Mattes Gold: Verdis "Luisa Miller" überzeugt in der Staatsoper Hamburg

Giuseppe Verdi | Luisa Miller  Staatsoper Hamburg, 31. März 2022

Ich wehre mich entschieden gegen das Verdikt, die Hamburgische Staatsoper sei wie unpoliertes Silber. Ich halte sie für mattes Gold.

Staatsoper Hamburg, 31. März 2022
Giuseppe Verdi | Luisa Miller

von Harald Nicolas Stazol

Quod erat demonstrandum – was zu beweisen war: Wenn man eine Inszenierung von 2014 in 2022 unter Coronabedingungen gibt, ist es recht eigentlich doch eine Neuinszenierung, n’est-ce pas?

Da ist er, der Chor, ganz in Schwarz, aber eben „diesmal“, wie mir eine gediegene Hanseatin erklärt an der Busstation Stephansplatz, in Sichtweite der Oper, „ich sah die Premiere, es war ganz phantastisch, gerade mit dem Chor…!“

Nun: Nun hängt er unter der Decke.

Naja, nicht ganz.

Es mag einer der wenig beachteten Aspekte sein, dass die Logen der Hamburgischen Staatsoper nicht unähnlich nach oben freischwebend angebracht sind, wie die Senatorenlogen im Galaktischen Rat bei „Star Wars“ – jetzt macht das ganze Sinn, singt doch der Chor nun rechts und links in den ersten Logen jene entscheidenden Passagen der „Luisa Miller“ des Giuseppe Verdi – wie bitte? Ja! „Luisa Miller“, weniger bekannt, seltener gespielt, hier nun in Hamburg:

Jeder Chorist hält in der Schwärze des Saales ein Neon-beleuchtetes Notenbrett in der Hand, erst denke ich, das sollen Paparazzi sein. Damit nicht genug der Übertragung: Hängen ja tatsächlich an der Decke des Hauses zur Rechten und zur Linken Monitore, der dem „Star Wars“-Chor den Dirigenten vor Augen führt, fast wie bei George Orwell, denn wir sehen ihn, Paolo Arrivabeni, vom Parkett aus im Orchestergraben eben nicht. Ich spähe also mit dem Glas Richtung Bildschirm, und kann zumindest feststellen, dass sich Maestro wirklich sehr ins Zeug wirft, ich entsinne mich keines Stolperns, sodass man am Ende zu schön anhaltendem Applaus fast überrascht ist, dass es den langen, grauhaarigen Herrn wirklich gibt.

Aber was wir hören, lässt aufhorchen, auch nach acht Jahren, schon bei der Ouvertüre, da ist das Philharmonische Staatsorchester Hamburg einfach tadellos. Nun kann es beginnen, das Werk, das Verdi im Auftrage der Oper von Neapel erschuf, mit 3300 Sitzplätzen die größte Europas, und das unter Zensur und Zeitdruck. Als meine Opernfee flötet, „das ist von Shakespeare“, beginne ich zu zweifeln. Nein, natürlich Schiller, „Kabale und Liebe“ – Verdi wird ja dreimal Schiller vertonen, aber, seien wir ehrlich: Wir hassten das Stück!

Ha! Hätte man es uns Pennälern nur im Musikunterricht vorgeführt! Oder, besser noch, eine Schulklasse aus Steilshoop säße jetzt hier und lauschte den Klassenproblemen, und der kriminellen Macht und der Macht Krimineller und ewiger Liebe. Und einem Dritten Akt, der einfach nur „Gift“ heißt. Da lässt man doch jede PlayStation liegen.

Die Handlung: Luisa, die Bauerntochter, will Rodolfo, vielmehr er sie, der aber der Sohn des Grafen ist, der ihn lieber mit der Herzogin, woraufhin Wurm – Sie sehen, die Handlung erschließt sich mir nicht, einerlei: Die Musik ist wunderschön und die Stimmen. Im Publikum in zweieinhalb Stunden kein Husten, kein Rascheln. Doch „Bravo“, kein „Brava“ für Titelheldin Nino Machaidze, die etwas matt brilliert, was aber im Gesamtbild der Höchstleistungen wenig von Belang.

Graf Walter, ein wunderwarmer, umfangender Vitalij Kowaljow… und nach seiner tiefen Kür ist vor seinem letzten Aufbäumen nach seinem „noNoNO!!!“ im Sinne des Wortes DONNERNDER Applaus zu vernehmen. Man freut sich geradezu mit.

Ist doch da Charles Castronovo, Tenor des Rodolfo, und er, man darf es sagen, vor dem eher kargen Bühnenbild, singt alle an die Wand. Nicht die aus Pappmachée, nein, ich meine die Außenwand der Staatsoper. Vielleicht hört man ihn ja draußen sogar. Zur Freude der Passanten. Ich halte es für möglich.

Von phantastischer Präsenz auch der in allen Registern edle Bariton Franco Vassallo als Miller. Ganz viel Beifall mit Bravo-Rufen vom Publikum.

Ich wehre mich entschieden gegen das Verdikt, die Hamburgische Staatsoper sei wie unpoliertes Silber. Ich halte sie für mattes Gold.

Mattgold wie die auf das Füglichste zu erwähnenden Herzogin Federica, einer entzückend-züchtigen Kady Evanyshyn, selbst in einem Kleide streng spanischen Hofzeremoniells – Velázquez malte so die Infantin – wie es der Chronist zuletzt in der Kostümsammlung im Victoria & Albert Museum in London sah. Da kann man dem Kostüm der Oper rechte Hochachtung zollen – eigentlich sollte jede amtierende Herzogin so angezogen sein.

Allein die Einsätze, die Übergänge, die pianissimi, die tempi – vielleicht wollen ja andere mäkeln?

Der Abend ist dermaßen memorabel, dass der Chronist diese Zeilen rein aus dem Gedächtnis schreibt, da selbst ein Mitnotieren Frevel wäre – ja, ein Sakrileg!

Es gibt Passagen in diesem Werk, die gebieten geradezu Neuanfang, Hoffnung, menschenwürdiges Handeln – wenn da nicht die Autokraten wären, Graf Walter, ein hier fast samtiger Vitalij Kowaljow, ihm nimmt man den fiesen Vater eben auch ab.

Und andere gibt es, wie die der Luisa und Rodolfos, gleich kommt das Gift, da gehen beider Stimmen derart ineinander über, dass man fast sagen möchte, Giuseppe, also ehrlich, die Aida hättest Du Dir sparen können!

Harald Nicolas Stazol, 1. April 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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