Bereits zu Beginn des zweiten Aktes wird der Dirigent mit Jubelrufen aus dem Saal begrüßt

Henry Purcell, King Arthur,  Staatsoper Unter den Linden, Berlin

Foto: Ruth und Martin Walz (c)
Staatsoper Unter den Linden
, Berlin, 21. Mai 2018
Henry PurcellKing Arthur

von Gabriel Pech

Am Pfingstmontag erklang zum letzten Mal in dieser Spielzeit „King Arthur“ in der Staatsoper Unter den Linden, Musik von Henry Purcell, Libretto John Dryden. Sven Eric Bechtolf und Julian Crouch haben die Semi-Oper von 1691 einer radikalen Modernisierung unterzogen: Sie haben eine Rahmenhandlung um Drydens Stoff gesponnen, die im England des Zweiten Weltkriegs spielt.

Wir treffen einen kleinen Jungen namens Arthur, dessen Vater im Krieg gefallen ist und der zum Geburtstag ein altes Sagenbuch mit der Geschichte von König Arthur geschenkt bekommt. Beim Vorlesen wird die Sage auf der Bühne Realität, und die Figuren aus dem 20. Jahrhundert schlüpfen in die Rollen der alten Geschichte. Sein verstorbener Vater wird zum König Arthur, der mit den Sachsen unter der Herrschaft von König Oswald kämpft, wobei letzterer unter dem Einfluss des bösen Zauberers Osmond steht. Der Zauberer Merlin wird von seinem Großvater gespielt. Seine Mutter verkörpert die schöne aber leider blinde Emmeline, die schließlich durch einen Zauber ihr Augenlicht zurückgewinnt. Am Ende kriegt natürlich der tapfere Recke die schöne Frau, und Sachsen wird unter der Herrschaft von König Arthur zu einem gemeinsamen Königreich mit England. Im 20. Jahrhundert ist der Vater aber bereits gefallen, weswegen die Mutter sich am Ende mit dem Doktor Oswald verheiratet und der Sohn als Kampfflieger seinem Vater nacheifert.

Die modernen Sprechtexte sind zum Großteil im Stil des Librettisten Drydens gehalten, wodurch die Differenz zwischen Rahmen- und Binnenhandlung verschwimmt. Auf lange Strecken wirkt dies etwas ermüdend, da die Schauspieler dauerhaft in fixe Typen gepresst werden und selten aus der Eindimensionalität herauskommen. Auch der Humor bleibt überwiegend flach mit einem Hang zum Slapstick, der schließlich in einen übergroßen Stoff-Penis mündet, der an einem der sonst so eindrucksvollen Kostüme (Kevin Pollard) baumelt. Eine Zuschauerin bringt es im schönsten Wienerisch auf den Punkt: „Oan bisschen weniger Kalauer hätten mir g’fallen.“

Humor und Ästhetik erinnern stark an Monty-Python-Filme, verfehlen allerdings stellenweise die Eleganz, was im Publikum nur noch vereinzelte Lacher hervorruft. Schauspielerisch kommen vor allem zur Geltung: Jörg Gudzuhn, der Merlin und den Großvater mit Ruhe und Witz spielt, und Oliver Stokowski, der den bösen Zauberer Osmond gibt, hin und wieder dem schlechten Wortwitz zum Opfer fällt und gegen Ende einen Monolog vor dem Vorhang hält, in dem die Figur das Publikum direkt anspricht. Dieser ist fantastisch gespielt, leider erschließt er sich im Stückzusammenhang nicht ganz.

Die Szenerie ist wunderschön gestaltet, mit einem Bühnenbild von Julian Crouch, Lichtregie von Olaf Freese und Videomaterial von Joshua Higgason. Gemeinsam halten sie den Spagat zwischen Handlungs- und Bedeutungsebenen und sorgen für ein schlüssiges und ästhetisches Bild.

Auch musikalisch erfährt Purcells Werk eine Erweiterung. Um die langen Sprechszenen zu überbrücken, die durch die zusätzliche Handlung entstanden sind, entscheidet sich René Jacobs als musikalische Leitung dazu, Werke aus Purcells kammermusikalischem Schaffen einzubinden. Dies gelingt und wird von der Akademie für Alte Musik Berlin mit Präzision und Leichtigkeit umgesetzt. Bereits zu Beginn des zweiten Aktes wird der Dirigent mit Jubelrufen aus dem Saal begrüßt.

Trotz eines Infektes bringt Anett Fritsch eine großartige Leistung auf die Bühne und ist ein Höhepunkt des Abends. Sie springt und singt in vielerlei Kostüm als Philidel, Hirtin, Cupido, Sirene, Nymphe und Venus. Ihr Spiel überzeugt durch Charakterstärke und eine ausdrucksvolle, klare Stimme.

Robin Johannsen muss als weitere Sopranistin um ihren Platz im Rampenlicht kämpfen und hält sich wacker. Zuweilen wirkt ihr Spiel allerdings etwas schüchtern und ihre Tiefen lassen mancherorts an Tragweite vermissen.

Der Alt wird nach englischer Tradition mit einem Countertenor besetzt, was den Ensemblestücken einen besonderen Charakter verleiht. Benno Schachtner wirkt dabei zu Beginn noch etwas steif im Ausdruck, kann sich aber im Verlauf des Abends in verschiedenen Rollen beweisen.

Vor allem als „She“ und „He“ brillieren Robin Johannsen und Benno Schachtner in einem einfühlsamen Duett über die Liebe.

Die „Frost-Szene“ mit ihrer besonderen Behandlung der Singstimme, die das Beben in der Stimme eines frierenden Menschen abbildet, gewinnt durch Neal Davies’ präzisen und voluminösen Bass. Auch der Chor unter der Leitung von Martin Wright sei an dieser Stelle lobend erwähnt, da er das große Spektrum an Anforderungen nicht nur in dieser Szene souverän meistert.

Am Ende steht das Ensemble schließlich geschlossen mit Union Jacks in der Hand da und winkt dem Sohn hinterher, der nun auch Pilot wird und so wie sein Vater für England kämpft. Der Schluss erschafft eine seltsame Diskrepanz zwischen Patriotismus und doch-lieber-kein-Patriotismus, die von Bechtolf und Crouch nicht abschließend aufgelöst wird. König Arthur ist Vorbild und Abschreckung zugleich – vor allem aber ein verklärter Heiliger, dessen Sagen England in Vergangenheit und Gegenwart beeinflussen.

Gabriel Pech, 22. Mai 2018, für
klassik-begeistert.de

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.