Vier Gesangssolisten brillieren in Giuseppe Verdis "Messa da Requiem" in Palermo

Giuseppe Verdi, Messa da Requiem,  Teatro di Verdura di Palermo, 26. Juli 2020, Livestream

Foto: Omer Meir Wellber © photo Wilfried Hösl

Teatro di Verdura di Palermo, Italien, 26. Juli 2020
LiveStream: Giuseppe Verdi, Messa da Requiem

Carmen Giannattasio, Sopran
Marianna Pizzolato, Mezzosopran
René Barbera, Tenor
Gianluca Buratto, Bass

Teatro Massimo Orchestra und Chorus, Leitung: Omer Meir Wellber
Chorleitung: Ciro Visco

von Dr. Holger Voigt

Der Begriff „Backstage“ hat – so mag es vielleicht erscheinen – in gegenwärtigen Pandemie-Zeiten eine neue Bedeutung erfahren: Back on Stage! Sopranistin Carmen Giannattasio brachte tief bewegt zum Ausdruck, was wohl alle Beteiligten an diesem Abend empfanden: Sie sei überglücklich, endlich wieder auf einer Konzertbühne aufgetreten zu sein. Man hatte den Eindruck, als ob ein schwerkranker Patient am Beginn der Genesung seine ersten Schritte außerhalb seines Krankenbettes unternimmt und davon überwältigt ist, dass es tatsächlich gelingt.

Auf dem Programm stand an diesem Abend in Palermo Giuseppe Verdis große Totenmesse „Messa da Requiem“, die genau ein Jahr nach dem Tode des Dichters Alessandro Manzoni am 22. Mai 1873 uraufgeführt wurde (22. Mai 1874), den Giuseppe Verdi sehr verehrt hatte. Verdi griff bei der Komposition auf Material zurück, dass eigentlich für eine Totenmesse zu Ehren Giacchino Rossinis gedacht war und Teil eines Gemeinschaftswerkes sein sollte, das aber nie in der beabsichtigten Form zustandekam. Verdis Requiem ist also eigentlich ein „Manzoni-Requiem“. Es gilt als eines der berührendsten Tonschöpfungen des gefeierten Opernkomponisten, dessen dramatische Handschrift auch in diesem Werk zum Ausdruck kommt. Anlassbezogen wird es oft aufgeführt, um Trauerzeiten zu begleiten, was in der gegenwärtigen Pandemiekatastrophe mehr als angemessen erscheint.

Als Ausführende waren Chor und Orchester des Teatro Massimo Palermo unter der Leitung von Omer Meir Wellber (Orchester) sowie Ciro Visco (Chor) vorgesehen. Das Konzert fand im Freiluftbereich des Teatro di Verdura statt. Publikum und Musiker, inklusive Chorsänger und Solisten waren auf Abstand platziert, um den gesetzlichen Auflagen zur Sicherheit zu entsprechen. Das Konzert wurde mit Unterstützung des Sponsors „YouTube – Google Arts & Culture“ produziert und per LiveStream im Internet übertragen.

Der mächtige Chor (Coro di voci bianche del Teatro Massimo) unter der Leitung von Ciro Visco überzeugte in jeder Hinsicht und hatte lediglich an einer kleineren Stelle bei einem schnelleren Tempo Schwierigkeiten, sauber zu phrasieren. Ungewönlich und bemerkenswert die geometrisch exakte Platzierung der ChorsängerInnen zur Erfüllung der Sicherheitsauflagen. Klanglich entstand dadurch kein nachteiliger Effekt – der Chor konnte seine volle Dynamik entfachen. Großer Beifall und viele Bravi!-Rufe für die insgesamt hervorragend zu nennende Leistung.

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Das Dirigat des 38-jährigen israelischen Dirigenten Omer Meir Wellber hinterließ einen zwiespältigen Eindruck. Er wirkte an diesem Abend zwar sehr akkurat, gleichwohl aber eher hölzern und fast schon verkniffen. Seine weit ausladenden Armbewegungen schienen oftmals nicht zur Musik zu passen und konnten das Feuer der Musik nicht entfachen. Die emotionale Sogwirkung der betörenden Melodik Giuseppe Verdis entstand nicht aus den Vorstellungen des Dirigenten heraus, sondern aus der Partitur allein. Stellenweise hatte man den Eindruck, das Orchester spiele ohne Rückkoppelung zum Dirigenten allein aus der Partitur heraus. Besonders auffällig, fast schon störend, war der Umstand, dass ein Blickkontakt zwischen Dirigent und Solisten praktisch kaum einmal zustande kam. Somit fand eine Steuerung der expressiven Dynamik durch den Dirigenten praktisch nicht statt.

