Cecilia Bartoli in Perfektion - da wird einem beim Zuhören fast schwindelig

Gioachino Rossini, La Cenerentola, Cecilia Bartoli, Les Musiciens du Prince,  Elbphilharmonie Hamburg

Foto: Claudia Höhne (c)
Gioachino Rossini
La Cenerentola
/ Komische Oper in zwei Akten
Konzertante Aufführung in italienischer Sprache
Les Musiciens du Prince
Männerchor der Opéra de Monte-Carlo
Cecilia Bartoli
Angelina
Edgardo Rocha Don Ramiro
Alessandro Corbelli Dandini
Carlos Chausson Don Magnifico
Sen Guo Clorinda
Irène Friedli Tisbe
Ugo Guagliardo Alidoro
Gianluca Capuano Dirigent
Claudia Blersch Regie
Elbphilharmonie, 13. Februar 2017

von Ricarda Ott

Die Elbphilharmonie kann auch Opernbühne sein! Am Montagabend begeisterten die Solisten, der Männerchor der Opera de Monte-Carlo und das Orchester „Les musiciens du Prince“ unter der Leitung von Gianluca Capuano die Hamburger Gäste. Allen voran die Mezzosopranistin und „Koloratur-Göttin“ Cecilia Bartoli in ihrer Paraderolle der Cenerentola, des Aschenbrödels, aus Gioachino Rossinis gleichnamigem Belcanto-Meisterwerk (1817). Das Publikum tobte – was für ein grandioser Abend!

Mit Bartoli betrat erneut ein internationaler Klassik-Superstar die neue Bühne an der Elbe: über zehn Millionen Mal sind ihre Bild- und Tonträgeraufnahmen weltweit verkauft worden. Und schon bei ihren ersten Tönen – der liedhaft-lieblich vorgetragenen Kavatina der Cenerentola/Angelina „Una volta c’era un re“ / „Es war einmal ein König“ – war klar: das wird heute Abend ein ganz großes Ereignis.

Scheinbar mühelos tanzt Bartoli mit ihrer im Ausdruck voller und schwerer gewordenen Stimme durch alle Register: dunkel schimmernd in der Tiefe, gleisend-hell schillernd in der Höhe. Dabei gibt sie diese anspruchsvolle Rolle in einer technischen Perfektion, dass einem beim Zuhören schwindelig werden kann.

Halsbrecherisch schnelle Koloraturen und kleine, detaillierte Fiorituren erklingen bei ihr voll ausgesungen und präzise. Dazu getragene Lyrismen in einer zum Niederknien schönen musikalischen Sättigung: Bartoli ist eine große Meisterin des Belcanto. Als wäre es nicht schwerer als das Ein- und Ausatmen strömen die schönsten Töne aus der gebürtigen Römerin. Es ist eine wahre Freude, ein unvergessliches Erlebnis, dieser Ausnahmekünstlerin zuzuhören.

Auch schauspielerisch ist sie voll da. Liebenswürdig vom ersten Augenblick, mit starkem Willen und großherzigem Mut stattet sie die Cenerentola aus. Ihre Augen funkeln, ihre Mimik und Gestik strahlen pure Spielfreude aus. Die Bühne gehört ihr, dort ist sie Zuhause.

Doch der Abend besticht tatsächlich nicht nur durch die umwerfende Darbietung Bartolis. An ihrer Seite agieren die Protagonisten aus Rossinis berühmtem Zaubermärchen alle überzeugend und mit großer Freude. Insbesondere der Bariton Allessandro Corbelli in der Rolle des Dandini und der Bass Carlos Chausson als verarmter Baron und Vater der drei Töchter Don Magnifico geben ihre Rollen in bester Buffo-Manier.

Mit Kostümen und Requisiten ausgestattet, mit viel Schwung und Witz, zeigen die Protagonisten eine sehr „szenische“ konzertante Version der vor fast genau 200 Jahren in Rom uraufgeführten Oper. Gut so, denn wie soll man sonst all die Verwechslungs-Streiche und die großartig überzeichneten Charaktere dieses „Dramma giocoso“ darstellen?

Mit Spielspaß und Charme wird die Bühne zur „Slapstick-Manege“: die beiden Schwestern Clorinda und Tisbe streiten sich zankend um und mit Cenerentola, der Prinz gibt sich als sein Diener, dann später wieder als Prinz aus; Don Magnifico taumelt, nach dem Genuss von etlichen Gläsern Wein zum Kellermeister ernannt, herrlich betrunken über die Bühne und Cenerentola, die in einem weiß-silbernen Traumkleid doch noch auf dem Ball erscheint, jagt ihre Schwester vor Überraschung prompt in die kurzzeitige Ohnmacht.

