"Rigoletto" im Weißen Haus – Eine intelligente und musikalisch vollendete Umsetzung an der Welsh National Opera

Giuseppe Verdi, Rigoletto,  Welsh National Opera, 4. Oktober 2019

Foto: © Richard Hubert Smith

Welsh National Opera WNO , Cardiff
4. Oktober 2019

Giuseppe Verdi, Rigoletto

von Charles E. Ritterband

Vor nicht allzu langer Zeit sah ich im Linzer Musiktheater eine hervorragende und sehr eigenwillige Inszenierung von Verdis Rigoletto – im Trump-Tower. Das wurde konsequent und mit viel Ironie umgesetzt – bis zum (nicht existierenden) Stockwerk, der Mordszene im Untergeschoss und der strohblonden Perücke des Herzogs (als Trump-Imitator).

Fern von Linz, im Millennium Center in der walisischen Hauptstadt Cardiff hat die Welsh National Opera ganz Ähnliches unternommen – ebenso konsequent, klug und wirkungsvoll.

Das Schloss des Herzogs wird zum mit tropischen, aus Edelhölzern getäfeltem Luxus-Appartement mit Blick aufs Capitol in Washington, die Gäste des lüsternen Herzogs sind hochrangige Politiker und die Schergen sonnenbebrillte Leibwächter. Und der bemitleidenswerte Monterone, dessen Fluch dieser Oper den ursprünglichen Titel („La Maledizione“)  geliehen hatte und ihren stets erschütternden Ausgang mit schicksalshafter Unausweichlichkeit herbeiführt: Dieser alte Mann wird nicht, wie sonst üblich, blutüberströmt zur Hinrichtung geführt, sondern von gedungenen  Ärzten in weißen Kitteln niedergespritzt und in eine Irrenanstalt weggesperrt. Bühnenwirksam schmettert er seinen Fluch dem erzitternden Rigoletto entgegen – mit einer dominierenden Stimme, die den Zuschauer erschauern lässt.

Eine bereits 17 Jahre alte, überaus spannende Inszenierung, welche diese Jahre unbeschadet in voller Frische überstanden hat. Konsequent wird diese in den folgenden Akten weitergeführt: Der Herzog ist der amerikanische Präsident – offenbar in der Kennedy-Ära, der dritte Akt findet im Oval Office statt, während die Szenerie immer mehr an den Stadtrand rückt; die Behausungen werden immer schäbiger (Rigolettos Häuschen bis hin zu Sparafuciles Bretterbude) und die weiße Kuppel des Capitols am Horizont schrumpft immer mehr, je tiefer wir in der Handlung sozial absteigen, bis hin zu Mord und Prostitution im letzten Akt. Ein geniales Bühnenbild, stimmig bis ins letzte Detail.

Foto: © Richard Hubert Smith

Dies lässt sich auch über die musikalische Umsetzung durch das hervorragende, hochmusikalische WNO-Orchester und den Chor – hier ein reiner Männerchor – sagen. Walisische Chöre sind weltberühmt, ihre einzigartige Stärke kommt aus der Bergbau-Tradition (war im 19. Jahrhundert das Zentrum des Kohlebergbaus) und der Gesang war die wichtigste Freizeit-Aktivität der Grubenarbeiter.

Dass dem Gesang in Wales ein sehr hoher Stellenwert zukommt, manifestiert sich in der Person des berühmten walisischen Baritons Brynn Terfel, der oft – und jetzt gerade wieder als Don Pasquale – an der Londoner Royal Opera zu hören ist.

Der mehrfach preisgekrönte international bekannte koreanische Tenor David Junghoon Kim verlieh dem Herzog bzw. US-Präsidenten gebührend tenoralen Schmelz und fast schon zu viel Subtilität, die dieser Figur das zynisch-skrupellose weitgehend nahmen.

Der Rigoletto, verkörpert durch den afroamerikanischen Bassbariton Mark S. Doss, verlieh dieser Figur überaus berührende Facetten – und eine maskulin starke Stimme, die alle Klippen mit souveräner Präzision umschifft.

Glänzend die Gilda der jungen spanischen Sopranistin Marina Monzó, die bereits in den meisten großen Häusern weltweit zu hören war: Sie verleiht der unglücklich verliebten Tochter Rigolettos die ganze herzzerreißende Tragik, welche diese Rolle erfordert. Ihre Koloraturen sind präzise und glockenhell, ihre Stimme ist von großer Reinheit und überragender Strahlkraft.

Foto: © Richard Hubert Smith

Der käufliche Bösewicht Sparafucile (James Piatt) verkörperte seinen Part bedrohlich-düster, mit kraftvoll-selbstbewusster und doch durchaus flexibler Stimme. Die Maddalena der britischen Mezzo-Sopranistin Emma Carrington ist so verworfen, wie es ihre Rolle verlangt – und ihr Gesang ist dabei geschmeidig und melodiös. Das berühmte Quintett im letzten Akt wurde denn auch erwartungsgemäß zu einem musikalischen Höhepunkt in dieser sehr besonderen Produktion der WNO.

Charles E. Ritterband, 13. Oktober, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Dirigent: Alexander Joel
Der Herzog: David Junghoon Kim
Rigoletto: Mark S. Doss
Gilda: Marina Monzó
Maddalena: Emma Carrington
Sparafucile: James Piatt
Monterone: Eddie Wade

Designer: Robert Innes Hopkins
Chor und Orchester der Welsh National Opera

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