„Wir möchten die klassische Musik revolutionieren, indem wir sie freier gestalten“

Interview mit Julius Darvas vom Janoska Ensemble

Foto: © Julia Wesely

Interview mit Julius Darvas vom Janoska Ensemble

Musik und Revolution stehen seit jeher in enger Verbindung. Mit viel Mut und Können machen es sich die Brüder Ondrej, František und Roman Jánoška gemeinsam mit ihrem Schwager Julius Darvas zur Aufgabe, die Klassik maßgeblich neu auszulegen. Warum das neuste Album eine Hommage an die Beatles ist, wie wichtig ihnen Improvisation ist, und was den „Janoska Style“ auszeichnet, erzählt der Kontrabassist Julius Darvas klassik-begeistert.at.

Interview: Antonia Tremmel-Scheinost

Herr Darvas, was macht Musik revolutionär?

Musik ist revolutionär, wenn man damit schlichtweg die Musikgeschichte verändern kann. Ein gutes Beispiel dafür sind die Beatles, denen es in den 1960er Jahren gelang, mit neuartigen wie genialen Rhythmen, Melodien, und Akkordfolgen die Popmusik zu revolutionieren. Unser neustes Album heißt Revolution, weil es eine Hommage an ebendieses Revolutionäre ist. Wir möchten die klassische Musik revolutionieren, indem wir sie freier gestalten. Es ist unser Ziel, Virtuosität, Leichtigkeit und allen voran Improvisation erneut in der Klassik zu verankern.

Es gibt viele Revolutionäre der Popgeschichte. Warum gilt Ihre Hommage ausgerechnet den Beatles?

(lacht) Während eines Asienfluges haben wir eine Beatles-Doku angeschaut und dabei einige Gemeinsamkeiten entdeckt: Wir sind zu viert, verstehen uns sehr gut untereinander und hegen eine ähnlich große Leidenschaft für gemeinsames Jammen, oder Improvisieren- auch im Studio, während Aufnahmen. Ihre einfache und trotzdem geniale Musik beeindruckt und inspiriert uns nach wie vor.

Trauen sich heutige Musiker nicht mehr zu improvisieren?

Ich denke schon. Es traut sich niemand mehr zu improvisieren, weil eine gewisse Angst vor der Reaktion des Publikums herrscht. Künstler vernehmen oft eine Barriere, wenn es um den autonomeren Umgang mit Werken geht. Das Janoska Ensemble hingegen legt Stücke klassischer Komponisten sehr frei aus. Dies geschieht jedoch behutsam und stets in höchstem Respekt vor dem Original.

Barockmusik gewährt ihren Interpreten durchaus große Freiheiten im Spiel.

Das stimmt. In der Barockmusik wurde sehr viel improvisiert, genauso wie in nachfolgenden Perioden. Damals wurden Kadenzen viel freier gespielt! Jene Kunst des Improvisierens ist heute leider verloren gegangen. Liszt, Paganini oder Bach hatten alle die Fähigkeit, brillant zu improvisieren und verglichen zu damals fehlt klassischen Musikern dieses Können leider.

Friedrich Gulda, sowie Gabriela Montero, Fazil Say oder Michael Gees sind für ihre eindrucksvollen Improvisationen bekannt…

Das stimmt, jedoch improvisiert keiner im Quartett. Die erwähnten Musiker haben das Improvisieren im Laufe ihrer solistischen Karriere erlernt. Das Janoska Ensemble hingegen hat diese Kunstfertigkeit von klein auf von zu Hause mitbekommen. Die gemeinschaftliche Improvisation wurde über sechs Musikergenerationen hinweg kultiviert. Ein solches Improvisieren untereinander gibt es in der klassischen Musik äußerst selten. Die Beatles haben ebenfalls oft zusammen improvisiert und dadurch tolle Stücke geschaffen.

Haben die Beatles etwas mit barocker Musik zu tun?

Unbedingt! Für Yesterday wurde eigens das Genre Pop/Barock geschaffen. Pop und Barock… das haben wir uns zu Herzen genommen. Revolution beinhaltet ein Stück, das die Bach Cello-Suite mit ebendiesen Beatles-Harmonien vereint. Wir haben somit unsere Version von Yesterday geschaffen.

Was macht ein gutes Arrangement aus?

