„Die Rekonstruktion von Inszenierungen aus vergangenen Zeiten ist für mich eine fragwürdige Geschichte“

Exklusiv-Interview Peter Theiler, Intendant Semperoper Dresden,  Dresden

Bildrechte: Semperoper Dresden / Matthias Creutziger (c)

Der gebürtige Schweizer Peter Theiler ist seit dieser Spielzeit Intendant an der Semperoper Dresden. Zuvor war er von 2008 an Staatsintendant in Nürnberg.  „Dresden ist eine wunderbare Stadt, und ich freue mich mit der wunderbaren Staatskapelle und Christian Thielemann zusammenzuarbeiten – hier erwartet mich ein bestens aufgestellter Betrieb“, sagt Peter Theiler im Exklusiv-Interview mit klassik-begeistert.de .

Interview: Kirsten Liese

Klassik-begeistert.de: Herr Theiler, seit wann und woher kennen Sie Christian Thielemann?

Peter Theiler: Wir kannten uns vor unserer Begegnung in Dresden noch gar nicht persönlich. Wir sind zwar an denselben Häusern gewesen, aber zu verschiedenen Zeiten. So war ich Generalintendant am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen, und er war dort in der Zeit davor. Und er war Generalmusikdirektor in Nürnberg, lange bevor ich da Staatsintendant wurde. Es gibt also witzige Überschneidungen in unseren Biografien, aber mit zeitlicher Verschiebung.

Demnach hat sie also nicht Christian Thielemann als Wunschkandidat angeheuert wie weiland Peter Ruzicka bei den Osterfestspielen Salzburg….

PT: Nein, das lief in diesem Fall über die Sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, sie hat mich  angefragt, ob ich zur Verfügung stehe. Das hat mich interessiert, und so kam es dann auch zu meiner Berufung und der Begegnung mit Christian Thielemann.

Vor Ihnen war für dieses Amt Serge Dorny avisiert worden. Da ließ sich die Zusammenarbeit mit Christian Thielemann nicht gut an, deshalb wurde dann daraus auch nichts. Mit Ihnen bahnt sich die Zusammenarbeit offenbar besser an!

PT: Als Chef der Sächsischen Staatskapelle Dresden dirigiert Christian Thielemann in der Oper maximal zehn Aufführungen. Er macht eine Neuproduktion und eine Wiederaufnahme, in dieser Saison „Ariadne auf Naxos“ und  „Der fliegende Holländer“. Wir haben von Anfang an festgelegt, was er seitens des Repertoires machen möchte. In der nächsten Spielzeit wird er „Die Meistersinger von Nürnberg“ dirigieren – genau in der Produktion, die bei den kommenden Osterfestspielen in Salzburg Premiere hat, sowie eine Oper im italienischen Repertoire. Ich muss mich dann mit ihm auch einigen, welche Besetzungen wir da machen. Aber das ist nur ein kleiner Teil des gesamten Spielplans.

Das genau bedauern natürlich viele Operngänger und Dresdner, dass Herr Thielemann an der Oper relativ selten dirigiert. Unter den übrigen verpflichteten Dirigenten finden sich vergleichsweise wenig prominente Namen. In einem Interview hat mir Christian Thielemann klargemacht, dass er sichangesichts vieler Tourneen mit der Kapelle und anderer Verpflichtungen nicht in noch größerem Umfang einbringen könne. Dann braucht es aber andere stärkere Zugpferde vom Rang eines Riccardo Muti, Antonio Pappano oder Mariss Jansons.

PT: Wir haben in der laufenden und auch in der kommenden Spielzeit Namen, die durchaus attraktiv sind, wie Franz Welser-Möst, der das Silvesterkonzert dirigieren wird, Pappano war hier auch schon zu Konzerten….

….und in der Oper?

PT: In der Oper versuchen wir auch mit renommierten Dirigenten zu arbeiten, die an anderen Häusern unterwegs sind. So wir haben den jungen Israeli Omer Meir Wellber, der auch an der Bayerischen Staatsoper gut im Geschäft ist, und den wir als ständigen Ersten Gastdirigenten  mit Neuproduktionen und Wiederaufnahmen an unser Haus haben binden können.

