Umjubelte Wiederentdeckung eines Verdi-Juwels: „Luisa Miller“ in Wuppertal

Giuseppe Verdi, Luisa Miller (Premiere),  Oper Wuppertal

Izabela Matula (Luisa) und Michael Tews (Wurm)
Foto:
© Jens Grossmann
Oper Wuppertal, 8. Dezember 2018
Giuseppe Verdi, Luisa Miller (Premiere)

Musikalische Leitung, Julia Jones
Inszenierung, Barbora Horáková Joly
Bühne, Andrew Lieberman
Kostüme, Eva-Maria Van Acker
Choreografie, James Rosental
Dramaturgie, David Greiner
Luisa, Izabela Matula
Graf von Walter, Sebastian Campione
Wurm, Michael Tews
Laura,Iris Marie Sojer
Rodolfo, Rodrigo Porras Garula
Federica, Nana Dzidziguri
Miller,Anton Keremidtchiev
Ein Bauer, Sookwang Cho
Chor, Markus Baisch
Chor und Extrachor der Wuppertaler Bühnen
Sinfonieorchester Wuppertal

von Ingo Luther

Warum steht Luisa Miller eigentlich so selten auf den Spielplänen der Opernhäuser? Mit dem a-cappella-Quartett und dem Duett zwischen zwei Bass-Stimmen im zweiten Akt enthält Luisa Miller sogar ein paar besonders exquisite musikalische Kostbarkeiten. Und auch sonst zeigt sich Luisa Miller bereits auf einer erstaunlichen musikalischen Augenhöhe mit den vielgespielten Werken aus der mittleren und späteren Schaffensperiode des Meisters aus Roncole. Es gibt also eine Menge guter Gründe, um diese Oper wieder aus der Versenkung zu holen!

Giuseppe Verdi war bereits ein gefeierter Star unter den Komponisten als mit Luisa Miller am 8. Dezember 1849 im Teatro San Carlo in Neapel seine vierzehnte Oper uraufgeführt wurde. Seine dritte Vertonung eines literarischen Stoffes von Friedrich Schiller nach Giovanna d’Arco („Die Jungfrau von Orléans“) und I masnadieri („Die Räuber“). In der Dynamik und Melodik der Musik ist bereits der nur wenige Jahre später folgende Geniestreich mit der Trilogia popolare vorauszuahnen, der kurzen Abfolge von Rigoletto, Il trovatore und La traviata.

Das Libretto von Salvatore Cammarano reduziert die weit kompliziertere Schiller-Vorlage von „Kabale und Liebe“auf die klassischen Verdi-Eckpfeiler: Liebe, Eifersucht, Intrige und Tod. Die junge Regisseurin Barbora Horáková Joly inszeniert den Stoff als psychologisches Familien-Drama zwischen fünf Menschen. Zwei Väter, die ihr extrem gegensätzliches Handeln mit Vaterliebe begründen, und zwei Liebende, die sukzessive in einen tödlichen Sog gezogen werden.

Wie ein roter Faden zieht sich die atmosphärische Verwandlung der Bühne (Andrew Lieberman) von unschuldigem Weiß in ein immer bedrückenderes Schwarz durch ihre Arbeit. Unterstrichen wird dies durch ein Tanzensemble, dass während seiner Auftritte damit beschäftigt ist, mit schwarzer Farbe das Weiß der Wände zu verunstalten und dabei auch nicht vor der „Bemalung“ der handelnden Personen Halt macht.

Zwei Kinderdarsteller, die die jungen Rodolfo und Luisa darstellen, treten ebenfalls immer wieder auf und schreiben schon während der Ouvertüre die Worte „Amore“ und „Intrigo“ auf die weiße Wand. Im Fortgang wird das „Amore“ dann durch den Jungen bis zur Unkenntlichkeit übermalt – Zeichen dafür, dass auch Rodolfos Liebe zu Luisa durch das Intrigenspiel Wurms in ein teuflisches Geflecht aus Zweifel und Zerstörung gerät.

Die Regiearbeit von Barbora Horáková Joly trägt zum Teil verstörende Züge. Wenn die Tänzer und Tänzerinnen im ersten Akt in große Blechfässer steigen und mit zähflüssiger, schwarzer Farbe übergossen werden, dann erzielt dies zwar eine enorm plakative Wirkung, dem Erzählfortschritt der Geschichte hilft es nicht.

Auch wenn sich die Regieeinfälle dem Betrachter nicht immer erschließen, eines kann man Horáková Joly auf keinen Fall vorwerfen: Statische Personenführung und Langeweile. Das Gegenteil davon bringt die gebürtige Tschechin auf die Bühne: Klar gezeichnete Handlungslinien, detaillierte Charakterbeschreibungen und eine sich stetig entwickelnde optische Umsetzung der sich verändernden Atmosphäre. Die Frage, ob all dies schlüssig und schön anzuschauen ist, ist ähnlich müßig wie die Diskussion um das Regietheater.