Ein gutes Arrangement zeichnet sich maßgeblich durch seine Leichtigkeit im Klang aus. Wesenhaft sind ein großer Abwechslungsreichtum und eine gewisse Frische. Auch exemplarische Harmonien und Rhythmen sind uns als Ensemble wichtig. Ein optimales Arrangement muss Ohrwurmqualität haben. Wir spielen in einer seltenen Besetzung bestehend aus Klavier, Kontrabass, sowie zwei Violinen. Es gibt jedoch keine erste oder zweite Violine, sondern zwei in der Klangfarbe verschiedene erste Violinen, von denen eine jazziger, und die andere klassischer klingt. Das macht das Ganze klanglich spannend und vielfältig.

Zeichnet sich der „Janoska Style“ durch die Synthese von Klassik und Jazz aus?

Genau. Es gibt viele Ensembles, die wunderbar Jazz spielen können, aber es gibt sehr wenige Ensembles die sehr gut klassische Musik spielen, und auch wirklich authentisch Jazzmusik oder Lateinamerikanische Musik spielen können. Das macht das Janoska Ensemble besonders.

Wann spielen Sie vom Blatt?

Wir spielen auf der Bühne stets aus unseren Arrangements, wobei nur ein wenig mehr als die Hälfte niedergeschrieben ist. Der andere Teil unserer Performance besteht aus absolut freier Improvisation, unser Spiel ist an den Moment gebunden.

Verhält es sich mit dem Aufnahmeprozess im Studio ähnlich?

Im Zuge der Studioarbeit zu Revolution sind drei Stücke spontan entstanden, die es dann auch auf das Album geschafft haben.

Vertrauen Sie sich musikalisch blind?

Unbedingt. Wir können die Augen schließen und jeder weiß, wann der andere anfängt, oder wohin man beim Solo will, wann die Klimax kommt, wann Schluss sein sollte… um das zu gewährleisten muss man sich blind verstehen. Ich kenne die Jungs seit sie ungefähr 10 Jahre alt sind und wir musizieren seit vielen Jahrzehnten zusammen.

Wann sind Sie sich musikalisch uneinig?

Es gab natürlich Situationen, in denen wir uns uneinig waren, aber die kann ich an einer Hand abzählen. Unstimmigkeiten waren innerhalb von drei Minuten beseitigt, wir sind eine Familie. Es gibt immer einen Mittelweg, der allen recht ist.

Finden Sie es schön, wenn sich das Publikum anders als in einem rein klassischen Konzert verhält?

Dieser Umstand ist sehr wichtig. Bei unseren Konzerten klatschen Leute mit, sie bewegen sich zur Musik. Das macht unsere Konzerte sehr frei und schafft eine spezielle Atmosphäre, die vergleichbar mit Rockkonzerten oder Jazzkonzerten ist. In der klassischen Musik entsteht oft eine undurchdringbare Wand zwischen Künstler und Zuhörer. Diese versuchen wir mit unserer Musik abzubauen. Der Schlüssel heißt Interaktion, es ist ein Geben und Nehmen von positiver Energie.

Ein Titel auf Ihrem Album lautet Cole over Beethoven. Haben Sie etwas für das Beethoven-Jahr 2020 geplant?

Natürlich, das nächste Jahr steht auch bei uns unter dem Motto Beethoven. František (Anm. František Janoska) möchte eine Zusammenfassung der neun Beethoven-Symphonien in Form von kurzen Zitaten aller gängigen Hauptthemen kreieren. Beethoven hat ernste, schwere Musik geschrieben, doch wir wollen versuchen, diese lockerer zu gestalten, jedoch stets auf hohem Niveau. Somit führen wir im Idealfall immer neue Leute an die Klassik heran.

Das Gespräch mit Julius Darvas führte Antonia Tremmel-Scheinost am 30. Juli 2019 für klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at.

2 Gedanken zu „Interview mit Julius Darvas vom Janoska Ensemble“

  1. „Wir möchten die klassische Musik revolutionieren, in dem wir sie freier gestalten“. Geht‘s auch ˋne Nummer kleiner? Da sind vier Herren, die „die klassische Musik“ revolutionieren wollen. Was denn, die ganze klassische Musik? Und das auch noch, „in dem sie sie freier gestalten“. Ist klassische Musik unfrei, nur weil sich Musiker dem Notentext verpflichtet fühlen! Aus meiner Sicht gleicht der genannte Anspruch einem wahren Größenwahn.

    Prof. Karl Rathgeber

    1. Grüß Gott, Herr Prof. Rathgeber,

      sehr wohl empfinden einige Musiker die klassische Musik als „unfrei“. Dabei spreche ich nicht von mir. Einer Freundin, die leider vor kurzem verstorben ist, war sie sogar so unfrei, dass sie deshalb die geplante „Karriere“ als Geigerin im klassischen Bereich gleich während des Studiums an den Nagel gehängt hatte.

      Jürgen Pathy

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