Was hat Sie daran gereizt, an die Semperoper zu kommen?

PT: Natürlich hat mich das internationale Renommee dieses Hauses gereizt. Ich liebe neue Herausforderungen, etwas Neues aufzubauen und sich nicht auszuruhen auf dem Erreichten. Außerdem ist Dresden eine wunderbare Stadt, und ich freue mich mit diesem wunderbaren Orchester und Christian Thielemann zusammenzuarbeiten – hier erwartet mich ein bestens aufgestellter Betrieb.

Das Haus war seit dem Tod der Intendantin Ulrike Hessler sechs Jahre lang ohne eine feste Führung. Was haben Sie für konkrete Pläne, welche Akzente werden Sie setzen?

PT: Wagner und Strauss werden wir traditionell natürlich pflegen, aber mir ist im Kontext dieser beiden Komponisten auch wichtig, in historischen Dimensionen zu denken und die Rezeptionsgeschichte einzubeziehen. Sprechen wir von Strauss, sprechen wir auch von der Zeit zwischen 1933 und 1945 und natürlich auch von den Komponisten, die damals emigriert sind, verfolgt wurden und als „entartet“ galten. Als solcher ist der Jude Schönberg zu sehen, der mit „Moses und Aaron“ die Spielzeit eröffnet, und deswegen ist die zweite Produktion natürlich eine Strauss-Produktion. Diese Konnotation ist immer gegeben: Wir spielen einen Anti-Strauss und einen Strauss. Ganz ähnlich wird das auch  am Ende der Spielzeit sein: Wir werden nach Jahrzehnten „Die Hugenotten“ von Meyerbeer aufführen, weil auf der Wagner-Bühne eben auch dieser Komponist zugegen sein muss. Ich bin ein großer Wagner-Fan, aber  sehr kritisch in der Betrachtung seiner Lebensleistung und seiner Wirkung. Wir kennen das Verhältnis von Wagner zu Meyerbeer, das sind Zeitgenossen gewesen. Meyerbeer hatte Wagner stark gefördert, gerade auch in Paris, und Wagner hat es ihm schlecht gedankt mit der Schmähschrift „Das Judentum in der Musik“ und hat dazu beigetragen, dass in der deutschnationalen Bewegung Meyerbeer mehr und mehr aus den Spielplänen gedrängt und schließlich von den Nationalsozialisten verboten wurde.

Sprechen wir über die künstlerische Ausrichtung hinsichtlich der Regie. An vielen großen Häusern werden landläufig immer die gleichen Regisseure herumgereicht, die mit Eingriffen in die Stücke und Provokationen polarisieren. Dazu gehören aus meiner Sicht Hans Neuenfels, Claus Guth, Calixto Bieito, Stefan Herheimer oder auch Barry Kosky. Dank Christian Thielemann gab es im Kontrast dazu im vergangenen Jahr in Salzburg bei den Osterfestspielen eine fulminante rekonstruierte „Walküre“ in den Bühnenbildern von Karajans Bühnenbildner Günther Schneider Siemssen zu erleben. Vielen Zuschauern war es anzumerken: Lange war man an einem Opernabend nicht mehr so stark bewegt! Mir ist es leider nicht gelungen, Peter Ruzicka trotz riesigem Erfolg dazu zu bewegen, auch die übrigen Teile der „Ring“-Tetralogie in den Bühnenbildern Schneider-Siemssens in Salzburg zu bringen. Sehr, sehr schade. Wie stehen Sie denn dazu?

PT: Ich wurde schon wiederholt gefragt, was ich davon halte. In Lyon wurde ja auch schon eine Inszenierung der „Elektra“ von Ruth Berghaus nachgespielt. Für mich, der ich als ihr Regieassistent an der Oper Frankfurt in den 1980er-Jahren tätig sein durfte, war sie die großartigste Regisseurin. Nachdem ich mit ihr gearbeitet hatte, wollte ich kein  Regieassistent mehr  sein. Für mich war diese Begegnung also eine wesentliche Prägung. Warum? Weil Berghaus in ihrer ganzen Art auch eine Aussage zur Gegenwart treffen konnte, auch zum Ost-West-Gegensatz, den es damals noch gab. Die Rekonstruktion von Inszenierungen aus vergangenen Zeiten ist für mich aber eher eine fragwürdige Geschichte. Ich würde es nicht wagen, die großartige „Parsifal“-Inszenierung, bei der ich damals assistieren durfte – und ich habe seither keinen so guten „Parsifal“ mehr gesehen – zu rekonstruieren. Und ich sage Ihnen auch warum: Weil ich glaube, man würde ihn heute in seiner Grundaussage gar nicht mehr verstehen. Dies gilt auch für andere Inszenierungen, die in ihrer Zeit aktuell waren.

