„Ein kleines Weihnachtswunder“ im Opernhaus Glyndebourne

Christmas Concert, Aidan Oliver, Glyndebourne Tour Orchestra

„Ein offenkundig aus Deutschland stammender Besucher sagte halblaut, was kein Engländer, vor allem nicht an diesem Tempel der Hochkultur, auch nur zu denken gewagt hätte: „Nun gebt endlich Gas, Jungs.“ Er mochte letztlich Recht gehabt haben. Das Wiener Repertoire ist offenbar nicht die besondere Stärke dieses Orchesters – dafür umso mehr das englische.“

Christmas Concert, Glyndebourne, 5. Dezember 2020

Dirigent: Aidan Oliver
The Glyndebourne Chorus
The Glyndebourne Tour Orchestra

von Charles E. Ritterband

Auf der Website des Opernhauses Glyndebourne ist zu lesen: „Während diesem Jahr musste einem die Hoffnung, irgendein Weihnachtskonzert in Glyndebourne auf die Bühne zu bringen, vorkommen wie eine glitzernde Fata Morgana in der Wüste: Eine Perspektive, die einem den Mund wässrig machte, die aber immer mehr außer Reichweite in einen verwirrenden Dunst der Ungewissheit rückte.“ So war es denn auch nur konsequent, als sich der Dirigent und Chormeister Aidan Oliver zu Beginn des „Christmas Concert“ am Samstagnachmittag einem milden Lächeln an das Covid-distanziert zwischen leeren Fauteuils placierte Publikum wandte: Es sei doch „ein kleines Weihnachtswunder“, dass es gelungen sei, diese Aufführung zustande zu bringen.

Und es waren denn auch magische zwei Stunden, während denen – drei Wochen vor dem Weihnachtsfest – so etwas wie vorweihnachtliche Winterstimmung aufkam, während es draußen, im nunmehr verwaisten Park, schüttete statt schneite. Wunderbar beglückend vor allem die Chöre, in bester altenglischer Tradition. Für mich entschieden der Höhepunkt das – mir bis anhin unbekannte – kurze Werk „The Snow“ von Edward Elgar mit subtiler Chorbegleitung. Wenn man die Augen schloss, sah man tatsächlich leise den Schnee herniederrieseln, so wie dies, weit von hier, irgendwo in den Alpen genau in diesen Stunden offenbar geschah.

Überhaupt waren es die englischen Werke, welche die unbestreitbaren Highlights dieses kleinen Konzerts ausmachten: Gustav Holst „Christmas Day“ (mir ebenfalls nicht bekannt), dann „The Infant King“ und John Gardners „Tomorrow Shall Be My Dancing Day“. Unverzichtbarer Teil jedes besseren Weihnachtskonzerts hingegen ist Adolphe Adams berühmtes „Cantique de Noel“, fast so etwas wie ein Weihnachts-Gassenhauer, und „The Twelve Days to Christmas“ – nun, in Wahrheit waren es einige Tage mehr.

Einen besonderen Höhepunkt bildete „Christus“ des (jüdischen) Komponisten Felix Mendelssohn, wunderbar dargeboten vom Sopran Madison Nonoa-Horsefield, dem Tenor David Shaw und den beiden Baritonen Andrew Davies und Adam Marsden. Eine durchaus weihnachtliche Stimmung verbreitete in diesem Rahmen die Barcarole aus „Hoffmanns Erzählungen“, interpretiert von den beiden hervorragenden Sängerinnen Stephanie Lloyd (Sopran) und Eirlys Myfanwy Davies (Mezzo).

Glyndebourne, das rund 600 Jahre alte Landhaus, in dem in den 1930er-Jahren die ersten Opernaufführungen stattfanden. Im Hintergrund der moderne Bühnenturm.

Vielleicht sind es meine Wienerischen Ursprünge und die vielen Jahre, die ich in Wien in Opernhäusern und Konzerten verbringen durfte – aber weder die Ouvertüre zur „Hochzeit des Figaro“ noch der Champagner-Chor aus der „Fledermaus“ vermochten mich aus dem komfortablen Sitz zu heben. Das war einfach – bei aller Präzision und Musikalität des an sich ausgezeichneten Glyndebourne Tour Orchestra – doch viel zu brav und temperamentlos. Es fehlte, vor allem bei der „Fledermaus“, das Sprühen des Champagners in den Gläsern. Aber Sylvester ist noch weit entfernt, deutlich weiter als Weihnachten – und da kann noch viel geschehen.

Ich saß auf einem wunderbaren Platz, mitten in der letzten Reihe, mit herrlichem Blick auf die von zwei Weihnachtsbäumen flankierte Bühne. Das heißt: Ich meinte, in der letzten Reihe zu sitzen – denn als sich hinter mir ein Besucher während der Mozart-Ouvertüre lautstark äußerte, wurde mir unweigerlich bewusst, dass es hinter mir noch eine allerletzte Reihe gab. Und dieser offenkundig aus Deutschland stammende Besucher sagte halblaut, was kein Engländer, vor allem nicht an diesem Tempel der Hochkultur, auch nur zu denken gewagt hätte: „Nun gebt endlich Gas, Jungs.“ Er mochte letztlich Recht gehabt haben. Das Wiener Repertoire ist offenbar nicht die besondere Stärke dieses Orchesters – dafür umso mehr das englische.

Charles E. Ritterband, 8. Dezember 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Jacques Offenbach, „In the Market for Love” (Mesdames de La Halle), Glyndebourne, 24. Oktober 2020

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