Oper Halle: Verdis Messa da Requiem als gewaltobsessive Affenshow im Untergangsszenario

Giuseppe Verdi: Messa da Requiem,  Oper Halle

Foto: (c) Sebastian Hannak
Oper Halle
, 14. September 2018
Giuseppe Verdi: Messa da Requiem

Christopher Sprenger, musikalische Leitung
Florian Lutz, Inszenierung,
Sebastian Hannak, Raumbühne,
Mechthild Feuerstein, Kostüm

von Guido Müller

Die Erde hat sich in einen von affenähnlichen, gewaltobsessiven faschistischen Wesen beherrschten und verseuchten Planeten verwandelt. Dies ist die von Sebastian Hannak dieses Mal mit genug Platz für die Staatskapelle Halle in ihrer Mitte errichtete und mit guter akustischer Einrichtung geschaffene Raumbühne Babylon mit Überresten menschlicher Zivilisation.

Die Zuschauer in der Oper Halle sitzen im Kreis um das Orchester und mitten im Chor. Daher werden die Zuschauer bereits an den Eingängen gebeten Schutzanzüge und Affenmasken zur Tarnung und zum Schutz anzulegen. Später bietet der Chor in den Affenkostümen ihnen Bananen und nach einer Art Vermenschlichung mit biblischem Brudermord und menschlicher Kostümierung Wasser in Cola-Dosen an, auf denen „Dies Irae“ (Tag des Zorns) steht.

Doch die Drohungen der Totenmesse und der Gewaltbereitschaft werden auch durch Simulationen der Massentötung wie in Computerspielen und Virtual-Reality-Kameras auf dem Kopf einiger Zuschauer immer wieder präsent. In dieser Inszenierung kommt bereits der neue Kooperationsvertrag mit der Kunsthochschule Burg Giebichenstein Halle durch die VR-Anwendung von Achim Kolba, Alexandra Rupp und Tim Schuster kreativ zur Ausführung. Weitere Assoziationen an das Hollywood Kino bieten zudem die bunte, stets abwechslungsreiche Inszenierung von Intendant Florian Lutz genug. Der vielfältige Videoeinsatz (Konrad Kästner, Iwo Kurze, Linda Rabisch) hat gegenüber früheren Inszenierungen an der Oper Halle noch deutlich an Qualität gewonnen.

Mit leuchtendem Sopran stellt Romelia Lichtenstein eine blinde Obdachlose dar, die ihr Libera me besonders nachdrücklich zu einem Höhepunkt des Abends gestaltet und dabei sehend wird. Der strahlende und zugleich fein differenzierende Tenor Eduardo Aladrén gibt als Gast überzeugend den Revoluzzer im Che-Guevara-Look.

Die Mezzosopranistin Svitlana Sylvia singt mit Seele und warmen Farben anrührend und packend die Naturwissenschaftlerin, die in ausführlicher politischer und biogenetischer Analyse vor den unzivilisierten gewalttätigen Horden warnt, und Ki-Hyun Park repräsentiert mit sonorem Bass den ewigen-Hippie, der vom freien Leben träumt.

Gegen Ende zelebrieren sie eine Art Abendmahl, nachdem die Affenwesen entweder getötet oder anscheinend befriedet wurden. Nun tauchen die Überlebenden in weißen Kitteln und einheitlichen Frisuren auf und tippen ihre Wünsche in ihre Smartphones, wovon sie individuell befreit werden wollen – von Unwetter bis zu Helene Fischer (Libera me).

So spielt die Inszenierung bewusst offen verschiedene Gesellschaftszustände und religiöse oder pseudoreligiös-faschistische Formationen durch, ohne eine Lösung anzubieten. Kein Trost sondern offene Fragen. Die Suche nach dem Wesen des Humanen bleibt Aufgabe.

In diesem großen neunzigminütigen Werk gebührt in einer musikalisch gelungenen Aufführung wie dieser dem Chor samt Verstärkung an erster Stelle das Lob. Hier kommt die enorme Leistung hinzu, dass jeder Sänger und jede Sängerin des durch Rustam Samedov (der an die Oper Köln wechselt) glänzend und präzise vorbereiteten Chors für sich nicht nur singen, sondern in schweißtreibenden Pelzen und Masken auch noch agieren, springen, klettern und laufen muss (fantasievolle Kostüme von Mechthild Feuerstein).

Dabei zusammen mit der hervorragend differenziert auch in Nebenstimmen spielenden Staatskapelle auch noch die schwierigen verästelten Fugen wie im Sanctus ohne Probleme zu realisieren, ist das kaum zu hoch einzuschätzende Verdienst des Dirigenten Christopher Sprenger. Dieser Kapellmeister hat ein ganz besonderes Talent für die große Choroper, das er hier glänzend zeigen kann.

Mit dieser inszenierten Messe startet das erste von vier kleinen Festivals auf der Raumbühne Babylon in der gesamten Spielzeit der Oper Halle bis Juli 2019, in deren Rahmen spartenübergreifend auch Ballett, Schauspiel, Liederabende (Schubert) und Klavierabende (u.a. Pierre Boulez‘ Klavierwerk) stattfindet. Die Premiere wurde fast einhellig bejubelt, und es gibt noch elf Mal die Möglichkeit diese Version des musikalisch grandiosen Verdi-Requiems in Halle zu erleben.

Dr. Guido Müller, 17. September 2018, für
klassik-begeistert.de

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