Die Solisten waren andererseits aber derart sicher, souverän, klangschön und ausdrucksstark, dass sie dieser Führung auch gar nicht bedurft hätten. Sie sangen entweder nach vorn oder blickten beim Singen in die Partitur vor sich und eben nur äußerst selten einmal zum Dirigenten. Das war selbst in den a cappella-Abschnitten (z.B. im Agnus Dei) der Fall. Verdis Musik trägt aber von selbst, und deshalb war dieser Aspekt für die Gesamtperzeption nicht von entscheidendem Nachteil.

Während das Dirigat eine aufwühlende, emotionale Expressivität nicht entstehen ließ, erreichten dieses die Gesangssolisten mühelos. Das, was sie hier boten, war absolut brilliant und praktisch nicht zu übertreffen. Hier stimmte praktisch alles, und das Publikum konnte sich dieser emotionalen Anprache nicht entziehen.

Carmen Giannattasio © photo Alessandro Sarno

Allen voran die überragende Carmen Giannattasio: Die in Avellino geborene italienische Sopranistin verfügt mittlerweile über eine so sichere und kräftige Stimme („Norma“-gestählt), dass sie jegliche stimmliche Herausforderung zu meistern in der Lage scheint. Was für eine helle, klare und zugleich kräftige Sopranstimme, deren große Stärke ihre expressive Modulationsfähigkeit ist. Carmen Giannattasio schien geradezu die Affekte aus der Luft heraus ergreifen zu können, hielt sie dann in der Hand und ließ sie nicht mehr los. Überragend und ergreifend ihr wegen ihrer Intensität fast sprachlos machendes „Libera Me“ zum Schluss des Requiems.

Marianna Pizzolato, Mezzosopranistin aus Sizilien, überzeugte mit einer Stimme, die an Höhen- und Tiefensicherheit nichts zu wünschen übrig lässt (z.B. „Lux Aeterna“). Eine phantastisch deutliche Phrasierung und Kraft und Fülle bereiten ihr offenkundig keine Schwierigkeiten. Was sollte man daran bemängeln wollen?

Marianna Pizzolato © photo Mapi Rizzo
René Barbera © photo Anna Barbera

Der US-amerikanische Tenor René Barbera hatte Maske und Wasserflasche auf der Bühne stets dabei, setzte die Nasen-Mundschutzmaske in den eigenen Sangespausen stets gewissenhaft wieder auf und wurde allein dadurch schon zu einem Gesprächsthema. Aber sein stimmlicher Vortrag war an diesem Abend der eigentliche Höhepunkt. Sein „Ingemisco“ kam so hell und klar, metallisch nachglühend und tonsicher, dass man fast schon an Joseph Calleja oder gar Luciano Pavarotti denken könnte. Eine ganz hervorragende Leistung des sympathischen Amerikaners.

Gianluca Buratto, in Cernusco sul Naviglio, Norditalien geboren, verfügt über eine tiefensichere Bass-Stimme, die in allen Registerzwischenstufen klar und schön klingt, was im „Mors Stupendit“ eindrucksvoll zu hören ist. Wo sich viele Sänger in diesem Stimmfach schwer tun, bleibt seine Stimme stets kräftig-sonor und zugleich schön. Auch er lieferte eine Spitzenleistung ab.

Gianluca Buratto © photo Gianandrea Uggetti

Somit erschien das heutige Verdi-Requiem geradezu als Feuerwerk der Gesangeskunst. Dabei wurden zugleich alle Register einer geradezu operngleichen emotionalen Intensität gezogen, der sich niemand im Publikum entziehen konnte. Viel Beifall und Bravi!-Rufe für alle, besonders für Solisten und Chor.

Dr. Holger Voigt, 2. August 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Richard Strauss, Elektra, Salzburger Festspiele, 1. August 2020

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