Festival d’Aix-en-Provence: eine magische Vermischung von Musik mit den Lichtspielen des Himmels

Richard Strauss, Ariadne auf Naxos,  Festival d’Aix-en-Provence, Théâtre de l’Archevêché, Aix-en-Provence

Ariane à Naxos by Strauss staged by Katie Mitchell – Festival d’Aix-en-Provence 2018 © Pascal Victor / artcompress
Richard Strauss, Ariadne auf Naxos
, 17. Juli 2017
Festival d’Aix-en-Provence; Théâtre de l’Archevêché; Aix-en-Provence

von Phillip Schober

In den französischen Sommerferien, der Spielzeitpause in den Häusern von Paris, reist die Crème de la Crème der internationalen Musikszene nach Südfrankreich zur Präsentation ihrer Künste bei den Festspielen von Aix-en-Provence. Die Open Air Bühne im ehemaligen Erzbischofpalast sowie das Festspielhaus Grand Théâtre de Provence und diverse kleinere Theater bieten klassische Musik und Oper vom Allerfeinsten.

Musikalisch untermalt eines der international angesehensten europäischen Orchester die Opernproduktionen, das Orchestre de Paris. 2018 führte dieses Orchester Richard Strauss’ „Ariadne auf Naxos“, sowie Prokofjews „Der feurige Engel“ auf. Dank spezialisierter Ensembles kommen auch Liebhaber von Barock- und zeitgenössischer Musik auf ihre Kosten, hierbei erlebt das Publikum mitunter auch einige Raritäten. Der späte Beginn der Vorstellung um 22 Uhr sorgte für ein Ende gegen 1 Uhr in der Nacht, denn erst nach Einbruch der Dunkelheit zeigt die Open-Air-Bühne ihren einmaligen Charme. Die Sängerinnen und Sänger wurden bestens besetzt und das lange Aufbleiben lohnte!

Gleich sechs international renommierte Opernhäuser haben diese neue „Ariadne“ in der Regie von Katie Mitchell als Kooperation miteinander produziert. Die Vorstellungen der Open-Air-Bühne des Théâtre de l’Archevêché von Aix-en-Provence finden allesamt ohne Verstärkung durch Lautsprecher und Mikrophone statt. Die akustische Besonderheit dieses seitlich abgeschlossenen französischen Innenhofs machte man sich zu Nutzen, bei blauem Himmel ohne Überdachung klingen Orchester und Sänger tatsächlich so klar und hell wie in einem Opernhaus. Glücklicherweise regnet es während des südfranzösischen Sommers nur selten, denn überdacht ist lediglich die Opernbühne.

Katie Mitchell inszenierte diese „Ariadne“ mit einer sehr feministischen Deutung der Charaktere. Vollkommen zurecht ist ihr Ansatz zu unterstützen, da Richard Strauss seine Frauenrollen stets stark und differenziert darstellte. Seine Tenöre wiederum wirken oft einfältig und den Frauen in allen Eigenschaften unterlegen. Obwohl Mitchells Interpretation mit einer gut einstudierten Personenregie und einem spannenden Bühnenbild aufwartete, verwirrte die Inszenierung die ohnehin komplexe Handlung. Zahlreiche nicht im Libretto enthaltene Statisten, nachträglich eingefügte Sprechrollen sowie mehrere parallel verlaufende Handlungsstränge auf den Seitenbühnen lenkten von den intimen Dialogen der Zerbinetta und Ariadne ab.

Manch Besucher reiste durch halb Europa, um Lise Davidsen in der Titelrolle gemeinsam mit Eric Cutler als Baccus hören zu dürfen. Ganz Norwegen feiert sie schon heute als die neue Kirsten Flagstad. Davidsen steht noch am Anfang ihrer Karriere und debütierte erst kürzlich auf der ganz großen Opernbühne in Wien sowie bei den Festspielen in Glyndebourne. Ihre Aussprache war eine Perfektion, ihre Stimme strahlte gleichzeitig Kraft und Wärme aus. Nachdem sie das Publikum ihrer Heimat ins Herz geschlossen hat, wird die heute 31-Jährige in wenigen Jahren die Häuser der ganzen Welt als Isolde oder Brünnhilde erobern, soviel sei bei dem hohen Potential ihrer Stimme schon versprochen.

Eric Cutler braucht sich hinter den Leistungen der Ariadne nicht zu verstecken. Er wirkt sympathisch und trifft die hohen Töne ohne jede Mühe. Leider singt Cutler jährlich nur zwei oder drei Opernvorstellungen, seine Karriere gilt es weiter zu verfolgen! „Bin ich ein Gott, schuf mich ein Gott?“, fragt er als Baccus in seinem Schlussduett – die Zuhörer möchten ihm entgegen „Ja, ein Tenor mit göttlichem Legato“.

Angela Bower als Komponist sang mit vollster Hingabe. Ob frech, erzürnt oder am Boden zerstört: Bower wechselt minütlich in allen Gefühlslagen ihrer Rolle umher. Übertroffen wurde sie lediglich von der einmaligen Zerbinetta der Sabine Devieilhe. In ihrer Koloratur-Arie „Großmächtige Prinzessin“ sang sie mühelos über alle Oktaven, während sie gleichzeitig mit dem Haushofmeister tanzte. Ihr Trällern wurde sicherlich durch den Wind bis an die Mittelmeerküste getragen.

„Hingegeben war ich stumm!“, war auch das gesamte Publikum und spendete nach der Zerbinetta-Arie tosenden Applaus. Das Orchester musizierte traumhaft, die Musik wog sich in den Farben der südfranzösischen Abenddämmerung. Eine magische Vermischung von Musik mit den Lichtspielen des Himmels: Diesen Moment kann kein anderes Opernhaus je bieten.

Musikalische Leitung, Marc Albrecht
Inszenierung, Katie Mitchell
Primadonna / Ariadne, Lise Davidsen
Der Tenor / Bacchus, Eric Cutler
Zerbinetta, Sabine Devieilhe

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