Altmodischer Augenschmaus: Giuseppe Verdis Aida am Prager Nationaltheater

Giuseppe Verdi, Aida, Národní divadlo / Nationaltheater Prag, 5. Juli 2019

Foto: Oldřich Pernica and Dan Jäger ©
Giuseppe Verdi, Aida, Národní divadlo / Nationaltheater Prag, 5. Juli 2019

Musikalische Leitung: Richard Hein
Regie: Petar Selem
Aida: Anda-Louise Bogza
Amneris: Veronika Hajnová
Radames: Michal Lehotský
Pharao Ramses: Oleg Korotkov
Amonasro: Richard Haan
Ramphis, Oberpriester: Peter Mikuláš

von Kirsten Liese

Es kommt einem vor, als würde man eine  Zeitreise  in die 1970er- oder frühen 1980er-Jahre antreten. Zwar fällt die Ausstattung weniger opulent aus als damals in Produktionen an renommierten großen Bühnen. Aber mit ägyptischen Statuen und Stelen von Pharaonen neben Tempelwänden und Gemäuern bedient die Inszenierung des Kroaten Petar Selem im Prager Nationaltheater doch eine ansprechende Ästhetik, die sofort erkennen lässt, in welcher Oper man sich befindet. 

An einer westeuropäischen Bühne, wo Verdis „Aida“ bisweilen szenisch schon bis zur Unkenntlichkeit entstellt wurde wie 2015 an der Deutschen Oper Berlin in der Regie von Benedikt von Peter, wäre eine solche Aufführung vermutlich kaum noch denkbar. Sie würde von nicht wenigen Kritikern und Kritikerinnen als konventionell und altmodisch abgetan. Aber umso dankbarer stürzen sich des Regietheaters müde Touristen ins das tschechische Nationaltheater in Prag, wo die Produktion zu einem Dauerbrenner geworden ist. In der von uns besuchten 358. Vorstellung jedenfalls war das prächtige vergoldete Logentheater ausverkauft.

Optisch wird dank herrlichen, archaischen, an historische Monumentalfilme erinnernden Kostümen sowie virtuosen Tanz- und Balletteinlagen viel geboten. Nur die Personenregie erscheint statisch, einfallslos und blass. Jedenfalls blieb die große gegenseitige, chancenlose Liebe, die Aida und der siegreiche Held Radames sich mehrfach allen Widrigkeiten zum Trotz bekunden, so wie die beiden überwiegend wie angewurzelt an der Rampe standen, noch dazu voneinander abgewandt, nur eine  Behauptung.

Michal Lehotský, (c) Tact4art.com

Stimmlich aber ließen sich hier international (noch) weniger bekannte tolle Stimmen mit großem Potenzial entdecken, jenseits der üblichen prominenten, an den großen Häusern herumgereichten Namen. Allen voran der slowakische Tenor Michal Lehotský sang seinen Radames mit der gebotenen Strahlkraft und schmelzreichem Belcanto, schon in seiner ersten Arie „Celeste Aida“, die derzeit niemand noch besser singt außer vielleicht der polnische Weltstar Piotr Beczala.

Eine wunderbare schlanke, schöne, große Mezzo-Stimme bescherte dazu die Slowakin Veronika Hajnová als Amneris, deren Interpretation der Arie  „Vieni, amor mio, ravvivami“ es auch nicht an Sinnlichkeit und Erotik fehlte.

Die Titelpartie war mit der Rumänin Anda-Louise Bogza zwar nicht ideal, aber allemal achtbar besetzt. Ihr gereifter Sopran besitzt die geforderte dramatische Größe und Strahlkraft, gerät aber an in den Spitzen so anspruchsvoller Arien wie dem „O patria mia, mai più ti rivedrò!“ in unschönes Flackern.

Einen blassen Eindruck hinterließ der aus der Ostslowakei kommende  Richard Haan als Aidas Vater Amonasro, dessen Bariton vor allem in der Mittellage und Tiefe etwas dünn und unscheinbar klang.

Eine Wucht dagegen der Russe Oleg Korotkov als Ägypterkönig Ramses, ein ungemein mächtiger, geschmeidiger, an den legendären Nicolai Ghiaurov erinnernder Bass, der sich noch auf die hohe Kunst des Legatosingens versteht. Ihm steht gewiss noch eine große internationale Karriere bevor.

Einen starken Eindruck hinterließen bei alledem Chor und Opernorchester des Prager Nationaltheaters, die jenseits jeglicher Routine unter der Leitung von Richard Hein alles aufboten, was dieses Werk ausmacht: prachtvollen Glanz mit erstklassig disponierten Solo-Trompeten beim Triumphmarsch, exotische Sinnlichkeit und anrührende Zärtlichkeit im finalen Liebesduett.

Das alles aber täuschte nicht darüber hinweg, dass sich am Prager Nationaltheater eine Krise anbahnt. So wurden vor der Vorstellung Flugblätter verteilt, auf denen Mitarbeiter des Dreispartentheaters an der Auswahl des neuen Intendanten Per Boye Hansen Anstoß nehmen. Die Unterzeichner werfen dem Norweger vor, das Haus mangels grundlegender Visionen und Souveränität in der Spielplangestaltung in eine Krise zu führen und verlangen seine Absetzung und eine transparente Neubesetzung seines Postens.

Kirsten Liese, 9. Juli 2019, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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