"Alles in allem bist du, liebe Elbphilharmonie, nicht mein Lieblingskonzertsaal geworden"

Happy Birthday, liebe Elbphilharmonie  klassik-begeistert.de

Die Elbphilharmonie in Hamburg ist jetzt drei Jahre alt. Unsere Autorin hat schon viele Konzerte besucht und kennt auch die Laeiszhalle sehr gut.

Foto © Maxim Schulz

von Iris Böhm

Happy birthday, liebe Elbphilharmonie,

mit allergrößter Spannung wurdest du erwartet. Viele Menschen in der Hansestadt haben jahrelang geschimpft und Unverständnis geäußert über die immensen Kosten, die dein Bau verschlungen hat. Die Negativschlagzeilen über einen Bau, „den keiner braucht“ hielten sich bis – ja, bis zu deiner mehrfach verschobenen Eröffnung (ursprünglich geplant für 2010) vor inzwischen drei Jahren.

Die ersten Konzerte am 11. und 12. Januar 2017 wurden von der ganzen Welt erwartungsvoll, aber auch kritisch beäugt. Die Liveübertragung des Eröffnungskonzertes in Radio und Fernsehen überforderte durch die Musikauswahl einen großen Teil des Publikums. Ich gehörte zu den Glücklichen, die gleich am zweiten Tag den Kleinen Saal und dann auch endlich den Konzertsaal mit der weißen Haut bestaunen durften. Ich weiß noch, wie neugierig, ja ehrfürchtig ich den Saal betrat und ihn von allen Seiten und aus unterschiedlichen Höhen bestaunte. Ich empfinde die weißen Wände, den riesigen Stempel in der Kuppel und auch die Anordnung der großen Orgel als ein optisches Meisterwerk. Die Foyers erscheinen hell und luftig mit viel Holz, allerdings wirkten sie auch unpersönlich, und das fühle ich auch heute noch bei jedem Besuch. Die verpixelten Fensterfronten sehen von außen grandios aus, von innen stören sie meinen Blick, wenn ich über die Stadt schauen möchte.

Als großer Musikfan wollte ich nun den Klang von möglichst unterschiedlichen Plätzen im Großen Saal kennenlernen. Das Eröffnungskonzert erlebte ich auf einem Platz direkt vor dem Orchester in Etage 12. Das Konzert war geprägt durch die knisternde Vorfreude, aber auch durch Irritation bei der Auswahl der Musikstücke, daher gelang es mir nicht gleich, ein persönliches Urteil über die Akustik zu fällen.

Ein Abo für große Orchester mit berühmten Dirigenten musste her: Endlich besuchten sie auch meine Heimatstadt. Im Oktober erlebte ich das Cleveland Orchestra unter Leitung von Franz Welser-Möst, im Dezember das Orchestre Métropolitain de Montréal mit Yannik Nézet-Séguin, im Januar 2018 folgte das London Symphony Orchestra mit Magdalena Kozená und Sir Simon Rattle. Auf den Abschluss freute ich mich ganz besonders: La damnation de Faust mit dem Malmö SymfoniOrkester, Marc Soustrot als Dirigenten und dem großartigen Bryn Terfel als Méfistophélès, Sophie Koch als Marguerite und Paul Groves als Faust. Was für eine Freude endlich Stimmen zu hören, die um Hamburg eher einen Bogen machen.

Mein Aboplatz weit oben auf der Ebene 15  J für fünf Konzerte war klanglich ok, allerdings war die Sicht dort stark eingeschränkt durch zwei schwarze schmale Geländer, die das Orchester in mehrere Teile teilte. Der Preis hierfür war stolz.

Den Platz konnte ich für die nächste Spielzeit um eine Etage weiter nach unten tauschen und dort war die Sicht dann erheblich besser.

Sehr schnell wurde mir klar: Große Orchester brauchen sensible Dirigenten und Musiker. Musiker, die auf sich hören und Dirigenten, die feinfühlig mit den Gegebenheiten des Raumes umgehen konnten. Dirigenten, die das Blech und die Flöten auch zurücknehmen, die Streicher mehr in den Vordergrund rücken können. Dann klingt es himmlisch in dem Raum. Die Eröffnung des Festivals „Lux aeterna“ mit Stücken des Komponisten Avo Pärt mit dem Chor des Lettischen Rundfunks und der Sinfonietta Riga war hierfür das imposanteste  Beispiel. Dieses kleine Ensemble musizierte zum Niederknien schön, und vom Klang her stelle ich mir so einen Engelschor im Himmel vor. Wie an diesem Abend der Raum mit den Sängern und den Streichern verschmolz, das war nicht von dieser Erde. Diese Transparenz, die Direktheit und Textverständlichkeit kann man so vermutlich an keinem anderen Ort erleben.

