Tänzerisch herausragend in HH: Sylvia, Ballett von John Neumeier

Hamburg Ballett, Sylvia, Ballett  Wiederaufnahme an der Hamburgischen Staatsoper am 5. September 2021

Hamburg Ballett
Sylvia, Ballett

Wiederaufnahme an der Hamburgischen Staatsoper am 5. September 2021

von Dr. Ralf Wegner (Text und Fotos)

Der sprungtechnisch herausragende und schon beim ersten Bühnenauftritt die Aufmerksamkeit auf sich ziehende Alexandr Trusch war als liebeskranker, melancholischer Aminta schlichtweg großartig. Ihm ebenbürtig Madoka Sugai, mit völlig synchronen weiten Sprüngen in den Pas de deux.

Das Ballett Sylvia basiert ursprünglich auf einem 1573 uraufgeführten Theaterstück des italienischen Dichters Torquato Tasso. Darin verliebt sich der Hirtenjunge Aminta in die spröde Nymphe Silvia. Nach allerlei Verwirrungen sucht der unglücklich Liebende den Tod, überlebt aber und wird von Silvia zurückgeliebt.

Foto: Dr. Ralf Wegner. Jacopo Bellussi (Endymion), Anna Laudere (Diana), Madoka Sugai (Sylvia), John Neumeier (Choreographie und Inszenierung), Alexandr Trusch (Aminta), Markus Lehtinen (Musikalische Leitung), Christopher Evans (Eros/Thyrsis/Orion) und das Ensemble

1876 komponierte Léo Delibes hierauf eine Ballettmusik, der auch Neumeiers inhaltlich stark abgewandelte Choreographie zugrunde liegt: Im Vordergrund steht Sylvia (Madoka Sugai), die Lieblingsjägerin der Göttin Diana (Anna Laudere), die sich, obwohl ihrer Herrin verbunden, dank der Hilfe des Gottes Eros (Christopher Evans) in den Schäfer Aminta (Alexandr Trusch) verliebt, diesen aber, sich ihrer Gefühle unschlüssig, wieder verlässt. Diana, offensichtlich liebesunfähig und eifersüchtig auf die sich entwickelnde Liebe ihrer ersten Jägerin, lebt ihre Triebe mit Endymion (Jacopo Bellussi) aus. Aminta bleibt liebeskrank zurück (erster Akt).

Sylvia begibt sich auf Wanderschaft, lernt viele Männer kennen, sucht aber nur nach dem Einen (zweiter Akte). Jahrzehnte später begegnet Sylvia zufällig Aminta, es entwickelt sich erneut eine Beziehung zwischen beiden (berührender Pas de deux). Der Weg zur Gemeinsamkeit bleibt aber versperrt, Sylvia ist mittlerweile einem anderen, deutlich älteren Mann (Marc Jubete) verbunden. Aminta verliert sich in der Melancholie.

Das minimalistische Bühnenbild und die sehr schönen Kostüme, mit Ballgarderobe im zweiten Akt, entwarf Jannis Kokkos, das Philharmonische Staatsorchester leitete Markus Lehtinen. Der sprungtechnisch herausragende und schon beim ersten Bühnenauftritt die Aufmerksamkeit auf sich ziehende Alexandr Trusch war als liebeskranker, melancholischer Aminta schlichtweg großartig. Ihm ebenbürtig tanzte Madoka Sugai mit völlig synchronen weiten Sprüngen in den Pas de deux.  Sie sagte in einem Interview, wenn nicht Balletttänzerin, so  wäre sie Olympionikin geworden. Die sportlichen Fähigkeiten merkt man ihr an.  Ihre Sprünge sind weit und synchron zu denen ihres Partners. Anders als andere Ballerinen lässt sie sich nicht nur heben, sondern hebt offenbar mit eigener Kraft ab und wird von dem Partner nur noch in die Höhe geführt.

So entstehen Momente unglaublich harmonisch-eleganter Bewegungsabläufe, so im zweiten Akt, wenn Sugai von Trusch gehoben und Evans zugeworfen wird. Charakteristisch für Sugai ist dabei ihr bedingungsloses Vertrauen in die haltetechnischen Fähigkeiten des jeweiligen Partners. Solches sieht man sonst eher bei den Ehepaaren wie Azzoni/Riabko oder Laudere/Revazov.

Madoka Sugai und Alexandr Trusch (Foto R. Wegner)

Anfangs muss man sich etwas einsehen, mit dem ersten Auftritt von Alexandr Trusch gewinnt das Stück aber eine Intensität, die bis zum Ende anhält, jedenfalls, wenn so großartige Protagonisten wie Sugai und Trusch für dieses Stück zur Verfügung stehen. Großer, langanhaltender Jubel für alle Beteiligten, vor allem für Sugai, Trusch und Evans.

Dr. Ralf Wegner, 6. September 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

 

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