Bizets „Carmen“: Entstaubt und vom Pathos befreit in der Deutschen Oper Berlin

Georges Bizet, Carmen  Deutsche Oper Berlin

Foto: Ruth Tromboukis (c)
Deutsche Oper Berlin
, 16. Juni 2018
Georges Bizet, Carmen

von Regine Neudert

Noch bevor die Ouvertüre erklingt, versuchen die Besucher der „Carmen“-Dernière an der Deutschen Oper zu erraten, wessen Auge da vom Vorhang auf sie herunterblickt. Ist es das Auge eines Fisches? Ein gehäuteter Tierkopf? Tatsächlich ist es das überdimensionale Herz eines Stiers. Carmen als Stier, die gezähmt und schließlich getötet werden muss?

Der Vorhang hebt sich und gibt den Blick frei auf eine Carmen, die einsam rauchend in der Mitte einer Tribüne sitzt. Von der Decke baumelt ein lebensgroßer Stier. Bereits dieses erste Bild sorgt für Raunen im Publikum, und die Spannung auf das, was jetzt folgt, steigt spürbar.

Die Deutsche Oper Berlin hat seit Januar eine Neuinszenierung des Opernriesen „Carmen“ im Repertoire. Als Regisseur engagierte man den Norweger Ole Anders Tandberg, dessen Regie-Debut „Lady Macbeth von Mzensk“ bereits zu einem Geheimtipp wurde. Seine Interpretation der „Carmen“ ersetzt die naturalistische Inszenierung Peter Beauvais’, auf die sich nach etlichen Jahren im Repertoire eine dicke Staubschicht gelegt hatte.

Dass sie ein großes Risiko eingehen, wird allen Beteiligten an der Deutschen Oper bewusst gewesen sein. Doch wo könnte man besser mit dieser so vielfältig zu deutenden und schwer zu inszenierenden Oper experimentieren als an diesem Haus?

Tandbergs Ergebnis ist mehr als eine entstaubte „Carmen“. Vom naturalistischen Pathos befreit probiert er sich an neuen Lesarten und versieht seine „Carmen“ mit viel Symbolik. Der tote Stier, düstere Lichtstimmungen, Waffen, Zigarettenqualm und der allgegenwärtige Tod (der bestens studierte Kinderchor scheint der mexikanischen „Día de los Muertos“-Tradition entsprungen) bilden die Basis.

Hinzu kommt ein eher minimalistisches Bühnenbild mit der Drehbühne im Fokus. Ein Gebilde, das die Tribüne einer Stierkampfarena andeutet, dreht sich im Zentrum, wird von allen Seiten bespielt und verwandelt sich in der Imagination der Zuschauer in den jeweils benötigten Ort.

Das Bühnenbild (Erlend Birkeland) funktioniert und bietet dem Ensemble viel Raum, den die gelungene Personenführung Tandbergs zur Genüge ausnutzt. Was leider unangenehm auffällt, sind die deutlich hörbaren Geräusche der Bühnentechnik. Es ächzt und knarrt den Abend hindurch. Überdies gibt es nicht weniger als drei minutenlange Umbauten, die im Publikum Verwirrung stiften.

Regisseur Ole Anders Tandberg inszeniert Carmen im wallend roten überdimensionierten Kleid als Klischee ihrer selbst. Solide meistert Clémentine Margaine diese schwierige Partie, mit der sie aktuell an allen großen Opernhäusern gefragt ist. Sie gibt ihrer Rolle eine Souveränität, die ihre Kraft vor allem aus einer eindrucksvoll ruhigen Bühnenpräsenz schöpft. Diese Stimme mag keine klassische Schönheit sein, an Charakter fehlt es ihr jedoch nicht.

Die Beziehung zu José, verkörpert von Charles Castronovo, ist von Leidenschaft und Körperlichkeit geprägt. Das intensive Spiel der beiden trägt den gesamten Abend. Mit seinem baritonalen Tenor singt Castronovo die Partie kraftvoll, ist aber auch zu gefühlvollen Piani fähig.

Die Beziehung zwischen José und Micaëla zeichnet diese Inszenierung übertrieben intim, was zwischenzeitlich zum Schmunzeln verleitet. An diesem Abend darf sie José gleich mehrmals um den Hals fallen. Generell wird viel geküsst. Federica Lombardi phrasiert makellos, agiert als Micaëla jedoch streckenweise steif und uninspiriert.

Immer wieder sorgen Elemente dieser „Carmen“ für Lacher im Publikum. Komische Momente wie die Choreografie der Schmuggler zu Beginn des dritten Akts oder Josés Mutter, die in Vielgestalt mit Handtäschchen über die Bühne huscht, lassen erahnen, dass Ole Anders Tandberg die Gattungsbezeichnung „Opéra-comique“ vielleicht etwas zu wörtlich genommen hat. Diese Auflockerung tut dem Werk jedoch erstaunlich gut!

Den Abend rahmt eine leichte Veränderung der Schmuggler-Handlung. Carmen und ihre Bande handeln illegal mit Organen, die auch mal durch die Gegend fliegen. Konsequent zieht sich diese Regie-Idee durch die gesamte Inszenierung. In Organen meint Carmen ihre Zukunft zu erkennen. Die Idee gipfelt in dem starken Schlussbild nach der Ermordung Carmens: José entfernt ihr Herz und hält es in seinen blutverschmierten Händen bis der Vorhang fällt.

Musikalisch lässt der Abend nichts zu wünschen übrig. Ivan Repušić führt das glänzend aufgelegte Orchester der Deutschen Oper mit flotten Tempi durch die Partitur. Der Opernchor leistet Passables, lässt allerdings streckenweise etwas Spielfreude vermissen. Insgesamt ist die Vorstellung von einer hohen Lautstärke geprägt, was an dem Bühnenbild liegen dürfte.

Trotz kleiner Ungereimtheiten ist diese Neuinszenierung der „Carmen“ handwerklich gelungen und eine absolute Bereicherung im Repertoire des Hauses an der Bismarckstraße. Das mitfiebernde, lebhaft kommentierende Publikum bestätigt die Qualität des Abends mit stehenden Ovationen.

Ab dem 6. Januar 2019 wird Tandbergs Carmen-Inszenierung wieder an der Deutschen Oper Berlin zu sehen sein.

Regine Neudert, 17. Juni 2018, für
klassik-begeistert.de

Musikalische Leitung, Ivan Repušić
Inszenierung, Ole Anders Tandberg
Bühne, Erlend Birkeland
Kostüme, Maria Geber
Licht, Ellen Ruge
Chöre, Jeremy Bines
Kinderchor, Christian Lindhorst
Choreografie, Silke Sense
Dramaturgie, Jörg Königsdorf, Katharina Duda
Carmen, Clémentine Margaine
Frasquita, Meechot Marrero
Mercédès, Jana Kurucová
Micaëla, Federica Lombardi
Don José, Charles Castronovo
Moralès, Thomas Lehman
Zuniga, Noel Bouley
Escamillo, Samuel Dale Johnson
Remendado, Paul Kaufmann
Dancairo, Jörg Schörner
Kinderchor der Deutschen Oper Berlin
Chor der Deutschen Oper Berlin
Orchester der Deutschen Oper Berlin

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