Das Kontrastprogramm hierzu hätte eindeutig mehr Freude in der Laeiszhalle gemacht.

Am 18. Juni 2017 besuchte ich ein Konzert mit den von mir geliebten Gurre-Liedern. Während dieses Konzertes habe ich mich über die Zeit gequält, weil es durchgehend zu laut war und man klanglich fast erschlagen wurde. Der Männerchor sang so unglaublich mächtig und laut – das Orchester (besonders die Bläser) hätte viel schöner geklungen, wenn der Dirigent die Bremse etwas angezogen hätte; mir flogen in der Etage 12 (gegenüber vom Orchester) fast die Ohren weg. Weniger Lautstärke ist in diesem Saal eindeutig mehr.

25. August 2006, Bauplatz Elbphilharmonie, (c) Iris Böhm

Ein Klavierkonzertabend mit Daniil Trifonov, den ich kurz vorher völlig begeistert und beseelt in der Laeiszhalle erlebt hatte, enttäuschte mich bei seinem Chopin-Abend, weil ich nicht nur mit den Ohren in ein Konzert gehe, sondern auch die Augen geöffnet sind. Vielleicht ist die Beleuchtung auf den Zuschauerrängen zu hell, weshalb es sehr schwer ist, sich eben NICHT auf die im Rund sitzenden und herumlaufenden Zuschauer zu konzentrieren. Die Krönung war hier übrigens ein Konzert im August 2019. Die h-Moll Messe wurde aufgeführt in einer grandiosen Fassung mit dem Prager Barockorchester Collegium 1704 und dem Vokalensemble Collegium Vocale 1704. Es war eine der phantastischsten Aufführungen, die ich überhaupt in der Elphi gehört habe.  Ich saß direkt gegenüber vom Orchester. Dahinter in der ersten Reihe direkt hinter der Balustrade ein Mann im Sommershirt, kurzer Hose, die Flip Flops wurden zwischendurch abgelegt und die nackten Füsse lässig auf der Balustrade abgelegt. Da vergeht einem der Konzerthunger.

Alles in allem bist du, liebe Elbphilharmonie, nicht mein Lieblingskonzertsaal geworden. Du bestehst aus einem von außen betrachtet traumhaften Gebäude, das sich perfekt in den Hamburger Hafen einfügt, du hast eine tolle Plaza mit prachtvollen Ausblicken, einen ganz besonderen Saal, der durch sein Äußeres und auch durch seine spezielle Akustik besticht, allerdings fühle ich mich in den Foyers nicht wohl. Die Treppenaufgänge sind quälend lang – nach dem Konzert ist das Gewühle der Menschen, die durch das Treppenhaus nach Hause eilen, unerträglich, so dass die Stimmung, die das gerade Gehörte erzeugte, sofort wieder im Getrappel und Gehetze der vielen Menschen verlorengeht.  Einen Fahrstuhl zu ergattern, der einen nach unten befördert, ist leider sehr mit viel Zeitaufwand verbunden.

Ich würde mich sehr freuen, wenn auch die Laeiszhalle wieder mehr in den Fokus der Musikwelt rücken würde. Die beiden Säle könnten sich wunderbar ergänzen in ihrer Unterschiedlichkeit. Diesem alten Saal, in dem schon meine Großeltern gesessen haben, gilt immer noch meine ganz besondere Liebe, denn hier kann ich mich ausschließlich auf die Musik und die Künstler auf der Bühne konzentrieren.

Iris Böhm, 11. Januar 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Ein Gedanke zu „Happy Birthday, liebe Elbphilharmonie
klassik-begeistert.de“

  1. Ein toller Beitrag! Danke! Nicht immer sind die Dirigenten und die Ausführenden schuld. Den idealen Saal für Konzertstücke jeglicher Art kann es trotz moderner Akustikforschung nicht geben.

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