Der See lebt

Giuseppe Verdi, Rigoletto  Bregenzer Festspiele, 23. Juli 2021

Die Covid-Zwangspause konnte dieser grandiosen Produktion nichts anhaben – im Gegenteil.

Eine außergewöhnliche Inszenierung, auch in ihrer perfekten Neuauflage – ein Prunkstück in der Geschichte der Bregenzer Festspiele.

Giuseppe Verdi, Rigoletto
Bregenzer Festspiele, 23. Juli 2021

von Dr. Charles E. Ritterband

Die einjährige Covid-Zwangspause und zwei nasskalte Winter am Bodensee vermochten der grandiosen Bühnenmaschinerie, die die High-Tech-Kulisse zu Verdis Meisterwerk „Rigoletto“ auf der Bregenzer Seebühne bildet, nichts anzuhaben: Alles funktionierte nach kleinen technischen Überholungsarbeiten reibungslos und beeindruckte die 7000 Zuschauer nicht weniger als vor zwei Jahren, da diese Produktion mit ihrem gewaltigen mechanischen Kopf eine bühnentechnische Sensation darstellte. Die eigentlichen technischen Neuerungen dieser Festspielsaison auf der Seebühne sind für den Zuschauer (fast) unsichtbar, dafür aber umso mehr hörbar: 270 zusätzliche Lautsprecher unter 30 Sitzreihen, die den ohnehin perfekten Open-Air-Raumklang noch mehr zu absoluter Perfektion steigern.

Der gewaltige, rund 14 Meter hohe Kopf, der nahezu alles kann – nicken, sich ins Wasser absenken, mit den Augen rollen, den Mund öffnen etc. – dupliziert, karikiert, charakterisiert und vergrößert die eigentlich intime dramatische Handlung ins Gigantische. Und macht diese erschütternde Oper erst reif für die riesigen Dimensionen der Seebühne. Der Kopf widerspiegelt den zotig-respektlosen Humor des Hofnarren und verkörpert, indem er allmählich Augen, Nase und Zähne einbüßt, mit seiner Demontage den Mitleid erregenden Niedergang und das Leiden Rigolettos. Zugleich symbolisiert aber dessen furchterregendes Maul die Gefräßigkeit des Herzogs, die ganz auf Verführung, Besitz und Zerstörung immer neuer Frauen ausgerichtet ist. Links dieses Kopfes eine gewaltige Hand, auch diese mit ausgeklügelter Mechanik: In dieser, buchstäblich festgehalten vom über-vorsorglichen Vater Rigoletto, erwartet Gilda ihren vermeintlich „armen Studenten Gualtier Maldé“, der in Wirklichkeit der frauenverschlingende Herzog ist.

Die mechanische Hand ist Schutz und Gefängnis zugleich – und verkündet von Anfang an das tragische Ende dieser hingebungsvoll aber lebens-unerfahren Liebenden. Und rechts der gewaltige Heißluftballon, auch dieser eine beispiellose technische Herausforderung: Von diesem wird die in schönen aber naiven Träumen (buchstäblich im Siebten Himmel) dahinschwebende Gilda – als Stunt-Double – von den Häschern des Herzogs abgeseilt und in den unersättlichen Rachen entführt. Später entschwebt das Double mit himmelblauem Kleid und blondem, wallendem Haar als Seele der anstelle des Herzogs ermordeten Gilda gen Himmel: Ein wunderbarer Schluss dieser atemberaubenden Produktion.

Schon viel musste „Rigoletto“ in immer neuen, immer phantasievolleren und ausschweifenderen Produktionen an sämtlichen Opernhäusern der Welt hinnehmen – ich selbst habe nur einige gesehen und manche waren wirklich nicht schlecht: Rigoletto im „Oval Office“ im Weißen Haus (Welsh National Opera, Cardiff), im Filmstudio (Volksoper Wien), in Las Vegas (Met) im Trump-Tower (Linz) und hier, auf der Bregenzer Seebühne schließlich, als tragischer Zirkusclown. Die Umsetzung ist dem deutschen Regisseur Philipp Stölzl, der auf viel Erfahrung aus der Produktion von effektvollen Kinofilmen und Videoclips bauen konnte, beeindruckend gelungen: Die Akrobaten (Wired Aerial Theatre aus Liverpool) empfangen die Zuschauer bereits auf dem Vorplatz mit ihren Künsten und Späßen und bereiten vor auf diese einmalige Synthese von Oper und Zirkus. Den Zuschauern bleibt das Lachen buchstäblich im Halse stecken.

