"Show Boat" in Baden: Die Musik ist schwungvoll, wenn auch kein "Lenny"

Jerome Kern, Show Boat,  Bühne Baden, 17. März 2019

 Foto: © Lukas Beck | Zelotes E. Toliver
Bühne Baden, 17. März 2019
Jerome Kern, Show Boat

von Lothar und Sylvia Schweitzer

Bisher nur einmal und zwar im Jahr 1971, also vor ungefähr einem halben Jahrhundert, in der Volksoper Wien gesehen. Trotz vorherigen Studiums der Inhaltsangabe war uns das Stück  jetzt fremd, nur an den Bassbariton William Warfield konnten wir uns einigermaßen erinnern.

Neugierig fuhren wir nach Baden. Wie wird das Musical nach fünfzig Jahren auf uns wirken? Es wurde kein verlorener Nachmittag. Die Musik von Jerome Kern ist schwungvoll (Orchester der Bühne Baden unter der Leitung des Routiniers Franz Josef Breznik), wenn auch kein „Lenny“. Die Perfektion des Balletts, eines „Ensemblespassender Couleur, alle Szenenfotos und der Chor sind für das Gelingen der Produktion von Wichtigkeit. Choreografie: Michael Kropf und Uli Scherbel, beide mit interessantem Curriculum. 

Monika Biegler hat als Ausstatterin am Erfolg des Stücks ebenfalls großen Anteil. In der jahrzehntelangen Zeitspanne der Story wandeln sich akribisch die gefälligen Kostüme. Von den in Schwarz-Weiß gehaltenen, skizzenhaft gezeichneten Zwischenvorhängen gibt es im Programmheft leider kein Erinnerungsfoto.

Im Hintergrund der Handlung, die im neunzehnten Jahrhundert beginnt,  steht die Rassendiskriminierung in den USA. An ein Eheverbot können wir uns noch in Südafrika erinnern. Wohlgemerkt, als geschichtlichen Hintergrund. Der Regisseur Michael Lakner widersteht der Versuchung, das als Aktualisierung zum Hauptthema zu machen und Tagespolitik zu betreiben.

Das Musical umfasst eine lange Reihe von größeren und kleineren Rollen. Alle diese Interpreten, die sich mit am Erfolg dieser Produktion verdient gemacht haben, zu beschreiben würde eine Litanei bedeuten.

Die fast schon übliche Verwendung von Mikroports, nicht nur bei plötzlich indisponierten SängerInnen, wäre bei diesem Musical nicht notwendig gewesen und erschwert die Beurteilung der Stimmen. Auf Anfrage bei der Bühne Baden wurde uns mitgeteilt, das geschehe aus Rücksicht auf das ältere Publikum zur besseren Verständlichkeit der gesprochenen Texte. Zwar kann man Modulation, Timbre und Phrasierung hinlänglich bewerten, aber schwerer Tragfähigkeit und Volumen, was für uns die Sängerinnen und die Sänger zu einer gespaltenen Persönlichkeit werden lässt.

Ensemble © Christian Husar

An noch jungen, taufrischen Karrieren sind Valerie Luksch als Magnolia – die „Chava“ (Anatevka) des Operettensommers Kufstein 2018 – und Jil Clesse als Julie hervorzuheben. Ebenso die hochtalentierte Verena Barth-Jurca als temperamentvolle Soubrette Ellie May Chipley.

Zelotes Edmund Toliver ist uns schon aus den Achtziger-Jahren von den Bassrollen der Grazer Ring-Inszenierung, die auch nach Salzburg gegangen ist, bekannt. Im Gegensatz zum Bariton William Warfield kommen die ´großen A´s in „Ol´ Man River“ noch mächtiger und schwärzer. Beim jetzt Einundsiebzigjährigen merkten wir nur gegen Schluss der Aufführung beim Halten überlanger Töne leichte Atemschwierigkeiten. Seine Partnerin, die Köchin auf dem Show Boat, war Terja Diava, eine Idealbesetzung.

Und eine weitere sehr positive Erscheinung erlebten wir mit Thomas Weinhappel  als Ravenal, dem späteren Ehemann Magnolias. Wie er den zwielichtigen, labilen Verehrer und Werber darstellte und sang, war eine große und schöne Überraschung. Seine Phrasierungen waren vom Feinsten. Am liebsten hätten wir ihm sein Mikroport heruntergerissen, um seinen wunderschön klingenden Bariton direkter und ganzheitlicher zu genießen. Denn es stellt sich die Frage, wieso er bis jetzt international nur in der mährisch-schlesischen Provinz engagiert wird, ohne das kulturelle Leben in der Region abwerten zu wollen.

© Christian Husar

Das musikalische Multitalent Beppo Binder, Universitätsprofessor an der Privatuniversität der Stadt Wien für Musik und Kunst, Tenorbuffo, Regisseur und Librettist, darf mit seiner Persönlichkeit in der Rolle des Kapitäns ohne Weiteres etwas outrieren. Gut zu ihm als seine Frau Parthy ausgewählt Uschi Plautz. Thomas Weissengruber unterhält blendend als der untalentierte Schauspielergatte der Schauspielerin Julie. Der in „Aladdin und die Wunderlampe“ den jugendlichen Liebhaber spielende Benjamin Plautz ist als Partner der Soubrette Ellie eingesetzt.

Zufrieden fuhren wir in der Badner Bahn zurück nach Wien.

Lothar und Sylvia Schweitzer, Baden, 17. März 2019, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.de

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