Staatsoper Unter den Linden macht vorerst dicht: Daniel Barenboim dirigiert eine beeindruckende letzte "Carmen"

George Bizet, Carmen,  Staatsoper Unter den Linden Berlin, 10. März 2020

Foto: © Holger Kettner

Staatsoper Unter den Linden Berlin, 10. März 2020
George Bizet, Carmen

Anita Rachvelishvili Carmen
Michael Fabiano Don José
Lucio Gallo Escamillo
Christiane Karg Micaela

Staatsopernchor
Staatskapelle Berlin
Dirigent: Daniel Barenboim

von Herbert Hiess

Der Stehsatz “zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein” kann wahrscheinlich nirgendwo besser zutreffen als am Abend des 10. März 2020 in der Berliner Staatsoper Unter den Linden. Vor allem, als man dort erfuhr, dass an diesem Abend virusbedingt die letzte Aufführung stattfand.

Und es war nicht irgendeine Aufführung – es war nach den Wiener “Carmen” unter Kleiber, Abbado und Maazel und nach der Salzburger unter Herbert von Karajan eine Produktion, die man locker auf die gleiche Stufe der vorher genannten stellen kann.

Die Staatskapelle Berlin spielte unter ihrem Chefdirigenten Daniel Barenboim mit einem unbeschreiblichen Luxus-Klang. Erfreulich zu hören, dass Barenboim, der auch ein begnadeter Kammermusiker und Solist ist, auch kammermusikalischen Klang zum Erlebnis machen kann. Fernab von der “Tschin-Bumm”-Stierkampfmusik hörte man feinste Nuancen, berührende Dialoge von Holzbläsern mit den Sängern (z.B. in der “Blumenarie”).

Es ist zwar ungerecht, einzelne Orchesterspieler zu erwähnen (da alle phantastisch waren) – jedoch Soloflöte (Vorspiel 3. Akt), Fagott (Vorspiel 2. Akt) und Englischhorn (“Blumenarie”) gehören extra vor den imaginären Vorhang. So nebenbei war es auch eine schöne Geste von Barenboim, dass er beim Schlussapplaus mit dem gesamten Orchester auf die Bühne ging.

Foto: © Marcus Ebener

Bevor man hier zu sehr in die Schwärmerei übers Orchester verfällt, kann man diese eigentlich nahtlos bei den Sängern fortsetzen. Schon einmal nicht nebensächlich ist es, dass alle Solisten mehr als exzellent waren – die vier Hauptrollen sangen an diesem Abend auf höchstem Weltniveau.

Da war einmal die “Carmen”, die die Frau mit dem fast unaussprechlichen Namen sang. Frau Rachvelishvili verfügt über einen sonoren Alt mit phantastischer Höhe und einem vollen, satten Klang – ähnlich dem der großartigen Marilyn Horne. Die georgische Sängerin ist ein wahrer Vulkan – nicht nur schauspielerisch, sondern vor allem auch vokal. Äußerst mitreißend, wie sie bis zum letalen Schlussduett die Rolle interpretierte. Und sie versteht es, nicht nur stimmlich aufzutrumpfen, sondern sich auch mit vollem Einsatz zurückzunehmen. Die “Kartenarie”, die Barenboim mit intensivstem Stillstand dirigierte, wurde ob ihrer wunderbaren Piani zu einem Erlebnis.

Der Tenor Michael Fabiano versteht es ebenso, mit schönsten Piani zu verzaubern. Er ist in der Höhe vielleicht nicht so der Strahlemann wie andere “Schmetterer”, doch sein baritonal gefärbter Tenor beeindruckte von Nummer zu Nummer, von Akt zu Akt. Unvergesslich die Pianophrasen bei der “Blumenarie”, die in einem Gänsehaut erzeugenden Pianissimo-B gipfelten.

Foto: © Monika Rittershaus

Christiane Karg war da die traumhafte Ergänzung in diesem Wunderteam. Mit höchster Musikalität setzte sie ihren strahlend-silbrigen Sopran ein und sang mit Fabiano eines der allerschönsten Duette (jenes vom ersten Akt).

Und nicht zuletzt der noch immer brillante Lucio Gallo, den man schon aus der Wiener Abbado-Zeit kennt. Mit seinen fast 60 Jahren steckt er viele junge Sänger quasi in die Taschen und kann einen der besten Escamillos vorweisen. Die Partie zählt ja zu einer der allerschwersten; schon allein im Torerolied wird vom Sänger in puncto Höhe und Tiefe alles, aber auch alles gefordert. Bewundernswert, mit welcher Bravour Herr Gallo hier Maßstäbe setzte.

Und nicht zuletzt war auch die Regie beeindruckend. Der Wiener Burgtheaterdirektor Martin Kusej inszeniert ein von Düsternis und Tod umwölktes Sevilla, wo man schon beim inszenierten Schicksalsmotiv das sich immer ins Fatale wendende Schicksal miterleben konnte. Auch wenn diese “Carmen” ungewöhnlich ausging (Escamillo verliert im Stierkampf sein Leben und sein Leichnam wird feierlich hinausgetragen) – die Regie war bestechend und berührend.

Für viele, die diese Traum-Aufführung nicht live erleben können, gibt es die Möglichkeit, die als “Geisteraufführung” spielende Aufführung im Stream verfolgen zu können – hier unter diesem Link:

https://www.staatsoper-berlin.de/de/staatsoper/news/bizets-carmen-im-livestream-von-rbb-kultur.141/

Auch wenn es natürlich nicht dasselbe ist wie live – eine solche Produktion mit so einer Besetzung sollte man sich nicht entgehen lassen.

Herbert Hiess, 12. März 2020,
für klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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