Interview Xavier de Maistre: „Kultur ist ein einendes Element, das beschützt werden muss!“

Interview Xavier de Maistre, Harfenist   klassik-begeistert.de

„Harfe auswendig zu spielen ist eine große Herausforderung und eine hohe Kunst, deswegen tendiere ich dazu die Harfe als höchst intellektuelles Instrument zu betrachten.“

Foto: https://www.rbartists.at (c)

Die Karriere des Harfenisten Xavier de Maistre (* 22. Oktober 1973 in Toulon, Frankreich) ist einzigartig. Als einer der innovativsten und hervorragendsten Musiker seiner Generation definiert er die Grenzen seines Instruments laufend neu. Wie kein anderer ist ihm der Schritt vom Orchestermusiker, zuletzt bei den Wiener Philharmonikern, zum weltweit gefeierten Harfensolisten geglückt. Innerhalb der letzten Dekade befreite de Maistre das Instrument von Klischeebildern und etablierte die Harfe als solistisches Instrument. Davon zeugt sein neues Album „Serenata Latina“, in dem sich de Maistre zusammen mit Rolando Villazón der lateinamerikanischen Liedtradition annimmt. Mit Klassik begeistert hat sich de Maistre über das aktuelle Welt- und Musikgeschehen ausgetauscht.

von Antonia Tremmel-Scheinost, London

Klassik begeistert: Herr de Maistre, wie geht es Ihnen im Umgang mit der Pandemie?

Xavier de Maistre: Die Krise sorgt global für große Unsicherheit, die natürlich auch an mir nagt. Das Leben ist unberechenbar geworden. Es ist kompliziert für uns Künstler… Ich bin es gewohnt auf Jahre im Voraus mein Leben zu organisieren und plötzlich weiß ich nicht mehr wie die nächsten Wochen, oder sogar der nächste Tag aussieht. Die Pandemie hat eine große Umstellung, ja eine Zäsur in mein Leben gebracht. Man kann sich nur gedulden und hoffen, dass bald wieder Normalität einkehrt.

Hat die Politik Kunst und Kultur in der Corona-Krise vergessen?

Xavier de Maistre: Ich kann viele Schritte der Politik gut nachvollziehen, jedoch habe ich beispielsweise nicht verstanden, warum im Sommer viele Festivals abgesagt wurden, die im Freien stattgefunden hätten und ausgeklügelte Präventionskonzepte vorgestellt hatten. Österreich hat das Kulturgeschehen zwischen der ersten und zweiten Welle recht gut gemanagt, von Deutschland hingegen bin ich sehr enttäuscht. Ich hatte den Eindruck, dass Kultur von der dortigen Politik für überhaupt nicht wichtig gehalten wird. Es ist lächerlich Konzerte vor 200 anstatt vor 2000 Leuten spielen zu müssen. Das macht für mich keinen Sinn. Im Gegensatz dazu haben die Salzburger Festspiele und die Wiener Staatsoper sehr gute Zeichen gesetzt. Das muss man wirklich anerkennen.

Glaube Sie, wie von Simon Rattle unlängst befürchtet, dass viele Künstler schlichtweg den Beruf wechseln werden?

Xavier de Maistre: Auf der ganzen Welt gibt es viele Künstler, die ernsthaft überlegen den Beruf zu wechseln, weil sie schlichtweg dazu gezwungen sind. In Großbritannien wurde man zu diesem Schritt sogar aktiv von der Regierung ermutigt! Wenn dieser Zustand noch weitere lange Monate anhält, wird der Schaden wirklich immens, vielleicht sogar irreversibel sein. Nicht für Rundfunkhäuser oder öffentliche Veranstalter, sondern für die gesamte private Infrastruktur. Vielen freien Künstlern, Agenturen oder Festivals droht die Pleite. Wenn sie verschwinden, verschwindet auch ein großes Stück kultureller Vielfalt, und das macht mir Sorgen. Man muss dieses drohende Szenario mit aller Entschlossenheit verhindern. Hoffen wir, dass die Leute nach der überstandenen Krise hungrig nach Kultur sind und für einen Aufschwung sorgen. Ich fürchte nämlich, dass ein Teil des Publikums schlicht fehlen wird.

Sind Sie ein Pessimist oder Optimist?

Xavier de Maistre: Grundsätzlich bin ich ein Optimist. Obwohl ich immer versuche, positiv zu denken, hätte ich nie gedacht, dass ich mich auf einmal nicht mehr frei in meiner Heimat und in nahezu ganz Europa bewegen kann. Grenzen und erstarkender Nationalismus machen mir Angst. Ich befinde es für sehr wichtig solidarisch zu sein und die europäische Idee zu bewahren. Auch kulturell gesehen. Während der Konzerte, die ich in den letzten Monaten gespielt habe, hat man umso mehr gemerkt, wie sehr Kultur verbindet und bewegt. Auf der Bühne zu stehen und diese Momente mit dem Publikum teilen zu dürfen, ist ein wahres Glück. Kultur ist ein einendes Element, das beschützt werden muss!

