren schwarzen, weiß bemalten Totenmasken wirkten allerdings etwas unbeholfen und erinnerten an ein Totenritual in irgendeiner, vielleicht mexikanischen Provinzstadt.

Das eigentliche Problem dieser Aufführung war leider die psychologisch so anspruchsvolle Hauptfigur Paul, der – die Oper wurde ja inmitten der aufkommenden Tiefenpsychologie Freuds und in dessen Stadt Wien komponiert – den Tod seiner geliebten Frau Marie nicht verkraftet, sie im Geiste weiterleben lässt und sich dann in die frivole und ebenfalls sehr attraktive Tänzerin Marietta verliebt, die er für die zurückgekehrte Gattin hält. Die musikalisch-stimmlichen Herausforderungen an die Figur des Paul sind geradezu brutal und ein Tenor, der diese bewältigt, muss sein Metier fast heroisch beherrschen. Peter Auty soll dies in den vorangegangenen Aufführungen geleistet haben – leider nicht in dieser:

Sein Scheitern an den hohen Tönen war geradezu schmerzhaft für den Zuhörer und sein Spiel, möglicherweise gerade wegen dieser stimmlichen Insuffizienz, eher hölzern. Daher wurde die Geschichte noch unglaubwürdiger als sie ohnehin schon ist: Dass die junge, bildhübsche und äußerst frivole Marietta, die unvermittelt in Pauls Leben tritt und die er für die wieder auferstandene Marie hält, sich in den (wie sie selbst sagt) griesgrämigen alten Paul verliebt, ist doch recht unwahrscheinlich. Immerhin treibt sie’s auf offener Bühne noch mit manch anderen – aber Paul, der eher unattraktive, hat ihr’s offenbar angetan und sie widmet ihm viel Zeit und Energie. Vielleicht ist sei ganz einfach fasziniert von der Identifikation mit ihrem toten Ebenbild Marie.

Egal: Diese Sopranistin war hinreißend in jeder Beziehung – und dass sie die Rolle der Marietta kurzfristig als Ersatz übernommen hatte, nötigt dem Zuschauer viel Respekt und höchste Bewunderung ab. Ihre Stimme war melodiös raumfüllend, hell und klar und ihre tänzerische Begabung sehr beachtlich, ihr Rollenspiel perfekt. Da hat Longborough einen exzellenten Griff getan und den in dieser Aufführung doch eher enttäuschenden Tenor weitgehend kompensiert. Unbestreitbar ausgezeichnet der Frank, Freund und zeitweise Rivale des Paul, verkörpert von Benson Wilson: ein sehr maskuliner, weicher und warmer Bariton als sehr überzeugendes Gegenstück zu dem von quälenden Visionen heimgesuchten Paul.

Alles in allem ein sehr bewegender Opernabend mit bemerkenswerten Höhepunkten und einem perfekt agierenden Orchester unter der souveränen Stabführung von Justin Brown, das selbst die schwierigen Passagen von Korngolds Musik mit beachtlicher Leichtigkeit und Subtilität bewältigte. Das Publikum, so englisch und höflich wie es nur sein konnte, sah dem Tenor die Unzulänglichkeiten großmütig nach und bedachte auch ihn mit herzlichem Applaus – in Wien oder Paris wäre ihm ein gnadenloses Buh-Konzert gewiss gewesen. Die Sopranistin wurde zu Recht bejubelt, denn in Sachen Musikbegeisterung kommen selbst die reservierten Engländer aus sich heraus.

Dr. Charles E. Ritterband, 27. Juni 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Regie: Carmen Jacobi
Musikalische Leitung: Justin Brown
Bühne: Nate Gibson
Paul: Peter Auty
Marie/Marietta: Rachel Nicholls
Frank/Pierrot: Benson Wilson
Brigitta: Stephane Windsor-Lewis
Graf Albert: Lee David Bowen
Victorin: Alexander Sprague

Georg Friedrich Händel, “Tamerlano“ The Grange Festival, 18. Juni 2022

Giuseppe Verdi, Macbeth The Grange Festival, 17. Juni 2022

Richard Wagner, Siegfried Longborough Festival Opera, 7. Juni 2022

 

 

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