"Ich fühlte eine große Verantwortung, denn von nun an hatte der Name Teresa Berganza einen besonderen Klang"

Interview am Donnerstag 6: Teresa Berganza

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Interview am Donnerstag 6: Teresa Berganza, Mezzosopran

Ob als Carmen, Sesto in Mozarts La Clemenza di Tito, als Cherubino in der Hochzeit des Figaro oder Rosina in Rossinis Barbier von Sevilla: Teresa Berganza empfahl sich als eine der bedeutendsten Mezzosopranistinnen ihrer Generation. Über 50 Jahre währte ihre lange Karriere, die im Alter von 22 Jahren in Madrid begann. Dank ihrer makellosen Technik, die es ihr ermöglichte, mühelos Koloraturen im schönsten Legato quer durch alle Register zu singen, konnte die Spanierin mit 70 noch Liederabende geben. Sie lebt in El Escorial bei Madrid im Casa de la Reina. Dort trafen wir sie 2017. Am 16. März 2020 wird sie 85 Jahre alt.

von Kirsten Liese

Frau Berganza, wann und bei welcher Gelegenheit hat es sich entschieden, dass Sie Sängerin werden würden?

Berganza: Ich komme aus einer sehr musikalischen, wenn auch nicht klassischen Musikerfamilie. Mein Vater war kein Berufsmusiker, sondern „nur“ Amateur, aber schon, als ich noch sehr, sehr klein war, ließ er mich mit einem Finger Klavier spielen. So fing ich an, eine Mozartsonate, die Sonate in C-Dur, mit einem Finger zu üben. Bald darauf hatte ich acht Jahre lang Klavier- und daran anknüpfend vier Jahre Orgelunterricht. Außerdem hatte ich Unterricht in Musikgeschichte und sang in zwei Chören. Man sagte mir immer „Du hast eine sehr schöne Stimme, weshalb studierst du nicht Gesang?“ Ich glaubte das nicht, aber eines Tages ging ich ins Konservatorium, um mich in einer Gesangsklasse einzuschreiben. Ich hatte keine Ahnung vom Singen, aber ich intonierte sehr gut und hatte eine schöne Stimmfarbe. Da sagte meine damalige Lehrerin: „Du bist eine echte Musikerin. Du wirst vieles machen.“ Also begann ich zu studieren, erlernte die Technik und mein Repertoire. Und da ich mit 17 Jahren noch sehr jung war, wirkte ich gelegentlich in Filmen mit, denn ich war zwar nicht groß, aber hübsch. Mit dem Geld, das ich verdiente, bezahlte ich meinen Französisch-, Deutsch- und Klavierunterricht. So fing alles an.

Sie waren Schülerin von Lola Rodríguez Aragón, fühlten Sie sich bei ihr gut aufgehoben?

Berganza: Von dem Moment an, als ich sie kennengelernt und etwas mit ihr gesungen hatte, verband mich etwas mit ihr. In ihrer Klasse waren viele Gesangsschüler, von allen ihren Schülern war allerdings nur ich wirklich erfolgreich. Ich war die Jüngste, sang gern, wusste aber nicht, was ich machen wollte. Lola brachte mir Technik bei, sie war Schülerin von Elisabeth Schumann, so dass sie außer der Technik auch den Stil von Elisabeth Schumann gelernt hatte.

Ihr Debüt gaben Sie 1957 als Dorabella in Aix en Provence.

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Berganza: Es war das erste Mal, dass ich auf der Bühne stand, ich hatte zuvor nie Theater gespielt. Aix-en-Provence war natürlich ein Festival mit großen Sängern wie Teresa Stich-Randall, Luigi Alva und Dirigenten wie Hans Rosbaud, alles ganz hervorragende Künstler. Ich tat nichts anderes als so viel wie möglich zu lernen, weil ich fürchtete, nicht gut genug zu singen. Ich war aber auch unbedarft und nicht einmal aufgeregt bis ich in einer Kritik las: „Die Mezzosopranistin des Jahrhunderts ist geboren.“ Das versetzte mir einen großen Schrecken und von da an fühlte ich eine große Verantwortung, denn von nun an hatte der Name Teresa Berganza einen besonderen Klang.

