Patrick Hahn:
„Dirigent ist ein sehr psychologischer Beruf“

Großes Exklusiv-Interview, Patrick Hahn, Dirigent,  München

Foto: © Ingo Höhn
Interview mit dem Dirigenten Patrick Hahn

Patrick Hahn ist der jugendliche Senkrechtstarter der internationalen Dirigentenszene. Der erst 23-Jährige arbeitete bereits mit Orchestern und Opernhäusern wie den Münchner Philharmonikern, dem Luzerner Sinfonieorchester, den Symphonikern Hamburg, der NDR Radiophilharmonie, dem Israel Chamber Orchestra, dem Orquestra Simfònica Illes Balears, der Bayerischen Staatsoper in München, der Staatsoper Hamburg, der Ungarischen Staatsoper Budapest sowie den Tiroler Festspielen Erl. Patrick Hahn wurde 1995 in Graz, Österreich, geboren und ist sowohl als Dirigent, Komponist als auch Pianist Preisträger zahlreicher Wettbewerbe im In- und Ausland (New York, Chicago, La Crosse, Siegburg, Salzburg, Wien). Zum 100. Jahrestag des Weltkriegendes hat er am 11. November 2018 die Jazzkantate „Apokalypse“ von Karl von Feilitzsch im Münchner Herkulessaal geleitet.

Barbara Hauter hat das Ausnahmetalent in München vor der Aufführung getroffen.

Klassik-begeistert: Wie sind Sie mit der Apokalypse von Karl von Feilitzsch verbunden?

Patrick Hahn: Als Studentenjob habe ich für eine befreundete Sängerin Handschriften von Feilitzsch transkribiert . So kam ich in Kontakt mit seiner Tochter Gräfin von Wallwitz. Seither haben wir einige Liederabende zusammen gemacht. 2014 haben wir die Messe in Es – das ist das letzte Stück ihres Vaters von 1976 – in der Münchner Michaelskirche aufgeführt. Ich kenne den Komponisten dadurch gut. So war es naheliegend, dass ich die Apokalypse leite.

Klassik-begeistert: Was interessiert Sie denn an der Apokalypse?

Patrick Hahn: Ich finde es unglaublich spannend wie sie komponiert ist, in dieser Brecht-Weill-Mischung. Und das Notenmaterial ist besonders aufregend, es gibt keine Partitur, nur eine zusammenfassende Direktionsstimme und dann Einzelmaterial für jede Stimme. Alles ist feinsäuberlich per Hand notiert, aber es bleibt eine Restspannung, wie dann alles zusammen funktioniert, weil es aus diesem Material noch nie gespielt wurde. Da kann man abzählen – die erste Trompetenstimme hat 14 Takte, die zweite aber 13. Da muss man dann kreativ sein. Aber das sind nur Detailprobleme. Es ist sehr blockhaft geschrieben, die drei Trompeten zum Beispiel treten fast immer zu dritt auf, ebenso das Saxophon Quartett, die sind immer zusammen, deswegen ist es möglich aus dem Originalmaterial ohne Partitur zu leiten.

Klassik-begeistert: Die Apokalypse wird als Jazz-Kantate betitelt. Ist es jazzig?

Patrick Hahn: Es ist nicht die Art von Jazz, die man heute erwarten würde. Es ist eine Mischung. Feilitzsch’ frühe Musik ist spätromantisch. Später wurde er dann dissonanter, moderner. Er hat sich viel für Filmmusik und Barlieder interessiert. Diese Art von Jazz fließt ein.  Die Kantate ist betitelt mit Rumba und Swing und es gibt eine Rhythmusgruppe mit Drumset. Das steuert zum Jazzigen bei. Aber was darüber passiert ist eher eine bitonale avantgardistische Musik. Es ist nie wirklich eindeutig zuzuordnen.

Klassik-begeistert: Wie erleichtern Sie durch Ihr Dirigat den Zugang für die Zuhörer?

Patrick Hahn: Das Stück ist sehr subtil gemacht. Es ist nicht total kompliziert sondern recht melodiös. Es ist nur immer ein Gatsch dabei, wie wir sagen würden, immer eine Kante. Es eckt immer an. Die eine Stimme ist in sich stimmig und die andere auch, erst wenn sie übereinander liegen, erzeugt es diese Spannung, die eigentliche Aussage, die Botschaft. Aber nie so, dass es ermattend wird, es ist abwechslungsreich. Deswegen ist das sehr gut zugänglich. Es ist wie eine gute Oper. Man weiß am Schluss nicht, ob man klatschen oder weinen soll, weil es einen so anregt zum Denken.

Klassik-begeistert: Wollen Sie eine politische Botschaft transportieren?

Patrick Hahn: Das Konzert ist keine Wahlkampfveranstaltung. Wir wollen zum Denken anregen, und jeder soll sich eine Meinung bilden. Welche das ist, liegt nicht in meiner Verantwortung.  Die Aussagen über Umweltzerstörung sind ja nicht neu. Aber das Konzert soll zeigen, dass Feilitzsch schon vor 60 Jahren  darauf hingewiesen hat.