Die Wuppertaler Generalmusikdirektorin Julia Jones kann ihrem ohnehin schon umfangreichen Verdi-Repertoire ein weiteres Werk hinzufügen. Die britische Dirigentin gastierte bereits an renommierten Häusern wie der Wiener Staatsoper, der Dresdner Semperoper oder dem Gran Teatre del Liceu in Barcelona. Seit dem Sommer 2016 leitet sie das Wuppertaler Sinfonieorchester. Diesem Orchester, das aus der 1862 gegründeten Elberfelder Kapelle hervorgegangen ist, standen in seiner langen Historie schon Legenden wie Otto Klemperer, Hans Knappertsbusch oder Erich Kleiber vor.

Julia Jones ist an diesem Abend der heimliche Star: Akzentuiert, zupackend und voller glühender Italianità treibt sie das Orchester zu einer wahrlich meisterhaften Verdi-Darbietung an. Hier stimmt einfach alles: Eine sehr sorgfältige, achtsame Sänger-Führung und ein wunderbar sattes Ausmusizieren der Partitur. Ein Sterne-Menü für den Akustik-Gourmet – feinstes Rinderfilet statt Currywurst am Rande des Ruhrgebiets!

Die Polin Izabela Matula ist eine Luisa von bedrückender Intensität und ihr Spiel zeichnet facettenreich und sensibel die verschiedenen Gefühlswelten. Ihre Stimme transportiert zu Beginn Naivität und Unschuld, mit der Verzweiflung über den Verrat ihrer Liebe und der großen Arie „Tu puniscimi, o Signore“ bringt sie dann ihre gesamten Ressourcen eindrucksvoll zum Einsatz. Hier meint man manchmal die rasende Wut einer Floria Tosca herausblitzen zu hören. Im dritten Akt bringt sie ihre Stimme in der Höhenlage zum strahlenden Leuchten und verwöhnt das Publikum mit ihrem glänzenden, technisch wunderbar balancierten Sopran.

Da zum Zeitpunkt der Entstehung des Werkes keine zweite weibliche Hauptrolle innerhalb eines Ensembles zugelassen wurde, musste Verdi die Rolle der Federica in ihrer Präsenz arg reduziert auf die Bühne bringen. An diesem Abend ist dies sehr schade. Wie gerne hätte man viel mehr von dem luxuriösen Mezzosopran der Georgierin Nana Dzidziguri hören mögen! Das Wuppertaler Publikum darf sich demnächst auf eine sicherlich feurige, edle Carmen-Interpretation dieser Sängerin freuen.

Auch der Rodolfo ist in Wuppertal mit einem jungen, hoch talentierten Sänger besetzt. Der Mexikaner Rodrigo Porras Garulo sang u.a. bereits den Cavaradossi aus Toscaam Badischen Staatstheater in Karlsruhe und besitzt sowohl die Aura als auch die Stimme für einen formidablen Verdi-Helden-Tenor. Nach einem etwas verhaltenen Beginn strahlt seine Stimme am Ende in einem leuchtenden, tenoralen Glanz. Das abschließende Duett mit Luisa „Piangi, piangi il tuo dolore“ wird dabei zum unumstrittenen gesanglichen Höhepunkt an diesem Premieren-Abend.

Anton Keremidtchiev verfügt wohl über die umfangreichste gesangliche Erfahrung aller Protagonisten an diesem Abend. Sein warm temperierter, blitzsauberer Bariton transportiert den liebenden Vater glaubhaft auf die Bühne.

Mit Sebastian Campione steht ein Sänger aus dem Wuppertaler Ensemble auf der Bühne, der mit seinem flexiblen, klaren Bass dem Charakter des Grafen von Walter Finsternis und Boshaftigkeit verleiht.

Michael Tews verkörpert authentisch die Rolle des intriganten Wurm, der sich mit seiner fleischfarbenen Maske in den Widerling verwandelt, der der unschuldigen Luisa mit seinem boshaften Spiel die Unterschrift für den Liebesverrat an Rodolfo abringt.

Zusammen mit den solide besetzten Rollen der Laura (beachtlich Iris Marie Sojer!) und einem Bauern (Sookwang Cho) bringt die Oper Wuppertal eine hervorragende gesangliche Qualität auf die Bühne. Einen großen Anteil hat hieran auch der Chor und der Extrachor der Wuppertaler Bühnen unter der Leitung von Markus Baisch. Mit Präzision und dynamischer Kraft wird hier eine Verdi-Welle erzeugt, die den gesamten Abend trägt. Chor und Solisten dürfen zudem häufig direkt an der Rampe singen und können so eine ungeheure Intensität und Dichte erzeugen.

Auf den Tag genau 169 Jahre nach der Uraufführung in Neapel gelingt der Oper Wuppertal eine spektakuläre Wiederentdeckung des viel zu selten gespielten Werkes. Das Wuppertaler Publikum feiert diese Luisa Miller-Produktion mit langanhaltendem, leidenschaftlichen Applaus. Auch das Regieteam bleibt dabei von jeglichen Unmutsäußerungen verschont – nach dem Gewinn des Preises in der Kategorie „Newcomer des Jahres“ bei den International Opera Awards 2018 darf man von Barbora Horáková Joly auch in der Zukunft manch spektakuläre Inszenierung erwarten.

Die Wuppertaler Luisa Miller kann man noch am 14.12.18, 22.12.1827.01.19, 17.02.19und am 28.02.2019 im Haus an der Kurt-Drees-Straße erleben. Ein spannender Opernabend ist garantiert!

Ingo Luther, 10. Dezember 2018, für
klassik-begeistert.de

 

 

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