So manche Ihrer berühmten Kolleginnen wie Christa Ludwig oder Brigitte Fassbaender sagten mir, dass die Dorabella in der „Così“ eine vergleichsweise bedeutungslose Rolle war. Ihnen scheint sie mehr zu bedeuten.

Berganza: Die Dorabella hat mir immer enormen Spaß gemacht, vor allem hat mir ihre Komplizenschaft mit Fiordiligi und Despina gefallen. Ich mag auch die Persönlichkeit der Dorabella, sie ist die etwas verrücktere Person. Fiordiligi denkt über alles nach, hat das bessere Benehmen. Dorabella ist lustiger, viel heiterer, leidenschaftlicher. Ich war glücklich, sie zu singen.

Sie trafen in jungen Jahren dann auch schon relativ bald auf Herbert von Karajan, unter dessen Leitung Sie an der Wiener Staatsoper 1959 den Cherubino sangen.

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Berganza: Das war natürlich unglaublich, ich kam aus Madrid, wo ich gerade das Konservatorium abgeschlossen und außer Aix nichts weiter vorzuweisen hatte, meine große Karriere hatte noch nicht begonnen. Karajan gegenüberzustehen, war für mich ein großes Erlebnis. Eigentlich sollte Elisabeth Schwarzkopf in dieser Produktion die Gräfin singen, die ich gerne getroffen hätte. Aber sie war leider krank.

Zu Ihren Paraderollen zählt freilich auch die Rosina im „Barbier von Sevilla“.

Berganza: Ich hatte meine Stimme in den ersten Jahren Mozart und Rossini gewidmet, und der „Barbier von Sevilla“ ist natürlich eine der weltweit am meisten gespielten Opern. Die Rolle der Rosina ist wie die Dorabella sehr vergnüglich und passt gut zu mir. Ich hatte das Glück, immer mit großen Sängern zu arbeiten, die auch meine Freunde waren, also hatten wir viel Spaß auf der Bühne, fast so viel Spaß wie im echten Leben.

Die Partie ist keineswegs leicht. Fiel Ihnen die geforderte Virtuosität in den Schoß?

Berganza: Mir erscheint sie nicht schwer, es ist schwer, die Partitur zu respektieren. Ich hatte mit Rossini nie Probleme.

Erfordern die Koloraturen gleichwohl eine besondere Technik?

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Berganza: Ich habe sehr viel an der Technik gearbeitet und innerhalb der Technik bemerkte meine Lehrerin meine besondere Leichtigkeit für die Koloraturen. Also haben wir sehr viel daran gearbeitet, wir haben die alten Komponisten wie Vivaldi oder Scarlatti wegen der Koloraturen gesungen und natürlich Rossini. Mit der Lehrerin habe ich ein Jahr lang das Duett aus dem Barbier gesungen, denn sie war der Meinung, es sei eines der schwierigsten Stücke von Rossini, und sie sagte: „Wenn du das Duett kannst, dann kannst du alles von Rossini singen“.

Eine dankbare Partie für einen Mezzo ist natürlich auch die Cenerentola.

Berganza: Die Cenerentola ist eine komische Oper, eine äußerst vergnügliche, Cenerentola singt viel, sie singt den ganzen Abend lang, aber sie muss die Schlussarie sehr gut singen und das ist die schwierigste, also muss sie die ganze Oper sehr gut drauf sein, um am Ende noch all die Koloraturen und hohen Töne zu bewältigen.

Und vor welche Herausforderungen stellte Sie Mozart?

Berganza: Mozart ist der vollkommenste Komponist, daher ist er der am schwierigsten zu singende. Ich glaube, um Mozart zu interpretieren, muss man sich die Stimme als Instrument vorstellen, perfekt und mit Klangfarbe, denn Mozart ist kein Puccini, Mozart ist kein Donizetti, kein Rossini. Für mich ist Mozart der Gott der Musik. Deshalb glaubte ich, da ich mit Mozart und Rossini angefangen habe, forderte Rossini die Technik und Mozart den Stil.