Klassik-begeistert: Denken Sie, Sie können mit dieser Musik mehr Menschen in Ihrem Alter erreichen?

Patrick Hahn: Es kommt ja niemand ins Konzert wegen mir. Kein Junger kommt ins Konzert, weil da ein Junger dirigiert. Ich glaube nicht, dass das musikalische Ergebnis vom Alter abhängt.  Ganz konkret habe ich schon viel Erfahrung mit Feilitzsch. Deswegen passt das jetzt.

Klassik-begeistert: Und bei anderer Musik?

Patrick Hahn: Für mich war das schon so. Als ich angefangen habe, mich fürs Dirigieren zu interessieren, war gerade Dudamel im Kommen. Er hatte so eine Energie in sich. Wenn man ihn als 15jähriger hört, dann beeindruckt das schon. Die Energie ist sichtbar. Ich meine damit aber nicht Show. Es gibt nichts Schlimmeres als einen Dirigenten, der da vorne nur seine Haare durch die Luft wirbelt und Show macht. Das durchschaut das Orchester sofort, wenn Du einen auf Mr. Cool machst. Das ist tödlich, da zerreißt dich das Orchester.

Klassik-begeistert: Was ist es, was Sie am Dirigieren so fasziniert?

Patrick Hahn: Man muss dem Orchester eine Idee vermitteln. Das Handwerk kann man lernen und perfektionieren. Das ist aber der kleinste Teil der Miete. Man muss genau wissen, was man will und diesen Willen aufs Orchester transportieren, so dass die Musiker die Meinung bekommen: Genau so will ich es spielen und nicht anders.

Klassik-begeistert: Hatten Sie ein Schlüsselerlebnis, das Sie zum Dirigieren gebracht hat?

Patrick Hahn: Ich war im Knabenchor, und wir haben in der Zauberflöte gesungen. Da hatten wir die Idee, dass wir das auch selbst können und haben ein einstündiges Singspiel geschrieben, die „Frittatensuppe“. Die habe ich dann auch dirigiert, ich war zwölf, und es war mein erstes Mal vor 35 Leuten. Es war ein cooles Gefühl, es hat funktioniert. Da wusste ich, das will ich weitermachen. Ich habe dann Klavier studiert und über die Chorleitung hat sich das mit dem Dirigieren gefestigt. Nur mein Komponierdrang hat sich inzwischen etwas gelegt, mein Schwerpunkt ist das Dirigieren.

Klassik-begeistert: Was haben Ihre Eltern dazu gesagt?

Patrick Hahn: Meine Eltern haben mit Musik gar nichts zu tun, meine Mutter war Bürokauffrau und mein Vater ist Schlosser. Sie haben mich nie in eine Richtung gedrängt, sondern mich immer machen lassen. Ich konnte jeden Blödsinn machen. Ich war schon immer eigenständig, sie mussten nie hinterher sein, was die Schule anging.  Meine beiden Brüder haben zwar auch Blockflöte gelernt und im Knabenchor gesungen, Musik hat für sie aber keine Priorität. Ich bin der einzige Verrückte.

Klassik-begeistert: Wie kommt es, dass Sie gleich recht hoch eingestiegen sind?

Patrick Hahn: Das ging bei mir zum Glück recht schnell. Man muss proaktiv sein, es wartet ja niemand auf einen. Ich habe schon für meinen Landkirchenchor viel organisiert, Orchestermessen zum Beispiel, habe Musiker engagiert, Sponsoren gesucht, und es wurde immer größer. Dann kam Erl. Johannes Chum hat 2015 in einem Stück von mir, Sodom und Gomorra, die Tenorrolle gesungen und dem Erl-Intendanten Gustav Kuhn begeistert von mir erzählt. Darauf durfte ich eine Tschaikowski- Probe dirigieren, und Kuhn hat mich vom Fleck weg für ein Konzert im Folgejahr engagiert. In Erl habe ich dann Jasper Parrott kennengelernt, und seine Künstleragentur HarrisonParrott hat mich unter Vertrag genommen. Dann ging es richtig los.

Klassik-begeistert: Was wollen Sie unbedingt noch erreichen?

Patrick Hahn: Ich bin jetzt die ersten drei Meter vom Marathon gelaufen. Es entwickelt sich gerade alles so schnell und unerwartet. Hätte mir vor zwei Jahren jemand gesagt, du wirst die Münchner Philharmoniker dirigieren, hätte ich gesagt: träum weiter. Ich würde gerne einmal mit dem Chicago Symphony Orchestra arbeiten. Das Orchester klingt toll. Aber im Moment passiert von selber so viel. Ich lasse es auf mich zukommen.

Klassik-begeistert: Leben Sie auch das normale Leben eines jungen Mannes?

