Carmen stirbt einen spaktakulären Liebestod in den Fluten des Bodensees

Georges Bizet, Carmen,  Bregenzer Festspiele,  Spiel auf dem See

Foto: Karl Forster / Bregenzer Festspiele (c)
Bregenzer Festspiele
,  Spiel auf dem See, 19. Juli 2017
Georges Bizet, Carmen

Musikalische Leitung Antonino Fogliani
Carmen Gaëlle Arquez
Don José Daniel Johansson
Escamillo Kostas Smoriginas
Micaëla Cristina Pasaroiu
Frasquita Léonie Renaud
Mercédès Marion Lebègue
Zuniga Yasushi Hirano
Moralès Rafael Fingerlos
Remendado István Horváth
Dancaïro Dariusz Perczak
Stuntmen – Wired Aerial Theatre | Tänzer | Statisten
Bregenzer Festspielchor
Prager Philharmonischer Chor
Kinderchor der Musikmittelschule Bregenz-Stadt
Wiener Symphoniker

von Charles E.  Ritterband

Die spektakuläre Carmen-Inszenierung dieses Traumteams – des dänischen Regisseurs Kasper Holten und der Engländerin Es Devlin, berühmt für ihre aufsehenerregenden kinetischen Bühnenplastiken – geht in Bregenz als diesjähriges Spiel auf dem See in die zweite Saison. Diese außergewöhnliche Produktion hatte bereits letztes Jahr mit ausverkauften Rängen, die immerhin 7000 Zuschauer pro Abend unterbringen, Publikum und Kritik restlos begeistert.

Dieses Jahr hat der Regisseur seine gefeierte Inszenierung zusätzlich verdichtet und so die Wirkung intensiviert.  Die dramatische Handlung unter Es Devlins gigantischer, die Bühne beherrschender Skulptur der Hände einer Zigeunerin, deren durch den Bühnenraum wirbelnde Spielkarten der Carmen die Zukunft – den unausweichlichen Tod – voraussagen, hat an Tempo zugelegt und damit zusätzlich an atemberaubender Spannung gewonnen. Wieder ist die technische Perfektion dieses Bühnenbilds zu bewundern – die präzisen Bild- und Videoprojektionen auf den Spielkarten, die in der Schmugglerszene überraschend zum Gebirge werden, von dem sich Stuntmen abseilen und die in der letzten Szene raffiniert und jenseits aller abgedroschenen Carmen-Klischees stilisierte Stierkampf-Arena.

Antonio Fogliani,  der in dieser Saison das Dirigentenpult übernommen hat, sorgt mit den Wiener Symphonikern für ein zugleich spanisch-temperamentvolles und farbenreich-subtiles Spiel. Die beiden weiblichen und die beiden männlichen Protagonisten erbringen unter den anspruchsvollen, bisweilen gar extremen topographischen und metereologischen Bedingungen der Bregenzer Seebühne schauspielerisch und gesanglich Höchstleistungen.

Allen voran die unvergleichliche Carmen der Französin Gaelle Arquez, die übergangslos von unbezähmbarer Wildheit zu unwiderstehlicher Sinnlichkeit changiert – jener Dämon, von dem der unglückliche Don José spricht. Sie beherrscht ihre  kraftvolle und zugleich wunderschöne Stimme perfekt in Höhen und Tiefen. Ebenfalls überragend die Micaela der Cristina Pasaroiu, die ihre Partie fast schon im Mezzo-Bereich angelegt hat und singt, wie es diese Figur erfordert: mit Nuanciertheit, Wärme und Einfühlungsvermögen. Daniel Johannson bringt den Don José mit großer Subtilität stimmlicher Prägnanz.  Kostas Smoriginas ist als Escamillo mit überragend starkem Bariton, grandios austarierten Tiefen, ganz der selbstbewusste Macho, der für seine Leidenschaft – die neue Liebe, Carmen – über Leichen gehen würde.  Diese Carmen und dieser Escamillo, diese Micaela und dieser Don José – das sind zwei Traumpaare, stimmlich von höchster Harmonie, aber es sollte anders kommen, wie die stets gegenwärtigen, prophetischen Karten richtig vorausgesagt hatten.

Das alljährliche große Spiel auf dem See in Bregenz lebt nicht nur von den spektakulären Inszenierungen mit ihren groß- bis überdimensionierten Bühnenbildern und der konstant hohen künstlerischen Qualität, sondern vor allem auch von der Natur, in die es eingebettet ist und mit der es Zwiesprache hält.  Da ist die Bodensee-Landschaft, ist der Sonnenuntergang, die Abenddämmerung,  da sind die Lichter vom gegenüber liegenden Ufer und den Schiffen. Da ist aber vor allem das Element Wasser, das die gewaltigen Bühne umgibt und auf dem diese verankert ist.

Ich habe in Bregenz noch keine Inszenierung erlebt, bei der Wasser so stimmig und intelligent eingesetzt wurde wie bei dieser. Die überhitzten Arbeiterinnen der Zigarettefabrik sitzen mit lasziv gespreizten Schenkeln da und übergießen sich mit dem kühlenden Nass – ein extrem erotisches Ritual. Die Paare in Lillas Pastias übel beleumundeter Kneipe tanzen sich auf einer allmählich absinkenden Plattform immer mehr ins Nass, versinken gewissermassen in Erotik. Und Carmen? Statt wie sonst üblich wird sie nicht von Don José erstochen, sondern in den Fluten ertränkt. Konsequenterweise.

Nachdem sie in Todesangst wild um sich schlägt, werden ihre Bewegungen ruhiger – sie stirbt,  ist ertrunken. Technisch wird diese in einem Schwimmbecken bis zur Perfektion geprobte Szene mit einem ausgeklügelten System bewerkstelligt.  Carmen trägt für ihre letzte Szene einen Neopren-Anzug  und ein eigens dafür angefertigtes Kostüm,  in dem eine Pressluftflasche verborgen ist. Hinter einer auf dem Kleid aufgesteckten Rose ist ein Mundstück verborgen, das durch einen Schlauch mit der Pressluftflasche verbunden ist. So stirbt Carmen auf der Seebühne Bregenz, erstaunlich selbst für den Rezensenten mit starkem Fernglas – um sich kurz darauf etwas mitgenommen aber dennoch erleichtert lächelnd dem Publikum für den begeisterten Schlussapplaus zu präsentieren.

Charles E. Ritterband, 20. Juli 2018, für
klassik-begeistert.de

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