Denn der Hofnarr Rigoletto wird vom zynischen zum tragischen Clown und der Herzog ist der allmächtige, fiese Zirkusdirektor und machistische Dompteur. Seine Leute (fantastische Kostüme: Kathi Maurer) sind nicht die sympathischen Artisten und lustigen Clowns, welche Kinderherzen unter der Zirkuskuppel erfreuen – es sind Horrorclowns, Tiere mit furchterregenden, zähnefletschenden Köpfen, mörderische Menschenaffen, skrupellose Schergen, Helfershelfer des Appetits ihres Chefs auf immer neue Frauenkörper. Das spektakuläre und intelligent wie konsequent durchgezogene Konzept hat allerdings zwei Nachteile: Es ist eindimensional. Alles wird in eine farbig-turbulente Zirkuswelt getaucht, doch diese Oper lebt ja gerade vom Kontrast zwischen der korrupten, opportunistischen Sphäre am Hof des gewissenlosen, prasserischen Herzogs – und den menschlich zutiefst berührenden Szenen im bescheidenen Haus Rigolettos, der aber unheilvoll mit dem verbrecherischen Herzog und seinen üblen Höflingen verknüpft ist.

Solche subtilen Nuancen gehen in der Opulenz dieser ganz auf großes Spektakel ausgerichteten Produktion notgedrungen unter – sehr zur Freude des Seebühnen-Publikums, das ja für solche Opernspektakel bezahlt, und sich an den ins Wasser plumpsenden oder ihre Opfer im Wasser ertränkenden Artisten und von ihren spektakulären Kunststücken in schwindelerregender Höhe beeindrucken lässt. Allerdings mit etwas Skepsis bedacht von Opern-Kennern und Verdi-Liebhabern der Alten Schule.

Graf Monterone, der mit seinem Fluch dieser Oper ihren ursprünglichen Namen und auch das letzte Wort Rigolettos („La maledizione“) verliehen hat, ist eine düstere, furchterregende und zugleich dominierende Gestalt, imposant verkörpert vom Litauer Bariton Kostas Smoriginas. Und Sparafucile (der ungarischen Bass Levente Páll), der in seinem Zirkuskostüm – auch dies ein brillanter Einfall der Regie – als Gevatter Tod und Messerwerfer auftritt, lässt es einem mit seiner sonoren Stimme eiskalt den Rücken herabrieseln. Dass er seiner Schwester Maddalena (sinnlich-glatter Mezzo, Katrin Wundsam) erklärt, er sei ein „ehrlicher“ Mörder, ein „Professional“, und somit kein ordinärer Dieb, bildet eine ironische Pointe am Rande dieser Oper. Stölzl schreckt auch vor krudem Humor nicht zurück – ähnlich wie Shakespeare mit seinem „Comic Relief“, ein Ventil, das unerträglich blutige Szenen erträglich machen soll: Zu „La donna è mobile“, der „Signature“-Arie des Herzogs, lässt er vier Frauen mit Unmengen aufmontierten Brüsten im Takt von einem Gerüst baumeln.

Maddalena, Monterone und Sparafucile waren erstklassig, doch die großartigsten stimmlichen Leistungen boten die drei Hauptdarsteller: der Herzog mit seiner mehr kernigen und somit mehr auf maskuline Verführung als auf tenoral-leidenden Schmelz bedachten Tenorstimme verlieh dieser Figur mit einer der zwei berühmtesten Tenorarien des gesamten Repertoires (natürlich neben „Nessun dorma“) die ganze stimmliche Schönheit und Größe, die sie von jeher erfordert. Ekaterina Sadovnikova als puppenhafte Gilda  und strahlender Sopran mit überragendem stimmlichem Wohlklang. In der Titelrolle der bewährte Vladimir Stoyanov als Rigoletto in all seinen Facetten, als willfähriger Helfershelfer des verbrecherischen Herzogs, hingebungsvoller doch verhängnisvoll falsch agierender Vater und schließlich als großer Verlierer dieser Tragödie: Seine Baritonstimme ist tragend, stark und doch subtil in allen Nuancen. Und die britische Dirigentin Julia Jones, die in der Wiederaufnahme die musikalische Leitung übernommen hat, leitete souverän und mit großer Einfühlsamkeit die Wiener Symphoniker und die beiden Chöre.

Eine außergewöhnliche Inszenierung, auch in ihrer perfekten Neuauflage – ein Prunkstück in der Geschichte der Bregenzer Festspiele.

Dr. Charles E. Ritterband, 24. Juli 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Bregenzer Festspiele, Spiel auf dem See, Giuseppe Verdi, „Rigoletto“, (Wiederaufnahme) Premiere 21. Juli 2021

Musikalische Leitung: Julia Jones

Inszenierung: Philipp Stölzl

Bühne: Stölzl/Heike Vollmer

Kostüme: Kathi Maurer

Der Herzog von Mantua: Long Long

Rigoletto: Vladimir Stoyanov

Gilda: Ekaterina Sadovnikova

Sparafucile: Levente Páll

Maddalena/ Giovanna: Katrin Wundsam

Graf von Monterone: Kostas Smoriginas

Wiener Symphoniker

Prager Philharmonischer Chor

Bregenzer Festspielchor

Wired Aerial Theatre

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