Patrick Hahn: Ich gehe in Clubs, aber mit Gehörschutz, so wie viele junge Leute. Wichtig ist es mir, Zeit für Familie und Freunde zu haben. Ich bin ein sehr familiärer Mensch. Ich war nie der Musiker, der sich von früh bis spät zum Üben eingesperrt hat. Die richtige Erholung ist für mich, mit Freunden und Verwandten mit einem Bier am Lagerfeuer zu sitzen. Auf das freue ich mich immer. Mein Elternhaus steht auf einem Hügel, dem Hahnenkogel, da leben viele Verwandte. Es ist immer wer da. Ich bin dort total verwurzelt.

Klassik-begeistert: Welche Musik hören Sie denn außerberuflich?

Patrick Hahn: Ich höre gern alles andere als Klassik. Indie Pop zum Beispiel. Walk the moon oder Fun. Man kann nicht den ganzen Tag nur Bach und Mozart hören. Besonders aber liebe ich Jazz. Letzte Woche habe ich ein spannendes Konzert in Heilbronn gegeben. Mit dem Kammerorchester Heilbronn und dem Obi Jenne Trio, von Bolling die Suite für Kammerorchester und Jazz Trio in der Besetzung Klavier, Schlagzeug, E-Bass. Das Stück beginnt klischeehaft-barock, und dann steigt das Jazz Trio ein. Es entwickelt sich ein Dialog zwischen den beiden. Das ist als Dirigent eigentlich uninteressant, sobald der Schlagzeuger einsetzt, schaut man nur noch, dass man das Orchester zusammenhält. Es hat aber einen wahnsinnigen Spaß gemacht, wir waren vom ersten Moment an wie eine Familie. Das hat mir viel Energie gegeben, denn es war nicht nur musikalisch top, es hat auch menschlich gepasst. Und das ist wichtig.

Klassik-begeistert: Wie ist denn das menschliche Verhältnis zwischen Ihnen als Dirigent und dem Orchester? Demokratischer als bei älteren Dirigenten?

Patrick Hahn: Demokratie im Orchester funktioniert nicht wirklich. Jeder Musiker hat ja eine Idee, wie das Stück klingen soll, und alle müssten sich auf eine gemeinsame Idee einigen. Das ist die Aufgabe des Dirigenten, eine Idee umzusetzen. Der Unterschied ist, dass früher der Dirigent ein Diktator war und der Umgangston rauer. Der Dirigent hatte die absolute Macht. Heute steht man als Dirigent den Musikern oftmals näher. Die Grundfunktion hat sich aber nicht geändert und kann sich nicht ändern. Orchester ohne Dirigenten haben erstens natürlich auch einen Leiter, das ist dann der Konzertmeister. Und zweitens brauchen sie viel mehr Zeit, um zu einem akzeptablen Ergebnis zu kommen, weil sie sich ja untereinander viel mehr verständigen müssen. Drittens können sie nur Stücke bis zu einem gewissen Grad der Komplexität spielen.

Klassik-begeistert: Warum klingt bei Ihnen ein Orchester so viel lebendiger als bei anderen Dirigenten?

Patrick Hahn: Manche animieren das Orchester zum Richtigspielen, sind aber nicht inspirierend. Es geht um den Willen, eine Idee für ein Stück umzusetzen. Das Orchester merkt, wie groß der Wille der Person vor ihnen ist. Und zu diesem Einsatz muss das Können kommen. Was es aber letztlich ist, weiß ich nicht. Ich behandle das Orchester mit größtem Respekt. Ich sage ihnen nicht, wie sie zu spielen haben, ich sage nur was ich hören möchte. Die Musiker können ihr Instrument spielen. Ich nicht. Es wäre vermessen, da einzugreifen. Ich vertraue der Expertise der Musiker. Es braucht eine nicht in Worte fassbare Mischung aus Vertrauen ins Orchester und völliger Selbstsicherheit ohne je überheblich zu sein. Dirigent ist ein sehr psychologischer Beruf. Er animiert die Musiker zu Höchstleistungen. Wenn er eine Inspiration ist, dann spielen sie plötzlich so viel besser.

Das Interview führte Barbara Hauter in München.

Ein Gedanke zu „Großes Exklusiv-Interview, Patrick Hahn, Dirigent,
München“

  1. Ich habe vorgestern, am 10.09.19 in der Elbphilharmonie das Konzert (Tschaikowsky / Dvorak) mit Patrick Hahn am Pult gehört und war hingerissen. Ich kann mir bis jetzt nicht vorstellen wie es möglich ist, in diesem Alter eine derartige Gesamtleistung zu bringen. Das Interview bzw. die Aussagen von P.H. sind sehr beeindruckend. – Ich bin übrigens eine „halbe“ Österreicherin / Salzburgerin (derzeit wohnhaft in Aachen, wo Karajan seine Karriere begann) und hoffe, P.H. noch oft in Salzburg zu sehen. Für den weiteren, hoffentlich LANGEN Lebensweg wünsche ich ihm anhaltenden Erfolg mit viel Befriedigung und Adrenalin !!!

    Herzlichst,
    Gigi Anger

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