Das Publikum lacht, das Publikum klatscht. Die 3 ½ Stunden gehen bestens unterhaltend wie im Flug vorbei.

Und all der Spaß im Schauspiel, nun, der kommt nicht nur aus dem Libretto. Der kommt vor allem aus der Musik. Meisterlich, wie Rossini diese Charaktere vertont, wie er Witz, Missgunst, Pomp und wahre Gefühle zu Musik macht. Legendär sind natürlich vor allem die Koloratur-Girlanden, die sprachakrobatischen Staccato-Salven und die genial miteinander verflochtenen Ensemblestücke. Das lässt einen sprachlos staunend lauschen. Das ist ein Stück zeitloser Operngeschichte.

Die bereits erwähnten Herren Corbelli und Chausson zeigen sich stimmlich äußerst gelenkig und mit großer Kondition. Beide kennen ihre Rollen gut. Chausson ist neben Bartoli sogar ein zweiter Protagonist aus der legendären Züricher Cenerentola-Inszenierung von 1994 (Regie: Cesare Lievi), die dort bis heute läuft und an die sich die halbszenische Inszenierung anlehnte (Claudia Blersch war damals Regiesassistentin).

Edgardo Rocha gab den verliebten Prinzen Don Ramiro mit einem geschmeidigen und in den Höhen flexiblen lyrischen Tenor. Vor allem mit der dreiteiligen Arie „Sì, ritrovarla io giuro“ konnte er das Publikum begeistern.

Die chinesische Sopranistin Sen Guo als Clorinda und die Schweizer Mezzosopranistin Irène Friedli gaben die zänkischen, neidischen Schwestern. Mit schön austarierten Einzelstimmen plapperten und schnatterten sie wort- und klangstark meistens gut aufeinander abgestimmt um die Wette. Auch der Bass Ugo Guagliardo in der Rolle des für den gewissen Zauber zuständigen Alleskönner Alidoro konnte überzeugen. Vor allem die Verkündungsarie „Là del ciel nell’arcano profondo“ beeindruckte nachhaltig.

Last not least das Orchester und der Chor des Abends: Während der Männerchor mehrmals kurz und vor allem bei den beiden Aktschlüssen gefragt und immer auf den Punkt da war, waren die „Musiciens du Prince“ mit Gianluca Capuano (eingesprungen für Diego Fasolis) im Dauereinsatz.

Schon die fetzige Sinfonia zeigte, dass es sich hier um Spezialisten dieses Repertoires handelt: mit wohlproportioniertem, authentischem Klang – gespielt werden historische Instrumente – und hochversierter Technik ausgestattet, meisterten sie diesen Rossini spielerisch leicht und boten den Darstellern die musikalische Grundlage für einen Abend der Superlative.

Ein kleines Manko gab es dann aber doch. Der Dirigent hatte vielleicht den schwersten Job an diesem Abend erwischt, musste er sich doch dem Unterfangen eines „360°-Dirigats“ stellen: Während die Musiker und der Chor wie gewohnt im Halbkreis vor dem Dirigenten saßen, agierten die Darsteller meistens an der Rampe zwischen Dirigent und Publikum. Da musste sich Capuano drehen und wenden und bei allzu wilden Stretta-Schlüssen oder Tutti-Einsätzen ab und an die ganz großen Armgesten auspacken, um wahlweise die Solisten oder die Musiker zusammenzuhalten.

Nun ja, es ist halt doch ein Konzertsaal, dieser Große Saal, der nicht alle Vorteile eines klassischen Opernhauses erfüllen kann und muss. Aber darum geht es an diesem Abend auch gar nicht. Wenn die hundert Glaskugelleuchten im Saal zur Gewittermusik aufgebracht zu flackern und leuchten beginnen, wenn die Cenerentola gemeinsam mit ihrem Verbündeten Alidoro den Gang zwischen den Sitzreihen im Block A hinabschwebt und wenn sich die Sänger um ihre eigenen Achsen drehen, um auch wirklich jedem Gast im Saal – auch denen auf den Plätzen hinter der Bühne – ihr Können zu zeigen: dann sind das Effekte, die einen Abend nur noch schöner machen können.

Frenetischer Jubel schon während der letzten Takte, stehende Ovationen und Fußgetrappel. Was für eine Atmosphäre in der Manege! An der Bühnenrampe bildet sich eine Traube aus Menschen: alle wollen sie diese Aufführung feiern, alle wollen sie den Star des Abends feiern: Cecilia Bartoli. Solche Abende möchte man noch ganz oft erleben.

Ricarda Ott, 14. Februar 2017,
für klassik-begeistert.de

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