Mit Luisa Miller hat die Wiener Staatsoper Verdi einen Bärendienst erwiesen

Giuseppe Verdi, Luisa Miller  Wiener Staatsoper, 20. Februar 2026

Luisa Miller © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Giuseppe Verdi, Luisa Miller
Text  Salvadore Cammarano nach Friedrich Schiller

Musikalische Leitung  Michele Mariotti
Orchester und Chor der Wiener Staatsoper

Inszenierung & Bühne Philipp Grigorian

Kostüme  Vlada Pomirkovanaya
Choreografie  Anna Abalikhina
Licht  Franck Evin
Video  Patrick K.-H.

Besetzung:

Luisa Miller   Nadine Sierra
Vater Miller   George Petean
Graf von Walter   Roberto Tagliavini
Rodolfo   Freddie De Tommaso
Wurm   Marko Mimica
Federica   Daria Sushkova
Laura   Teresa Sales Rebordao

Wiener Staatsoper, 20. Februar 2026

von Dr. Charles E. Ritterband

Nach 35 Jahren ist Verdis zu Unrecht von den großen Opernbühnen eher vernachlässigte „Luisa Miller“ an die Wiener Staatsoper zurückgekehrt – und dies ist erst die zweite Inszenierung des Hauses am Ring.

Die Staatsoper hat sich geraume Zeit gelassen mit diesem musikalisch wertvollen Werk nach Schillers „Kabale und Liebe“ mit seinen herrlich klangvollen Arien – und hat dem italienischen Großmeister der Oper buchstäblich einen Bärendienst erwiesen.
Während durchwegs großartige Vokalleistungen zu hören waren und das Orchester brillierte, verbockte die Regie (erstmals an der Staatsoper: Philipp Grigorian) die ohnehin diffizile Handlung gründlich. Als ein roter Kuschelbär sich zum nicht geringen Ergötzen des Publikums selbständig zu machen begann und mit seinen Plüschfäustchen auf den bösen Grafen von Walter einzuhämmern begann, war das durchaus metaphorisch zu verstehen.

Mit dieser teils grotesken, übertrieben aufwendigen und zugleich ins Lächerliche abgleitenden Inszenierung hat die Staatsoper dieser doch wunderbaren Verdi-Oper im wahrsten Sinne des Wortes einen Bärendienst erwiesen.

Der unselige Grigorian (Hausdebütant – ein wenig überzeugender Start in diesem Haus) zog alle Register mit knallbunten und aufwendigen Bühnenbildern und einer statischen, mit sinnlosen Balletteinlagen in pastellfarbenen Kostümen verzuckerten Regie: die Inszenierung bot keinerlei Aufschluss oder Annäherung an die komplexe Geschichte, die da erzählt wurde – oder hätte erzählt werden sollen. Das längst verpönte Rampensingen (in England spottet man über derartig dürftige Regie mit dem treffend scherzhaften Ausdruck „park and bark“ – parken und bellen). Leider gibt auch das Gespräch mit Grigorian im Programmheft nicht wirklich Aufschluss über dessen Intentionen.

Schade, denn dieses Werk gehört in seiner künstlerischen bzw. musikalischen Bedeutung auf einer Stufe mit Verdis Nabucco, Ernani und Macbeth, wie der Verdi-Experte Gabriele Baldini ebenfalls im Programmheft ausführt: „Eine der schönsten Verdi-Opern, die zu Unrecht noch immer nicht zum gängigen Repertoire gehört“.

Schon die Ouvertüre dieser Oper, unter dem höchst einfühlsamen Dirigat mit makellos herrlicher „Italianità“ präsentiert, war ein Hochgenuss. Man merkte bald: diese Musik mit geschlossenen Augen genießen und möglichst nicht auf die Bühne schauen, damit man nicht diese sinnlos aufwendigen Bühnenbilder und irritierenden Geschehnisse anzuschauen hat.

Das begann schon im ersten Akt mit einer gigantischen Szene aus irgendeinem Baumarkt, ganz in Schmelzkäse-Gelb und dem künstlerischen Personal in knallgelben Overalls gehalten. Folgerichtig wird die Geburtstagstorte für Luisa, fernab vom Tiroler Dorf der Story, mit einem Gabelstapler präsentiert. Dann kommt ein russisches Luxusspa, in dem der Schurke vom Dienst, Graf von Walter, sich von nackten Escort-Girls verwöhnen lässt.

Luisa Miller © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Sind die Assoziationen mit der sämtliche Medien beherrschenden Epstein-Affäre zufällig? Am rechten Rand der Bühne eine Wiener Straßenbahn- und Bus-Station an der ein einsamer Fahrgast sitzt, der bis zum Schluss vergeblich auf Tram bzw. Bus wartet. Was soll’s?

Luisa Miller, Nadine Sierra © Susanne Hassler-Smith

Wenn der Grafensohn Rodolfo in einer weißen Rüstung mit Blechschwert und üppigem Federbusch auftritt, und die Herzogin Federica eine blutige Riesen-Axt schwingt oder dann mit einem Medikamentenköfferchen und Latex-Look in Rosa eine Fetisch-Krankenschwester mimt, ist die Grenze zur Lächerlichkeit eindeutig überschritten. Das sollten wohl die verzerrten Erinnerungen des Greises an der Bus-Station sein – plausibel ist das alles nicht.

Egal. Die sängerischen Leistungen waren durchwegs überwältigend an diesem Opernabend vor ausverkauftem Haus (trotz Buhrufen an den Premieren und vernichtender Kritik an der Inszenierung).

Allen voran der unbestrittene Star des Abends, die amerikanische Sopranistin Nadine Sierra mit ihrer strahlenden, leuchtenden, überragend musikalischen Stimme. Und der böse Graf Walter wird von Roberto Tagliavini mit weichem, männlichem dominantem Bass verkörpert, während Marko Mimica als Wurm gekonnt kalt wirkt. Daria Sushkova verleiht der Federica präzise Stimmkraft. Als Rodolfo brilliert – zu Recht ebenso umjubelt wie die Titelfigur – Freddie De Tommaso und als er feinfühlig zur berühmten, schon von allen großen Tenören gesungenen Arie „Quando le sere al placido“ ausholt, bleibt im gebannten Publikum der Staatsoper buchstäblich kein Auge trocken.

Dr. Charles E.  Ritterband, 20. Februar 2026 für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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