Mit der spanischsten aller weiblichen Opernfiguren, der Carmen, haben Sie sich Zeit gelassen.

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Berganza: Es wäre mir unmöglich gewesen, gleichzeitig eine Hosenrolle wie Cherubino und Carmen zu singen. Carmen erfordert andere Stimmfärbungen und eine gänzlich andere Art zu singen. Für den Cherubino, Dorabella oder Sextus muss man ein reines, sauberes, schönes „Instrument“ besitzen. Deshalb hatte ich nie gedacht, dass ich die Carmen überhaupt singen würde. Aber dann hat man sie mir angeboten und gesagt, „Du musst Carmen singen“, wogegen ich mich zunächst noch sträubte. Aber eines Tages kam der Direktor des Festivals in Edinburgh und sagte: „Entweder du singst sie dieses Jahr oder wir machen keine Carmen mehr“. Also musste ich „Ja“ sagen. Ich konnte mir meine Partner aussuchen: Claudio Abbado am Dirigierpult, Plácido Domingo als Don José und ich glaube auch Mirella Freni als Micaela. Ich hatte jedenfalls die besten Sängerkollegen, die es damals gab. Und die Inszenierung von Faggioni war großartig.

Was für eine Frau sehen Sie in der Carmen?

Berganza: Ich habe viel Prosper Merimée gelesen, um herauszufinden, wie die Person war. Und wir waren uns einig, dass Carmen keine Prostituierte sein darf wie sie oft dargestellt wird. Carmen war eine freie Frau, eine Zigeunerin, die ihrer Zeit weit voraus war. Das steht alles in der Partitur. Und wenn man sie so singt, wie sie angelegt ist, dann interpretiert man sie so, wie es der Komponist will.

Wie gestaltete sich Ihre Zusammenarbeit mit Claudio Abbado? Ich hätte ihn gerne mal für ein Interview getroffen, aber bekanntlich gab er mit wenigen Ausnahmen keine.

Berganza: Er brauchte nicht viel zu reden, denn er war ein so herausragender Musiker, dass wir – ebenso wie bei Karajan – schon mit einer kleinen Geste wussten, was wir zu tun hatten. Claudio musste uns manchmal nur ansehen, er konnte mit dem Orchester und den Sängern machen, was er wollte.

Und wie erlebten Sie Maria Callas, mit der Sie 1958 in einer Aufführung von Cherubinis „Medea“ zusammen auf der Bühne standen?

Berganza: Ich traf auf eine wunderbare Frau voll Zärtlichkeit, die, als sie mich kannte, immer an meiner Seite war und mir viel geholfen hat. Ich habe natürlich sehr viel von ihr gelernt, denn Sie war die große Künstlerin. Es gab große Sängerinnen, aber sie war Sängerin und eine große Künstlerin. Es war wunderbar, mit ihr zu arbeiten. Man sagte, sie sei sehr hart, aber mit mir war sie sehr zartfühlend, eine sehr weichherzige Frau.

Sie haben auch immer viele Liederabende gegeben und sich der spanischen Musik sehr gewidmet.

Berganza: Die spanische Musik war sehr wichtig für mich, denn wir haben wunderbare, großartige Musik. Die Lieder gefallen mir sehr. Ich als Spanierin habe Lust verspürt, die Musik meines Landes in die Welt zu tragen.

Gehen Sie heute noch in die Oper?

Berganza: Die modernen Inszenierungen gefallen mir nicht. Ich kann es nicht ertragen, wenn Don Giovanni in einem Schwimmbad spielt oder wenn die Schmuggler in Carmen als Transvestiten auftreten. Die leben im Gebirge, um einen Engländer zu überfallen und sind Transvestiten – ist das möglich? Das ist eine Beleidigung für Bizet und für Merimée und alle ihre Figuren.

Kirsten Liese, für klassik-begeistert.de

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