Dagegen gibt es aber so historische zeitlose Inszenierungen wie die von Karajan! Wenn Sie die heute auf DVD sehen, zum Beispiel seinen „Otello“ mit Mirella Freni und Jon Vickers, gibt es da  nichts, was es nicht zu verstehen gäbe. Abgesehen davon hat bei der „Walküre“ in Salzburg Vera Nemirova für eine zeitgemäße Regie gesorgt. Die Rekonstruktion betraf also allein die Bühne, und das ist natürlich schon mal eine Grundlage für eine ansprechende Produktion. Aber kommen wir zu Ihren Präferenzen…

PT: … ich habe bestimmte Regisseure, mit denen ich seit Jahren arbeite und die mir wichtig sind, allen voran Peter Konwitschny und Calixto Bieito. Auf Konwitschny, der seit 1999 nicht mehr in Dresden war, warten hier viele und freuen sich auf seine Rückkehr. Ich halte sehr viel von ihm, weil er auch Zugang zu den Stücken aus der Musik heraus sucht und immer mit der Partitur in der Hand arbeitet, wie zuletzt bei Zimmermanns „Soldaten“, die ich mit ihm gemacht habe.

Interview: Kirsten Liese, Musik-Journalistin aus Berlin, für klassik-begeistert.de

3 Gedanken zu „Exklusiv-Interview Peter Theiler, Intendant Semperoper Dresden,
Dresden“

  1. Liebe Frau Liese, ich zitiere aus einer Ihrer Fragen an Peter Teiler:
    „Mir ist es leider nicht gelungen, Peter Ruzicka trotz riesigem Erfolg dazu zu bewegen, auch die übrigen Teile der „Ring“-Tetralogie in den Bühnenbildern Schneider-Siemssens in Salzburg zu bringen. Sehr, sehr schade. Wie stehen Sie denn dazu?“
    Seit wann sind Sie in der Intendanz der Sächsischen Oper, dass Sie bedauern, dass Ihnen das nicht gelungen ist?

    Peter Skorepa

    1. Lieber Peter Skorepa,

      Sie sind doch, wenn mich nicht alles täuscht, Wiener und sind vom Fach….
      Ich freue mich sehr, dass Sie klassik-begeistert.de regelmäßig mit Kommentaren beliefern…
      was mich bei Ihrem Hintergrund als Opern-Autor und Wiener – das ist ja eigentlich ein positiver Menschenschlag, auch wenn er gerne mal grantelt – ein klein wenig wundert, ist, dass Sie eigentlich immer nur das Haar in der Suppe suchen und granteln. Wie Sie sicher wissen, ist Frau Liese eine in Deutschland sehr bekannte Musik-Journalistin, die für die namhaftesten Medien schreibt. Vielleicht mögen Sie sich bei ihren Artikeln – und denen anderer Autoren – auch mal für ein Sekündchen dem Positiven widmen, denn Frau Liese und andere AutorInnen haben ja allerhand zu bieten…

      Mit freundschaftlichen und kollegialen Grüßen

      Andreas Schmidt M.A.
      Herausgeber
      klassik-begeistert.de

  2. Sehr geehrter Herr Skorepa,
    Journalisten haben die Möglichkeit, sich gegenüber Intendanten in Pressekonferenzen und Interviews mit Fragen, Vorschlägen, Anregungen und Kritik einzubringen. Mein Diskurs mit Herrn Ruzicka ereignete sich auf der PK der Osterfestspiele Salzburg 2017.
    Schöne Grüße, Kirsten Liese

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.