Zur Travestie verkommen: Die Dresdner »Fledermaus« begeistert allein musikalisch

Johann Strauß, Die Fledermaus,  Semperoper Dresden, 11. Januar 2020

Foto: © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden, 11. Januar 2020

Johann Strauß, Die Fledermaus

von Pauline Lehmann

Spätestens im dritten Akt als der Gefängnisaufseher Frosch (Wolfgang Stumph) ein Fenster sowie den Ikea-Kleiderhaken für den Hut des Direktors Frank mit Kreide skizziert, lässt einen der wohlige Gedanke an eine konzertante Aufführung nicht mehr los. Die Sächsische Staatskapelle unter der Leitung von John Fiore und der Sächsische Staatsopernchor (Choreinstudierung: Jan Hoffmann) bieten musikalisch einen Abend der Weltklasse, doch die Inszenierung bleibt dahinter zurück.

Regisseur Günter Krämer stürzt sich auf den Seitensprung und verordnet dem Publikum einen Streifzug durch Nachtclubs und Travestie – zu Lasten des nuancen- und pointenreichen Librettos. Vom einstigen Intrigen- und Verwechslungsspiel sowie von den minutiösen Dialogen und der Situationskomik bleibt nicht allzu viel übrig. Das Bühnengeschehen wirkt zerfasert, die Stringenz verliert sich. In der Pause drängt sich unweigerlich die Frage auf, in welcher Gestalt der dritte Akt die Inszenierung abrunden könne, was da noch passt.

Das Bühnenbild Gisbert Jäkels parodiert christliche Weihnachtsmotive. So erscheint das Haus des Gabriel von Eisenstein als Adventskalender, der in glitzernder Ironie »Die (H)eilige Familie« preist. Statt im »Großen Gartensalon und Garten in der Villa Orlofsky« findet sich Eisenstein im zweiten Akt unvermittelt inmitten eines erotischen Gelages auf einem überdimensional großen, knallroten Sofa wieder. Eine pure Groteske. Mit den übergroßen Geweihen, den unzähligen roten Plüschsofas und dem gehörnten Ensemble ist die Dresdner »Fledermaus« so rot getüncht, dass es wehtut.

Von dem Fest in seliger Ball- und Champagnerlaune bleibt wenig übrig, der Schwung der Strauß’schen Polka wird auf der Bühne ausgebremst. In dem Milieu von Swingerclub und Travestie gerät auch das weihevoll anmutende Ensemble »Brüderlein und Schwesterlein« als Parodie, einzig die Aschermittwochsstimmung fügt sich wieder ein.

Im dritten Akt vermisst man nicht nur den Slibowitz, auch die Pointen des vom »Kleinen Feigling« stark angeheiterten Gerichtsdieners Frosch sind stark abgeflacht. Mit Günther Krauses kurzem Ausflug ins »Dschungelcamp« und »Bauer sucht Frau« bewegt sich der Humor auf dem Niveau von Privatsendern und Regenbogenpresse und die Fledermäuse um die Dresdner Waldschlösschenbrücke sind auch ein eher angestaubtes Thema als tagesaktuell.

Günter Krämers »Fledermaus«-Protagonisten fehlt das Lebendige, sie wirken eher abgeschliffen und reduziert auf ein Mindestmaß. Dem Dresdner Ensemble fehlt eine extrovertierte Spielfreude, nur vereinzelt gelingen die minutiösen Dialoge. So flammt in dem Terzett von Rosalinde, Alfred und Eisenstein »Ich stehe voll Zagen« die ursprüngliche Komik wieder auf. Wolfgang Stumph gibt keinen exzellenten Komiker. Seine undeutliche Aussprache geht auf Kosten des Verständnisses und zu oft wendet er sich vom Publikum ab.

Der Zusammenklang zwischen Orchestergraben und Solistenensemble ist an diesem Abend unausgeglichen – zu Ungunsten der Solisten. So bleiben diese einige Zeit hinter ihrem Können zurück, vor allem der erste Akt wirkt recht matt, aber spätestens mit dem Csardas schafft Hulkar Sabirova als Rosalinde stimmliche Glanzmomente mit ihrem dunkel timbrierten Sopran. Auch beweist sie eine klare Höhe und beeindruckt mit einer sensiblen Dynamik.

Katerina von Bennigsen gibt eine galante, kecke Kammerzofe Adele mit luftigen Koloraturen. Im Uhrenduett zeigt sich Hans-Joachim Ketelsen als stimmlich resoluter Gabriel von Eisenstein. Das Ensemble »Brüderlein und Schwesterlein« beginnt mit einer Paradestelle für lyrischen Tenor, die Sebastian Wartig als Dr. Falke mit tragender, warmer Stimmgebung koloriert. Auch der nachfolgende Stimmeinsatz Christa Mayers gelingt mustergültig. Die Mezzosopranistin gibt einen höchst forschen Orlofsky.

In den knapp drei Stunden schafft die Sächsische Staatskapelle unter dem Dirigat John Fiores eine überwältigende Strauß’sche Klangfülle und schon die ersten Takte der Ouvertüre sind ein Hörvergnügen par excellence. In einem kraftvollen, pathetischen Allegro vivace beginnend, strömt die Ouvertüre fortan als Potpourri von Anklängen einiger Operettennummern dahin, dazwischen schieben sich Momente leichten Retardierens. Der Klangkörper beeindruckt mit einem reinen, präsenten Klang und flinken, makellosen Sechzehntelnoten der Streicher.

Pauline Lehmann, 13. Januar 2020, für
klassik-begeistert.de

Musikalische Leitung: John Fiore

Inszenierung: Günter Krämer

Bühnenbild: Gisbert Jäkel

Kostüme: Falk Bauer

Licht: Jan Seeger

Choreinstudierung: Jan Hoffmann

Choreografie: Otto Pichler

Gabriel von Eisenstein, Rentier: Hans-Joachim Ketelsen

Rosalinde, seine Frau: Hulkar Sabirova

Frank, Gefängnisdirektor: Matthias Henneberg

Prinz Orlofsky: Christa Mayer

Alfred, ein Tenor: Mert Süngü

Dr. Falke, Notar: Sebastian Wartig

Dr. Blind, Advokat: Gerald Hupach

Adele, Stubenmädchen Rosalindes: Katerina von Bennigsen

Ida, ihre Schwester: Gundula Rosenkranz

Frosch, Gerichtsdiener: Wolfgang Stumph

Tänzerinnen und Tänzer

Sächsischer Staatsopernchor Dresden

Sächsische Staatskapelle Dresden

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