 

Foto: Beatrice Waulin (c)

Was braucht es, um ein guter Harfenist zu werden?

Xavier de Maistre: Allen voran braucht es eine sehr gute Koordination, weil die Harfe nicht nur Saiten, sondern auch sieben Pedale hat. Ein gutes Gedächtnis, Sensibilität und ein außergewöhnliches Rhythmusgefühl sind ebenfalls essentiell. Die Harfe ist zwischen dem Klavier und Schlagzeug angesiedelt. In musikalischer Dynamik und Agogik bewandert zu sein, ist daher ebenfalls eine Grundvoraussetzung, um ein guter Harfenist zu werden.

Ist Harfe spielen mehr athletisch oder intellektuell?

Xavier de Maistre: Ich würde sagen, dass das Harfenspiel grundsätzlich eine Mischung von beidem ist. Es verlangt dem Spielenden sehr viel Virtuosität und gleichzeitig ein hohes Maß an Kraft ab. Man muss wirklich trainiert sein! Die Beherrschung der Harfe setzt ein gutes Erinnerungsvermögen und eine unglaubliche Koordination voraus. Harfe auswendig zu spielen ist eine große Herausforderung und eine hohe Kunst, deswegen tendiere ich dazu die Harfe als höchst intellektuelles Instrument zu betrachten.

Wie viele Harfen besitzen Sie? Und wo auf der Welt sind diese verteilt?

Xavier de Maistre: Ich besitze drei Harfen, die jeweils in Deutschland, Monaco und Paris stehen.

Konzert mit dem Guangzhou Symphony Orchestra

Und was passiert, wenn Sie außerhalb Europas konzertieren?

Xavier de Maistre: Dann werden mir am Aufführungsort Instrumente zur Verfügung gestellt. Normalerweise von einer bestimmten Harfenfirma, aber es kann auch passieren, dass ich eine völlig andere Harfe spiele. Flexibel zu sein ist das Um und Auf.

Ist es schwer sich an so eine Harfe zu gewöhnen?

Xavier de Maistre: Ja, oft ist es schwer. Ich würde natürlich gerne immer auf derselben Harfe spielen. Das Wichtigste ist aber, das Publikum nicht merken zu lassen, dass ich manchmal ein wenig Mühe mit der Umgewöhnung habe. Sicher klingt einiges auf der eigenen Harfe besser, aber für mich ist die Akustik des Saals bedeutsamer, als das Instrument an sich. Ich spiele lieber auf einer mittelmäßigen Harfe in einem Saal mit toller Akustik, als umgekehrt.

Ihr neues Album „Serenata Latina“ widmet sich zusammen mit Rolando Villazón der lateinamerikanischen Liedtradition. Erzählen Sie mir ein wenig zur Idee und der Entstehungsgeschichte des Albums.

Xavier de Maistre: Die Harfe spielt in der südamerikanischen Volksmusik eine wichtige Rolle. Für mich ist es das ideale Instrument, um diese besondere Literatur zu begleiten, denn die Harfe ist ein Kompromiss zwischen dem Volumen eines Klaviers und dem Farbreichtum einer Gitarre. Die Idee zu Serenata Latina kam mir bereits 2001, als die Witwe des Komponisten Aurora Nátola mich nach einem Konzert mit den Wiener Philharmonikern auf die Idee brachte südamerikanische Literatur für die Harfe zu transkribieren. Vor drei Jahren beschloss ich dann dieses Ansinnen zu meinem nächsten Projekt zu machen. Rolando erschien mir als der ideale Partner, weil er aufgeschlossen für neue Ideen ist und dieses Repertoire im Blut hat. Er hat sich sofort bereit erklärt, und das Endprodukt ist wunderschön geworden.

Wie ist die Auswahl der einzelnen Stücke abgelaufen?

Xavier de Maistre: Anfänglich hatte ich einige Ideen, die Rolando, sobald er mit der Harfe in diesem Kontext vertraut war, mit seinen Vorschlägen ergänzt hat. Es war ein gemeinsamer, harmonischer Prozess und ein sehr ergiebiger Austausch.

Und welche Meisterwerke der Klassik machen das Leben erträglicher?

Xavier de Maistre: (lacht) Bei mir ist das unterschiedlich. Oft bin ich bei Brahms, aber momentan höre ich viel Debussy. Der transparente, schwebende Klang von Debussy’s Klaviermusik inspiriert mich und hilft gut gegen eine so düstere, schwerfällige Zeit wie die jetzige!

Antonia Tremmel-Scheinost, 3. Dezember 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

 

 

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